Nachwuchsleiter des SSV Jahn im XXL-Interview Ligenstruktur, Auf- und Abstieg: Das wünscht sich Christian Martin

Im deutschen Fußball soll zukünftig allgemein wieder mehr Wert auf individuelle Förderung und auch die technische Ausbildung gelegt werden. Wie stehen Sie dazu?
Martin: Ich glaube schon, dass wir grundsätzlich in Deutschland in der technischen Ausbildung auf einem ganz guten Niveau sind. Aber in dieser Frage kommt genau das Thema zum Tragen, das wir gerade angesprochen haben: Wie hoch ist der Stellenwert von Ergebnissen im Jugendfußball? Dass es auch im Nachwuchsbereich oft schon vor allem um Ergebnisse geht, bringt die Trainer oft dazu, dass sie mehr Wert auf die Mannschaftsentwicklung oder das nächste Spiel legen als auf die individuelle Entwicklung der Spieler.

Wie könnte man dieses Problem angehen?
Martin: Man sollte sich Gedanken machen über die Ligenstruktur und das Thema Auf- und Abstieg im Nachwuchs. Ich finde zum Beispiel die Bezeichnung Bundesliga in der A- und B-Jugend deplatziert, weil den Spielern damit ein Stück weit suggeriert wird, sie hätten es schon geschafft. Und in diesem Bereich stehen dann auch die Ergebnisse für die Trainer an erster Stelle. Wer etwas anderes sagt, der erzählt Unsinn. Und ich frage mich, ob das die beste Voraussetzung ist, um Spieler langfristig zu entwickeln.

Was wäre Ihr Ansatz?
Martin: In anderen Ländern gibt es andere Modelle, ohne Auf- und Abstieg. Die Argumentation, man müsse die Spieler an den Ergebnisdruck gewöhnen, ist für mich aus der Luft gegriffen. Denn dann dürfte ja eine Nation wie Portugal niemals gute Spieler rausbringen. Das machen sie aber – und nicht zu wenig. Man muss auch an die Trainerausbildung rangehen und an die Kriterien, wie Trainer ausgewählt werden. Ich brauche Trainer, die meine Spieler entwickeln können und nicht zwingend einen, der mir das nächste Spiel gewinnt. Was nicht heißen soll, dass wir nicht auch gerne Spiele gewinnen (schmunzelt). Am Ende führt eine gute Entwicklung zwangsläufig auch zu guten Ergebnissen. Ein gewonnenes Spiel führt aber nicht automatisch auch zu einer guten Entwicklung der Talente. Es gibt zum Beispiel auch viele Spieler, die durchs Raster fallen, weil sie sich aus körperlichen Gründen nicht frühzeitig schnell entwickeln.

Wie setzt der Jahn in diesem Punkt an?
Martin: Wir versuchen schon, da einen anderen Weg zu gehen. Wir haben in unserem Einzugsgebiet Ostbayern nicht unendlich viel Potenzial, sondern müssen schauen, wo wir Perspektive sehen. Aber auch für uns ist es schwierig, die Balance zu finden. Denn wenn du am Ende in der Liga alle Spiele verlierst, dann wirkt das nach außen so, als würdest du keine gute Arbeit machen. Deshalb musst du einen Weg finden, beides unter einen Hut zu bringen, das ist aber nicht so einfach.

Welche Struktur würden Sie sich wünschen?
Martin: Ich würde mir wünschen, dass bis zu einem gewissen Altersbereich, sagen wir bis zur U16, jeder Spieler eine Pflichteinsatzzeit pro Spiel hat. In den Förderrunden in der U14 wird aktuell dreimal 30 Minuten gespielt. Da würde ich vehement vorschreiben, dass jeder Spieler mindestens ein Drittel spielen muss. Vielleicht ist dann das Ergebnis ein anderes. Aber was interessiert uns am Ende mehr: Das Ergebnis, oder dass jeder Spieler mitgenommen wird? Selbst im Alter von 14, 15 Jahren kann man keine valide Talentprognose machen, da spielen so viele Faktoren eine Rolle. Im aktuellen System werden aber viele Spieler frühzeitig aussortiert.

Selbst ein aktueller Weltklassespieler wie Marco Reus wurde einmal in Dortmund aussortiert…
Martin: Genau und da gibt es viele Beispiele. Andere Spieler tauchen aber dann später nicht mehr woanders in der Spitze wieder auf, sondern hören vielleicht ganz mit dem Fußball auf.

Weitere Artikel

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading