Leben mit Trauma

Die da in mir wohnen

Emma lebt mit Dissoziativer Identitätsstörung – einer Diagnose, die kaum bekannt ist; dabei ist sie eine Überlebensstrategie nach schwerem Missbrauch. Ein Besuch in einer Welt, die aus Schmerz geboren wurde.

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Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Warum verletze ich mich? 'Das sind Fragen, die ich mir immer wieder stelle', sagt Emma. 

Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Warum verletze ich mich? "Das sind Fragen, die ich mir immer wieder stelle", sagt Emma. 

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Eines Nachts steht Emma barfuß auf einem Gehweg. Verloren, allein. Der Asphalt unter ihr kalt. Sie trägt nur einen Pyjama. Kein Haustürschlüssel, kein Handy, kein Geld, kein Plan. Emma tastet nach Erinnerungen: Wie bin ich hierhergekommen? Sie findet nichts.

Bis heute weiß Emma nicht, was sie auf die Straße getrieben haben könnte. „Es war, als hätte jemand anderes mein Leben übernommen.“ Sie vermutet, dass sie jemand dorthingebracht hat. Lotta vielleicht, weil sie frech und manchmal trotzig ist. Oder Nele, die auf der Suche nach Schutz war.

Emma, die in Niederbayern wohnt, heißt in Wahrheit anders. Ihr Name wurde von der Redaktion geändert - denn die 45-Jährige ist nicht allein. Sie hat zehn Persönlichkeiten; zehn Arten, die Welt zu begreifen. Ärzte nennen es: Dissoziative Identitätsstörung, kurz DIS.

Zwar sind psychische Erkrankungen in Deutschland weit verbreitet. Fast jeder Dritte erkrankt im Lauf seines Lebens psychisch, so das Gesundheitsministerium. Doch könnte man die Dissoziative Identitätsstörung nahezu einen Einzelfall nennen - ihr Anteil liegt je nach Studie weltweit zwischen 0,5 und drei Prozent.

Manchmal, sagt Emma, hat sie Angst, dass sie jemand mitnimmt

Einige Fachleute sehen in der DIS eine umstrittene Diagnose - schwer abgrenzbar, nicht immer belegbar. Auch Emmas Psychiaterin zweifelt über ihre Innenwelt. Dann sitzt Emma stumm da und fragt sich: Bin ich eine Betrügerin?

Doch dann kommen Tage, da schreit die 45-Jährige an der Kasse von Lebensmittelläden nach Süßigkeiten. Manchmal öffnet sie den Kühlschrank zu Hause und findet Essen, das sie nie gekauft hätte - Dinge, die sie nicht mag. In ihrem Kleiderschrank hängen Blusen. Zu eng, zu bunt, irgendwie fremd. Unterschiedliche Handschriften tauchen in ihren Tagebucheinträgen auf. So hinterlässt sich das „System“, wie sie es nennt, Nachrichten. Damit jeder Tag, der einem Puzzle gleicht, irgendwie Sinn ergibt.

Es gibt auch Tage, sagt Emma, an denen sie Angst hat, dass sie jemand mitnimmt. Was, wenn sie jemand an die Hand nimmt, wie ein kleines Kind, das nicht weiß, dass es aufpassen muss? Wenn Nele oder eine der anderen jüngeren Persönlichkeiten übernimmt, ist sie nicht mehr sie selbst - zumindest nicht als 45-jährige Frau. Emma spricht das leise aus: „Es reicht ja schon, dass jemand nett schaut oder fragt, ob ich mich verlaufen habe.“

„Ich war immer die, die Angst hatte, schüchtern war, die sich einnässte“

Emmas „System“ hat sie durch eine Kindheit getragen, die eigentlich keine war. Die Eltern lebten getrennt. Emma hat von ihnen kein liebes Wort gehört. Sie hatte keine Spielsachen. Wie ihr Kinderzimmer aussah? Eine Matratze, ein Stuhl und eine nackte Glühbirne.

Emma lernte früh: Vertrauen ist gefährlich. Ihre Mutter, so sagt sie, habe sie bereits in den ersten Lebensjahren immer wieder „weitergereicht“ - an Emmas geschiedenen Vater, der nebenan gewohnt hat. Emma meint sich an ihre blauen Flecken während ihrer Grundschulzeit zu erinnern. „Ich war immer die, die Angst hatte, schüchtern war, die sich einnässte und selbst im Sommer lange Sachen trug. Ich wurde gehänselt, geschnitten, nicht beachtet“, sagt Emma.

