Auslandsblog Eintrag 6: Auf den Spuren von Winnie Puuh (11. November 2020)

Als ich klein war, habe ich mir oft vorgestellt mit Ferkel, Tigger, I-Aah und Co. zu spielen. Wir sind auf Bäume geklettert, Rad gefahren und haben im Garten gepicknickt. Geschichten geben uns die Möglichkeit unsere eigene Fantasie zu beleben. Winnie Puuh, der kleine gelbe Bär, war meine Kindheit.

Der britische Autor Alan Alexander Milne kam Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Idee, seinen Sohn Christopher Robin und dessen Plüschtiere in Geschichten zu verewigen. 1926 wurde das erste Buch veröffentlicht und war sofort sehr erfolgreich. Mit seiner Familie besaß Milne ein Anwesen in der Nähe von Hartfield, einem kleinen Dorf im Süden Englands. Die Gegend besteht vor allem aus Wäldern und Wiesen. So ist dort auch der Ashdown Forest, der Wald, der zur Inspiration für den Hundert-Morgen-Wald wurde.

Heute gibt es in Hartfield einen Ort namens Pooh Corner. Es ist ein kleines unscheinbares Haus, das an der ruhigen Hauptstraße liegt. Zur Seite hin öffnet sich ein Garten, in dem man etwas essen und trinken kann. Er ist von Büschen umgeben, sodass die Besucher nicht von den wenigen Autos gestört werden. Wenn man das Haus betritt kann man überall eingerahmte schwarz-weiß Fotografien der Familie von Alan Alexander Milnes finden. An jeder Ecke gibt es etwas Neues zu entdecken. Und auch hier sind Tische aufgestellt, die zu dem Café des Hauses gehören, das übrigens sogar Toast in Pu-Bär-Form anbietet. In einem anderen Raum sind viele Vitrinen untergebracht, in denen alles Mögliche zu finden ist - von Briefmarken über Plüschtiere bis hin zu Büchern. Es ist ein kleines Museum, das den großen Erfolg und Effekt der Charaktere zeigt. Zudem beinhaltet das Haus einen Laden, in dem Souvenirs, Bücher und allerlei Dinge andere angeboten werden.

Vom Pooh Corner aus Fuß braucht man etwa eine halbe Stunde, um in den Ashdown Forest zu gelangen. Es ist ein wunderschöner Spaziergang. Man kommt vorbei an alten, idyllischen Anwesen. Pferde grasen auf den Wiesen und die Vögel zwitschern. Im Wald gibt es die bekannte Brücke, an der Christopher Robin und Pu-Bär ihr Stöckchen-Spiel spielen. Auf einer Seite wirft jeder einen Stock ins Wasser und wartet auf die Strömung, die diese auf der anderen Seite wieder herausspült. Wessen Zweig zuerst erscheint, hat gewonnen. Selbst kann man das auch ausprobieren, allerdings ist der Fluss mittlerweile so mit Ästen überfüllt, dass sich das als etwas schwierig herausstellt.

Wenn man weiter geht, gelangt man noch tiefer in den Wald und entdeckt überall kleine Dinge. Winzige Türen wurden an Bäumen befestigt. Hütten wurden für den Esel I-Aah gebaut und manchmal findet man sogar Honiggläser, die Besucher aus Sentimentalität hier hinterlassen haben. Es macht Spaß, durch den Wald zu gehen und die Wohnorte der Freunde zu suchen. Teilweise ist das gar nicht so einfach, denn so richtig weiß man nicht, wo der eigentliche Wald nun beginnt und wo er endet. Bei meinem Besuch kommt mir eine ältere Frau entgegen. Sie erzählt begeistert von ihrem letzten Besuch vor über 30 Jahren. Auch für sie war Winnie Puuh ein Stück Kindheit. Die Geschichte verbindet Generationen und genau das ist das Tolle daran. Das Alter ist plötzlich nicht mehr wichtig.

Als ich klein war, waren es die Geschichten, die mir so gefielen. Heute faszinieren mich vor allem die Charaktere. Jedes Tier hat seine eigene Bedeutung. Ferkel leidet an Angststörungen, I-Aah an Depressionen, Rabbit hat eine Zwangsstörung und Tigger ist hyperaktiv. Aber jeder nimmt jeden so, wie er ist. Sie sind alle Freunde und niemand wird ausgegrenzt. In einer Welt, in der es immer wichtiger wird, über psychische Krankheiten zu sprechen, um Vorurteile zu beseitigen, ist das eine Menge wert.

 

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