Nachwuchsleiter des SSV Jahn im XXL-Interview Christian Martin über den Einfluss der Eltern und den Jahn im NLZ-Vergleich

Stichwort Einflüsse: Da dürften auch das Thema Eltern eine große Rolle spielen.
Martin: Ja, klar. Sie haben natürlich den größten Einfluss auf ihr Kind. Es ist immens wichtig, dass das Elternhaus die Reise des Kindes unterstützt, es aber auch richtig einschätzt – realistisch, aber schon auch mit Ehrgeiz und einer gewissen Fantasie verbunden. Das ist für uns schon auch ein Kriterium. In erster Linie muss ein Kind Fußball spielen können. Aber wenn wir merken, es sind Helikopter-Eltern, die das Kind bei fünf Vereinen gleichzeitig ins Schaufenster stellen, dann sagen wir schon: Entscheiden Sie sich bitte zwischen den vier anderen Vereinen. Wir wollen schon ein klares Commitment zum Jahn.

Wie gehen Sie mit den Eltern um?
Martin: Kommunikation ist uns grundsätzlich sehr wichtig. Wir haben vor der Saison Elternabende für alle Teams. Da sagen wir auch klar: Die Eltern können immer auf den Trainer oder Koordinator zugehen und ein Gespräch führen – allerdings nicht jede Woche über die Aufstellung. Zudem halten wir es zum Beispiel nicht für förderlich, für die Kinder selbst und das Arbeitsklima insgesamt, wenn beim Training die Eltern jedes Mal draußen stehen.

Seit letztem Jahr ist der Jahn als Profi-NLZ zertifiziert. Und kaum hat man den ersten Stern, schon wird die Sternebewertung abgeschafft. Eine Maßnahme, die aber dennoch sinnvoll ist, oder?
Martin: Absolut. Die Zertifizierung war super, um den Nachwuchsfußball weiterzuentwickeln und das hat den Jugendfußball in Deutschland sicher brutal vorwärtsgebracht. Aber es gibt eben sehr viele Formalitäten und oft ist es so, dass vieles auf dieses System hin getrimmt wurde. Da war sicher auch viel Gleichmacherei dabei. Die NLZ in Deutschland sind aber oft unterschiedlich strukturiert und ich finde das zeichnet uns in Deutschland auch aus, dass an vielen Orten unterschiedliche, aber sehr gute Arbeit geleistet wird. Deshalb ist die individuelle Analyse, die es zukünftig geben soll, jetzt der bessere Ansatz.

Wo steht der Jahn im Vergleich zu anderen Profi-NLZ?
Martin: Dadurch, dass wir noch ein sehr junges NLZ sind und mit dieser Professionalität und diesen Strukturiertheit erst seit ein paar Jahren arbeiten, haben wir in einigen Punkten sicherlich noch Nachholbedarf. Ein augenscheinlicher Punkt ist die Infrastruktur. Da sind wir auf guten Wegen, aber man kann nicht innerhalb von ein paar Jahren in diesem Bereich aufholen, was andere 20 Jahre voraus haben. Das zweite Thema ist das Personal, die Hauptamtlichkeit. Auch hier gehen wir einen Schritt nach dem anderen. Wir haben schon brutal aufgeholt, was die Hauptamtlichkeit angeht. Trotzdem haben wir aber darauf geachtet, unsere Linie beizubehalten und großen Wert darauf gelegt, welche Leute wir reinholen. Es ist schon eine Gefahr, wenn du schnell wächst, dass du deine Linie verlässt. Wichtiger als schnelles Wachstum ist uns aber, dass wir die Art, wie wir arbeiten und den Grundgedanken fortführen. Inhaltlich sehe ich uns in vielen Bereichen sogar ein Stück besser als andere NLZ, weil wir auf viele Dinge Wert legen, die für die Jungs in ihrer Entwicklung einfach gut sind.

Es heißt, dass die Konkurrenzsituation im Nachwuchsbereich immer mehr zunimmt, dass immer aggressiver um die besten Talente geworben wird. Wie empfinden Sie das?
Martin: Ich finde, dass sich da nicht viel verändert hat, das ist seit circa 15 Jahren so. In Bayern gibt es mittlerweile neun Bundesliga-NLZ. Jedes davon hat ein eigenes Scouting, eine Zielsetzung und will die besten Spieler bekommen. Deshalb hast du natürlich grundsätzlich eine große Konkurrenzsituation. Wir haben vielleicht durch unsere Lage noch eine andere Situation als zum Beispiel die Münchner Vereine. Wir müssen nicht auf Gedeih und Verderb schon einen U9-Spieler holen, weil er sonst zum Nachbarn geht. Aber gerade im älteren Bereich passiert es schon, dass neben uns mehrere Vereine an einem Spieler dran sind. Dann ist es für uns wichtig, trotzdem nichts Verrücktes zu machen. Wir agieren dann genauso, als wäre kein anderer Verein interessiert, zeigen dem Spieler auf, was wir mit ihm vorhaben. Wenn sich dann ein Spieler von Dingen wie dem schickeren Trainingsgelände oder der Liga der ersten Mannschaft blenden lässt, wenn ihm das wichtiger ist, als der Inhalt und seine Perspektive, dann ist er für uns ohnehin nicht der richtige Spieler.

Kann der Jahn seine besten Talente inzwischen halten?
Martin: Ja. Im letzten Jahr hat uns kein Spieler verlassen, bei dem wir eine richtig gute Perspektive gesehen haben. Das ist die letzten Jahre immer weniger geworden und das ist ein gutes Zeichen. Wenn wir das hier richtig gut machen, gibt es für mich keinen Grund wegzugehen. Du hast hier heimatnah sehr gute Bedingungen um dich weiterzuentwickeln. Wir haben die Möglichkeit, die Spieler von unten bis oben auf einem maximal hohen Niveau zu fordern. Wenn ein Spieler in der U19 unterfordert ist, dann spielt er eben vorzeitig in der U21, da ist er ganz sicher gefordert. Wenn wir nach und nach immer wieder Spieler hochbringen wollen, dann ist es auch einfach notwendig, dass wir die Spieler halten können.

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