Ihr Körper überlebte das - die Gewalt, das Schweigen. Ihre Psyche nicht. Zumindest nicht als Ganzes. Sie suchte sich einen Notausgang.

Heute weiß Emma: Dass sich in ihrer Kindheit etwas formte, das ihr das Überleben sicherte. Ihre Identität spaltete sich ab, zerbrach in Stücke. Sie erzählt von sexuellem Missbrauch, Schlägen, Schweigen, eingesperrt sein.

Wenn man heute mit Emma spricht, weiß man nicht immer, wer einem gegenübersitzt. Mal ist es eine Erwachsene, mal ein Kind. Lotta ist eine von ihnen. Zehn Jahre alt. Frech, laut, mutig. Sie muss sich vor Emma gestellt haben, wenn es gefährlich wurde. Manchmal auch an ihre Stelle.

Nele ist sechs. Leise, zurückgezogen. Sie kauerte sich zusammen, hielt still, damit alles schneller vorbei ging. Sie sah sich Bücher an, wenn alles zu viel wurde. Bilder, weil sie die echten wohl nicht ertragen konnte. In den dunkelsten Momenten hilft Nele Emma auch heute noch. Sie mailt der Therapeutin, so gut es mit sechs Jahren eben geht: „Ich tu ima schreibn wen ema nich kann.“

Manche Anteile sind so jung, dass sie nicht sprechen können. Andere dürfen nicht. Es gibt Persönlichkeiten, über die Emma schweigt - aus Angst vor Strafe. Drei davon tragen die Stimmen der Täter in sich, die Emma immer wieder auffordern, sich kleinzumachen, sich selbst zu verletzen. Sie machen, woran Emma nicht mal denken will.

Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.
Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.
Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.
Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.
Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.
Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.
Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.
Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.
Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.
Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.
Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.
Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.
Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.
Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.
Ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Emma verarbeitet ihre Vergangenheit in Bildern.

Was dann passiert, weiß Emma oft erst später. Wenn sie wieder bei sich ist, sieht sie Spuren: Blutkrusten und verheilte weiße Furchen in ihrer Haut.

Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Warum verletze ich mich? „Das sind Fragen, die ich mir immer wieder stelle“, sagt Emma. Sie trägt sie mit sich, durch jeden Tag. Auch an jenem Vormittag, an dem sie sich mit unserer Redaktion in einem Café am Stadtplatz von Deggendorf trifft. Ihre Kaffeetasse ist längst leer. Ihre Finger kreisen über einen kleinen Plastikball mit Spitzen. Sich mit dem Ball zu piksen hilft ihr, wenn sie den Kontakt zur Gegenwart verliert. Ein Zacken sticht zu tief rein. Jetzt rinnt Blut aus ihrem rechten Zeigefinger.

„Ich bin ihnen noch nicht entkommen“

Das Café wirkt friedlich. Für Emma ist es das nicht. Schon der Weg dorthin erfordert Planung - welcher Anteil spricht, wer schweigt?

Oma Anke muss an diesem Morgen bereits da gewesen sein. So nennt Emma eine weitere innere Stimme. Sie muss die 45-Jährige ins Café gebracht haben, weil sie das Autofahren gerne übernimmt. Beim Gehen hinkt sie.

Für Emma fühlen sich Momente, in denen ein Anteil übernimmt, an wie ein Tagtraum. Nicht sanft, sondern fremdgesteuert. „Andere sehen das manchmal - meine Augen flackern, meine Stimme und Stimmung kippen, meine Mimik verändert sich.“ Manchmal sitzt Emma aber auch einfach nur da. Reglos. Abwesend. „Dann bin ich wie eingefroren.“ Ein Wort, ein Duft, ein Geräusch - und der Körper erinnert sich. Emma wird später nicht wissen, was der Auslöser war - genauso wie damals, als sie plötzlich im Pyjama auf der Straße stand. Doch in ihr hallt die Bedrohung nach, die aus den dunklen Ecken ihres Bewusstseins kriecht. Zigarettenrauch - wie damals, als sich einer, der sich an ihr vergangen haben soll, sich eine Kippe angezündet hat. Sirenen, Musik, ein zu lautes Lachen. Dann schiebt sich alles übereinander. Vergangenheit drängt in die Gegenwart.

Was dann folgt, ist der Impuls zur Selbstverletzung. Da fürchtet Emma, dass es eines Tages zu viel wird. Dass sie dann stirbt. Manchmal denkt sie darüber nach, ob das alles Konsequenzen haben müsste - vor Gericht, gegenüber denjenigen, die ihr das angetan haben. Sie schiebt den Gedanken seit fünf Jahren weg.

