Volkskrankheit Straubinger gründet Adipositas-Selbsthilfegruppe

Andreas Feiertag wog früher 154 Kilogramm, durch eine Magenverkleinerung hat er seit September 2019 mehr als 30 Kilogramm verloren. Foto: Sophie Schattenkirchner

Die Zahl der krankhaft übergewichtigen Deutschen hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Viele verzweifeln an ihrer Situation. Andreas Feiertag ist selbst betroffen und hat eine Adipositas-Selbsthilfegruppe gegründet.

Dienstagabend, 18.30 Uhr: Ein Veranstaltungsraum im Klinikum Sankt Elisabeth in Straubing. Andreas Feiertag, 40, ist etwas nervös: "Langsam steigt die Spannung", sagt er und stellt seinen Trinkbehälter mit Multivitaminsaft auf den Tisch des Raums. Gleich beginnt die erste Sitzung seiner neu gegründeten Adipositas-Selbsthilfegruppe. Ein gutes Dutzend Menschen tröpfelt nach und nach durch die Tür. Dann begrüßt Feiertag die Anwesenden: "Für alle: Ich bin der Andi. Der Herr Feiertag ist mein Vater" und hat damit die ersten Lacher auf seiner Seite. Feiertags Vater sitzt in der ersten Reihe und lacht mit.

Andreas Feiertag erläutert seine Motivation für eine Selbsthilfegruppe: "Es gibt in Straubing viele Leute, die schwer und körperlich beeinträchtigt sind. Ich will, dass sie sich miteinander austauschen können." Feiertag hat selbst erlebt, wie hilflos man sich mit seiner Krankheit fühlen kann. Zu seinen Spitzenzeiten hatte er ein Körpergewicht von 154 Kilogramm, musste in der Nacht eine Beatmungsmaske aufsetzen - um lebensgefährliche Atemaussetzer zu verhindern. Hinzu kamen Diabetes, Bluthochdruck, Gelenkschmerzen. Die einfachsten Dinge fielen im Alltag schwer: Feiertag hatte Mühe beim Schuhe binden, das nur mehr mit hochgelagertem Fuß klappte.

Adipositas ist weit verbreitet

Solche Probleme haben immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft. Dr. Markus Walz, Chirurg im Adipositas-Kompetenzteam des Klinikums Sankt Elisabeth, der zur ersten Sitzung der Selbsthilfegruppe gekommen ist, nennt in einem Vortrag die Zahl von rund 450 Millionen Menschen, die weltweit als adipös gelten. Der Body-Maß-Index (BMI) sei hier die Richtschnur - das Verhältnis von Gewicht zur Größe eines Menschen. Sobald der BMI einen Wert von 30 übersteigt, gelte man als adipös. Je höher der BMI, desto größer der Schweregrad der Krankheit. Für einen BMI von 30 müsste ein 1,80 Meter großer Erwachsener etwas weniger als 100 Kilogramm wiegen. Doch allein der BMI mache einen nicht krank, sagt Walz. Entscheidend ist die sogenannte viszerale Fettmasse, das Fett um den Darm herum. Ist es im Übermaß vorhanden, sind die Folgen: Diabetes Typ II, Bluthochdruck, verminderte Lebenserwartung. Neueste Erkenntnisse aus der Medizin sähen auch ein erhöhtes Demenzrisiko als Folge von Diabetes.

"Die thermodynamischen Gesetze kann keiner von uns überwinden", sagt Dr. Walz. Zunehmen falle dem Körper leider ziemlich leicht. Der Arzt rechnet vor: Nimmt man jeden Tag nur 40 Kilokalorien mehr zu sich als man verbrennt, würde man in 20 Jahren rund 34 Kilo zunehmen. Umgerechnet seien "das nur vier Gummibärchen am Tag zu viel", warnt Walz.

Bei Andreas Feiertag ging das Zunehmen über Jahre viel zu leicht. Sein Leidensweg beginnt mit 15, als er an einem Gehirntumor erkrankt. In München war er wochenlang allein in Behandlung und getrennt von seinen Eltern, die arbeiten mussten. Feiertag war alles zu viel, er hatte Selbstmordgedanken. Das Essen war eine Art Flucht für ihn. "Es war ein schleichender Prozess", sagt er. Immer wieder versuchte er seitdem abzunehmen. Vor vier Jahren schaffte er es, innerhalb von 20 Wochen fast 30 Kilo abzunehmen. Aber der sogenannte "Jojo-Effekt” schlug erbarmungslos zu - etwas, das viele kennen, die abnehmen möchten.

