Auslandsblog Eintrag 9: Literatur und Kreativität - Ein Zwischenfazit zu meinem Studium in Brighton (22. Juni 2021)

Ich habe nun mein viertes Semester an der University of Brighton beendet und stehe vor meinem letzten Studienjahr hier im Süden Englands. Ich studiere „Creative Writing“ und hoffe, in einem Jahr den „Bachelor of Arts“ zu bekommen. In meinem Studiengang geht es an erster Stelle nicht darum, schreiben zu lernen, sondern zu verstehen, wie wichtig Kunst und Kreativität für unser Leben ist.

Mein erstes Studienjahr konzentrierte sich vor allem auf die Theorie. Ich habe viel über Literatur und wie diese den Lauf unserer Geschichte reflektiert und beeinflusst, gelernt. Von Freuds Psychoanalyse zu den Gebrüdern Grimm bis zu wichtigen britischen Autoren wie Virginia Woolf und Oscar Wilde – wir haben Literatur von allen Seiten betrachtet und dadurch einen Überblick über die politischen und sozialen Situationen bekommen, die sich darin widerspiegeln.

Von der Theorie zur Praxis

Das zweite Studienjahr drehte sich mehr um Praxis. Es ging darum, in der gelernten Theorie Inspiration zu finden und diese mit seiner eigenen Kreativität umzusetzen. Im ersten Jahr gab es bereits einige wenige Workshops, in denen man sich über seine eigene Arbeit mit anderen austauschen konnte, aber nun mehren sich diese von bis zu zwei pro Woche. Zudem gibt es kreative Projekte wie zum Beispiel Blogs und das Planen von (Online-)Events.

Mein nun drittes Studienjahr wird sich auf die Bachelorarbeit und meine eigene kreative Freiheit konzentrieren. Das erste Semester des Jahres besteht komplett aus selbstgewählten Modulen, die in verschiedene Richtungen gehen. Es gibt unter anderem Genre oder Medium. Dies soll uns helfen, ein Thema für die Bachelorarbeit zu finden.

Inklusion ist wichtig

Etwas, auf das hier großen Wert gelegt wird, ist die Inklusion von Minderheiten, wie zum Beispiel andere Kulturen oder LGBTQ+. Brighton ist bekannt für seine liberalen Ansichten und wird auch gerne als „gay capital“ Englands bezeichnet. Zum Beispiel gibt es das Modul „Queer Writings“, in der Literatur von Autoren wie Radclyffe Hall, Neil Bartlett oder Jackie Kay betrachtet wird.

Englands Vergangenheit und leider auch Gegenwart ist stark mit Rassismus verbunden und Universitäten beschönigen dies nicht. Wir lernen über Literatur von James Baldwin, Candice Carty-Williams und Ama Ata Aidoo, alles Autoren, die ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus in ihren Büchern verarbeiten. Für meine Universität ist es dabei auch wichtig, dass die Kurse Beiträge aufgreifen, die in der Vergangenheit eher ignoriert worden sind. Sie arbeiten ständig daran, mehr Vielfalt und Inklusion zu thematisieren.

Was mir am meisten an meinem Studium gefällt, ist, dass Kreativität geschätzt und gefordert wird. Wir werden ernst genommen und unsere Ideen werden gesehen und gemeinsam weiterentwickelt. Mit den Professoren und Lektoren ist man per du und sie haben immer ein offenes Ohr für Probleme - sei es mit dem Studium oder etwas Privates. Das Wohlergehen der Studenten ist hier sehr wichtig, vor allem jetzt in der Zeit der Pandemie. Deshalb bietet die Universität Therapien und Mentoring an, um den Studenten zu helfen. Ich spreche mit meiner Mentorin einmal die Woche und bin dankbar für ihre Hilfe.

Hohe Studiengebühren

Der Nachteil an einem Studium hier in England sind die hohen Studiengebühren. Man kann sich zwar für einen „student loan“ anmelden, muss aber diesen nach dem Studium irgendwann zurückzahlen. Die Pandemie machte das Studium natürlich nicht unbedingt leichter. Der Unterricht ist online, auch wenn für Oktober das ein oder andere Seminar am Campus geplant ist. Ich vermisse das normale Studentenleben sehr und bin dankbar, dass zumindest mein erstes Semester gewöhnlich ablaufen konnte.

Wie nun mein letztes Jahr an der Uni hier ablaufen wird, ist wegen der momentanen Situation schwer zu sagen. Aber ich freue mich auf jeden Fall darauf, mehr über die Vielfalt von Literatur und die Facetten meiner eigenen Kreativität zu lernen.

 
 
 

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