Nachwuchsleiter des SSV Jahn im XXL-Interview Christian Martin über Schule, Scouting und die Auswahl der Spieler

Sie haben vorhin schon angesprochen, dass nicht nur die sportliche Entwicklung wichtig ist, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung und die schulische Ausbildung. Wie arbeitet der Jahn in diesen Bereichen?
Martin: Wir haben zwei Ausbildungspläne: Einen für das Fußballerische und einen was Pädagogik, Psychologie und Gesundheit angeht. Da werden die Jungs immer mal wieder gezielt geschult. Es gehört zum Beispiel dazu, dass sie sehr eigenverantwortlich agieren, um Schule und Fußball unter einen Hut zu bringen, denn das ist schon anspruchsvoll. Wir lassen die Spieler einen Wochenplan erstellen, damit auch die Trainer ein Gefühl dafür haben, was die Kinder und Jugendlichen alles leisten und auch mal Verständnis haben, wenn ein Spieler im Dienstagstraining nicht ganz so konzentriert ist, weil er bis 17 Uhr Schule hatte.

Schule oder Fußball – was geht am Ende vor?
Martin: Ich mag diese Sichtweise nicht, wir sollten es hinkriegen, dass beides gemeinsam funktioniert. Ich halte auch nichts davon, einen Spieler mit Trainingsverbot zu bestrafen, wenn es eine schlechte Note gab. Vielmehr wollen wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass auf der Schule eine hohe Priorität liegt.

Wie sieht das Scouting im Jahn-Nachwuchs aus?
Martin: Die jüngste Mannschaft seit dieser Saison ist die U11, darunter haben wir keine Mannschaft mehr. Davor wollen wir die Spieler in ihren Heimatclubs lassen, bieten in dem Bereich aber auch ein Talenttraining an. Mit dem Scouting fangen wir aber schon in der U8 und U9 an, damit wir einen Überblick haben. In den älteren Jahrgängen haben wir dann jeweils Fahrzeiten definiert, bei denen wir noch sagen: Das ist vernünftig. Wir werden also sicher keinen U11-Spieler aus Waldkirchen holen, weil das nicht ohne unverhältnismäßig großen Aufwand machbar ist. Ab einem gewissen Alter ist dieser Aufwand dann aber nötig. Man muss immer die sportliche Förderung und den dafür nötigen Aufwand abwägen. Im Leistungssport ist es einfach auch nötig, viel auf sich zu nehmen.

Wie groß ist der Bereich, in dem der Jahn nach Talenten sucht?
Martin: Als Kernsichtungsgebiet haben wir Niederbayern und die Oberpfalz für uns definiert. Vereinzelt kommt es dazu, dass wir einen Spieler darüber hinaus verpflichten, mal aus dem Nürnberger oder Münchner Raum. Aber bis zur U15 sind alle Spieler aus dem Kernsichtungsbereich und auch danach sind es noch 90 bis 95 Prozent.

Ist es langfristig ein Ziel, ein Vereinsinternat zu schaffen?
Martin: Langfristig ist das sicher eine Überlegung, aber es gibt da noch keine abschließende Entscheidung. Es wird sich in den nächsten Jahren sicher weiter etwas tun. In welche Richtung das dann geht, ist aber noch offen.

Wie sieht es mit der Fluktuation im Nachwuchsbereich aus?
Martin: Wir legen grundsätzlich einen hohen Wert darauf, dass wir wenig Fluktuation haben. Wenn du dich entscheidest, mit einem Spieler zu arbeiten, dann musst du mit ihm auch einen gewissen Weg gehen. Du musst ihm auch die Zeit geben, dass er mal ein Tal durchschreiten darf. Die Entwicklungen verlaufen unterschiedlich, es gibt einfach mal bessere und schlechtere Phasen. Trotzdem passiert es auch einmal, dass es nicht passt und man auch mal unangenehme Entscheidungen treffen muss. Mit rund 80 Prozent Durchlässigkeit zwischen den Altersstufen liegen wir im Bundesschnitt aber relativ hoch.

Wie oft beobachten Sie einen Spieler, bevor Sie ihn zum Jahn holen und wie setzen Sie sich mit den charakterlichen Eigenschaften der Spieler auseinander?
Martin: Wir haben in Ostbayern sieben Scouts, die zusätzlich zu unseren Trainern interessante Spieler identifizieren. Diese werden dann meist zu Probetrainings eingeladen. Dann ist die Wahrscheinlichkeit schon einmal hoch, dass es aus unserer Sicht passen könnte. Im Training sehen wir dann, wie der Spieler fußballerisch agiert, aber auch, wie er innerhalb der Mannschaft auftritt. Über das Gespräch mit den Eltern und dem Spieler bekommt man dann ein Gesamtbild. Die Scouts machen sich aber auch in der Vorauswahl schon Gedanken über gewisse Verhaltensweisen eines Spielers. Wenn einer nach jedem Tor für sich alleine jubelt und einen achtfachen Flickflack macht, dann ist das nicht unbedingt die Art von Spieler, die wir richtig gut finden (lacht). Das passt nicht zur Bodenständigkeit, die uns wichtig ist. Manchmal wirken auf Spieler gewisse Einflüsse und sie machen den Torjubel zum Beispiel, weil sie ihn ihm Fernsehen gesehen haben. Wenn du dann mit ihm arbeitest und redest, dann versteht er auch, dass es nicht so angebracht ist, wenn er das in der U13-Förderrunde macht.

Auf Seite 4 des Interviews spricht Christian Martin über den Einfluss der Eltern in den Jahn im NLZ-Vergleich

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