Problem: Der "Jojo-Effekt"

Das Problem bei raschen Gewichtsabnahmen: Der Körper stellt bei viel Sport und Ernährungsumstellung auf "Überlebens-Modus”. Abnehmen fällt immer schwerer, das Zunehmen wieder umso leichter, wenn die Disziplin nachlässt. "Man ist zu dick, dann macht man eine Diät und nimmt danach wieder zu. Es ist ein Teufelskreis", sagt Feiertag. Bei ihm kam das Problem hinzu, dass der Magen irgendwann so groß war, dass er bei gewöhnlichen Portionen kein Sättigungsgefühl mehr verspürte. Als Feiertag 2018 die Marke von 150 Kilogramm passiert, denkt er: "So geht es nicht weiter.” In seiner Vergangenheit wechselte er oft die Hausärzte, "ich habe mich verlassen gefühlt", sagt er. Er findet eine Ärztin, die sagt: "Was halten Sie von einer Magenverkleinerung?" "Ich war erst einmal baff", sagt Feiertag. Bisher habe er immer nur den Satz gehört: "Tu was, beweg dich mehr, dann nimmst scho ab!" Solche Sätze bestätigen auch die anderen Teilnehmer der Gruppe. Doch manchmal ist eine solche Verkleinerung des Magens unumgänglich. Insbesondere wenn neben dem Gewicht noch weitere Erkrankungen wie Diabetes-Typ-II, Bluthochdruck oder das Schlaf-Apnoe-Syndrom hinzukommen. Feiertag meint: "Mein Augenöffner war, als mir gesagt wurde: Wenn sie so weitermachen, haben Sie in zehn Jahren ihren ersten Herzinfarkt."

Ein Ausweg: Die Magenverkleinerung

Der Tag, an dem sich Andreas Feiertags Leben änderte, war der 18. September 2019. An diesem Tag entfernte ein Arzt in München einen großen Teil seines Magens. Am Ende blieb ein kleiner Schlauch mit zehn Prozent Volumen übrig. Eine solche Operation ändert das Leben schlagartig und ist in vielen Fällen nur der letzte Ausweg. Für Feiertag war es ein sinnvoller Schritt. "Ich bereue es nicht”, sagt er. Seit dem Eingriff hat er über 30 Kilo abgenommen. Nun reiche ihm eine Hand voll Essen. "Vor Kurzem war ich zweieinhalb Chicken Nuggets satt”, freut er sich.

Doch eine Magenverkleinerung heißt auch: Essen und Trinken gleichzeitig geht nicht mehr - zu wenig Platz im Magen. Isst Feiertag auch nur einen Bissen zu viel, läuft er Gefahr, sich zu übergeben. Zudem muss er Nahrungsergänzungsmittel einnehmen. Und: Die Lebensgewohnheiten müssen sich langfristig ändern. Feiertag geht derzeit viermal pro Woche ins Fitnessstudio, um die Muskulatur zu stärken.

Einige Betroffene aus der Selbsthilfegruppe, die bereits eine Magenverkleinerung hinter sich haben, bestätigen dies. Eine Frau warnt: "Sie operieren dir den Magen, aber nicht das Hirn”. Ohne Verhaltensänderung und gute Information von ärztlicher Seite gehe es nicht, mahnt auch Dr. Walz. Für Patienten sei etwa Kohlensäure nach einer OP ein absolutes Tabu, um die sensiblen Nähte nicht zu gefährden.

Neu gewonnene Lebensqualität

Doch die Erfolge sind für Feiertag wertvoller als das, was er in Kauf nehmen muss. "Ich brauche nachts keine Beatmung mehr, man hat einfach wieder ein Leben”, meint Feiertag, der aktuell 117 Kilogramm wiegt. Seinen neu gewonnen Lebensmut möchte Feiertag jedenfalls an die Teilnehmer der Selbsthilfegruppe weitergeben. Jeder soll willkommen sein, ob die Person einfach abnehmen möchte oder bereits wie Feiertag eine Magenverkleinerung hinter sich hat. "Wir wollen uns austauschen”, sagt Feiertag: "Die Leute sollen sich gegenseitig erzählen, was man machen und wer einem helfen kann.” Auch pragmatische Fragen wie der Kontakt zu Krankenkassen beschäftigt einige Teilnehmer der Selbsthilfegruppe. Was sie eint, ist der Wille, etwas zu ändern.

Feiertag plant zweimal im Jahr einen Kochkurs mit einem Diätkoch und zweimal soll gemeinsam in der Gruppe Essen gegangen werden. Zusätzlich bietet Feiertag an, im Sommer eine Sportgruppe an der frischen Luft mit einer Trainerin. Denn er weiß: In der Gruppe ist es leichter. Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeden zweiten Dienstag im Monat um 18.30 Uhr im Klinikum Sankt Elisabeth. Der nächste Termin ist am 11. Februar. Die aktuellen Räumlichkeiten sind jeweils an der Klinikinfo zu erfragen. Info: Andreas Feiertag, Tel. 0151/22559955, adipositas.sr@gmail.com.

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