Manchmal kehrt wieder Bewegung zurück - da schafft Emma die Tage gut. Dann backt sie Kuchen, lernt für ihr Fernstudium, organisiert eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit derselben Diagnose. Dann ist sie mit ihren Töchtern unterwegs. An solchen Tagen spürt sie Hoffnung. Ob ihre Kinder es merken, wenn jemand anderes spricht? „Ich hoffe nicht.“

Manchmal wirkt es, als wäre Emma nie ganz zurückgekehrt

Therapie soll Ordnung bringen, aber oft bringt sie nur mehr Wahrheit. Das ist für sie nur schwer zu ertragen. Dann werden die Tage dunkel und zäh. Dann geht nichts. Kein Einkauf, kein Duschen, kein Kontakt zu Freunden. Und wenn Emma sich wiederfindet, erschrickt sie über die Nachrichten, die Nele an ihre Therapeutin geschickt hat. „Ich kann mich nicht daran gewöhnen“, sagt Emma. „In der Therapie zu erfahren, was in meiner Kindheit vorgefallen ist.“

Emma hat sich von ihrer Herkunftsfamilie entfernt, über Bundesländer hinweg. „Einfach gemacht“, sagt sie über ihr Leben nach dem Auszug. „Alles weggesperrt. Funktioniert.“ Seitdem ist nichts mehr wie früher. Und doch: „Ich bin ihnen noch nicht entkommen.“

Auch deshalb lebt die 45-Jährige heute allein - aus Selbstschutz. Anfang des Jahres hat sie sich von ihrem Mann getrennt: „Häusliche Gewalt“, sagt sie. Mehr nicht.

Derzeit befindet sich Emma in einer Klinik. Dort hilft man ihr herauszufinden, was es bräuchte, um Anzeige zu erstatten: alte Kleidung, Namen, Zeiten, Beweise. Als ließe sich so etwas wie jahrelanger Missbrauch auf eine Stunde genau festnageln. Und doch: Ihre Erinnerungen reichen Jahrzehnte zurück.

„Ich habe Angst, dass ich das nicht schaffe“, sagt sie. Angst davor, zusammenzubrechen. „Davor, dass sich Persönlichkeiten melden, die alles verleugnen“, die sie zurückhalten. Angst, dass sie das alles noch einmal erzählen muss. Immer wieder. Vor Fremden, vor der Polizei, vielleicht eines Tages vor Gericht. Seit Jahren denkt sie darüber nach, Anzeige zu erstatten. Bisher hat sie sich nicht getraut. Jetzt ist sie in der Klinik. Geschützt. Begleitet. Und vielleicht bereit.

Manchmal wirkt es, als wäre Emma nie ganz zurückgekehrt. Als stünde sie immer noch dort: barfuß, auf kaltem Asphalt. Sie ist noch nicht zu Hause - aber auf dem Weg dahin.

Wenn sich das Ich spaltet

Dissoziation ist ein Phänomen, das viele Menschen kennen: Wer schon einmal auf dem Weg nach Hause war und sich später nicht mehr an die Strecke erinnert, hat dissoziiert – die bewusste Wahrnehmung wurde kurzfristig abgeschaltet. Bei der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) ist dieser Mechanismus jedoch extrem ausgeprägt, so Prof. Berthold Langguth, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie sowie Chefarzt am Medbo Bezirksklinikum Regensburg. Betroffene, die häufig schwere Traumatisierungen in ihrer Kindheit erlebten, spalten verschiedene Persönlichkeitsanteile ab, um sich vor überwältigenden Erlebnissen zu schützen. Die unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile agieren häufig autonom und nehmen unterschiedliche Lebensperspektiven ein.

Dissoziative Zustände werden dann zur Krankheit, wenn sie mit starkem Leidensdruck verbunden sind. „Betroffene erleben Lücken im Gedächtnis oder handeln in Zuständen, an die sie sich später nicht erinnern“, sagt Langguth. Solche Zustände erschweren eine Therapie – etwa, weil sie Betroffene daran hindern, sich belastenden Erinnerungen zu stellen und neue Erfahrungen zu machen. Ziel einer Therapie ist eine stabile und gesunde Integration der Anteile, um den Betroffenen zu helfen, ein funktionierendes und erfülltes Leben zu führen. 

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