Freischreiben Kein Luxusproblem: Marie Klostermeier über die Vorwürfe gegen vegane Ernährung

Wer vegetarisch oder vegan lebt, muss nicht immer zu teuren Ersatzprodukten aus dem Biomarkt greifen. Vegane Produkte gibt es mittlerweile auch im Supermarkt und im Discounter. Foto: Marius Becker/dpa

Teuer, ungesund, sinnlos – das wird der vegetarischen und veganen Lebensweise häufig unterstellt. Marie Klostermeier (16) aus Parkstetten im Landkreis Straubing-Bogen lebt selbst vegan und geht auf die häufigsten Vorwürfe ein. 

Mein Alltag als Veganerin: Zum Frühstück esse ich einen rohen Block Tofu, für den der Regenwald abgeholzt wurde. Danach fahre ich mit meinem SUV in den Biomarkt, was ein großes Loch in meinen Geldbeutel frisst. Darauf folgt mein liebster Tagespunkt: Ich stelle mich vor die Fleischtheke und starre alle, die etwas kaufen wollen, vorwurfsvoll an. Abends lade ich dann meine Freunde ein und zwinge sie, mein Essen zu essen und will sie bekehren, auch vegan zu leben, um die Welt zu retten. So zumindest das Klischee. Der Alltag der meisten Veganer sieht natürlich anders aus. Oft sind sie es, die sich verteidigen müssen, weil ihre Ernährungsweise aus dem Raster fällt. Dann werden Klischees und Vorurteile ausgegraben, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Deshalb will ich die Vorwürfe und Aussagen über Veganer, mit denen ich bisher am häufigsten konfrontiert wurde, an dieser Stelle widerlegen.

Vorwurf Nummer 1: „Veganer essen nur Gemüse und Ersatzprodukte!“

Genauso wenig wie der Mischköstler den ganzen Tag ausschließlich Fleisch isst, beschränkt sich der Veganer nur auf Gemüse. Auf einem gut durchdachten pflanzlichen Speiseplan stehen neben viel Obst und Gemüse auch Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte, Samen und Nüsse. Alles Komponenten, die sich auch in einer gesunden omnivoren Ernährung wiederfinden, also in einer Ernährung, in der neben pflanzlichen auch tierische Produkte auf den Tisch kommen. So kann man sich vegan ernähren, ohne einen Proteinmangel zu bekommen.

Als Argument in vielen Diskussionen wird oft auch das Vitamin B12 genannt – der einzige Nährstoff, der in Pflanzen nicht ausreichend zu finden ist. Viele Menschen, auch die, die sich nicht vegan ernähren, entscheiden sich daher für Nahrungsergänzungsmittel. Ein Schritt, der für manche unnatürlich scheint. Aber überleg’ doch mal: Wo wären wir heute, wenn alles Unnatürliche immer per se als schlecht abgeschrieben worden wäre? Eine Ernährungsweise ist das, was man aus ihr macht. Natürlich muss die Nährstoffzufuhr gut geplant sein. Aber das sollte sie in jeder Ernährungsform sein. Außerdem bringt der Verzicht auf Fleisch durchaus gesundheitliche Vorteile. Laut der „Welt“ steigt das Darmkrebsrisiko bei einem täglichen Verzehr von 160 Gramm rotem Fleisch um etwa ein Drittel an.

Vorwurf Nummer 2: „Veganer essen Soja, für das der Regenwald abgeholzt wird!“

Tofu, Tempeh und Soja-Milch – viele Veganer und Vegetarier greifen gerne auf solche Lebensmittel zurück. Aber nicht unbedingt als Fleischersatz, da Tofu nun mal nicht nach Fleisch schmeckt. Konsumiert wird es trotzdem zuhauf. Laut dem WWF wird für den Anbau von Soja weltweit eine Fläche von über einer Millionen Quadratkilometer benötigt. Das entspricht etwa der Größe von Deutschland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden zusammen. Oft muss für diese Anbauflächen der Regenwald weichen. Allerdings enden 80 Prozent der Erträge nicht bei uns Veganern, sondern als Futter in der Nutztierhaltung. Nur sechs Prozent landen tatsächlich auf den Tellern der Menschen, nicht nur in Form von Tofu. Jeder muss selbst entscheiden, inwieweit er das unterstützen will. Da bringt es nichts, sich gegenseitig zu beschuldigen.

Vorwurf Nummer 3: „Iss doch einfach Fleisch von glücklichen Tieren!“

Oft stößt das vegane Leben nicht zuletzt auf Unverständnis, da es inzwischen eine breite Palette an Bio-Produkten gibt, die eine bessere Tierhaltung versprechen. Aber besser bedeutet eben nicht automatisch gut. Durch verschiedene Siegel und Plaketten lässt sich die Qualität der Produkte ablesen, aber zuletzt endet jede Nutztierhaltung gleich: Ein Tier muss sterben. Zudem sollte man sich die Frage stellen: Was liegt im Rahmen meiner Kontrolle? Nicht alles, was wir essen, kochen wir selbst. Somit lässt sich die Herkunft der verwendeten Produkte oft nur schwer bestimmen.

Vorwurf Nummer 4: „Vegan – das ist viel zu teuer und ein Luxusproblem!“

Ja, wenn man sich nur von Ersatzprodukten aus dem Biomarkt ernährt, ist das vegane Leben teuer. Aber auch eine omnivore Ernährung kommt im Biomarkt nicht kostengünstiger weg. Man kann vegane Produkte auch bequem im Discounter kaufen, ohne stundenlang suchen zu müssen. Das sind dann oft Grundnahrungsmittel, die sogar im Vergleich zum Billigfleisch den Geldbeutel schonen. Und auch daraus kann man mit den richtigen Rezepten Gerichte in Restaurant-Qualität zaubern.

Außerdem spart die vegane Ernährung noch etwas ganz anderes ein: Ressourcen. Bis zu 21 pflanzliche Kalorien müssen für die Erzeugung von einer Kalorie Rindfleisch verwendet werden. Nach einer Berechnung des UN-Umweltprogramms könnten diese Kalorien, die bei der Umwandlung von pflanzlichen in tierische Lebensmittel verloren gehen, theoretisch 3,5 Milliarden Menschen ernähren. Somit ist nicht die vegane, sondern die omnivore Ernährung der luxuriöse Lebensstil.

Fazit: Es gilt der Grundsatz „Leben und leben lassen“

Wie man mit diesem Thema umgeht, muss jeder für sich entscheiden. Für beide Seiten gilt der Grundsatz „Leben und leben lassen“. Es bringt nichts, in Absoluten zu denken – entweder ganz oder gar nicht. Auch eine vegane Ernährung allein wird die Welt nicht retten. Wichtig ist, sich seines Handelns bewusst zu sein, dazu zu stehen und anderen dasselbe Recht zu geben.

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