Unfall bei Kollnburg Gaffer-Video auf Facebook gibt Polizei Rätsel auf

94 Sekunden lang filmten zwei bislang unbekannte Männer Anfang Februar auf der Staatsstraße zwischen Sankt Englmar und Kollnburg die Notlage eines Autofahrers und dessen Unfall. Das Video posteten sie schließlich auf Facebook, die Polizei verständigten sie nicht. Foto: Screenshot Facebook

Das soziale Netzwerk Facebook wurde vor wenigen Tagen um ein weiteres Gaffer-Kapitel erweitert. Diesmal mit einem Schreckensszenario, gefilmt bei Sankt Englmar im Landkreis Straubing-Bogen. Zwei Männer in einem Auto fühlten sich dabei bemüßigt, die Irrfahrt eines Autofahrers auf Video zu dokumentieren. Eine Fahrt, die schließlich in einen schweren Unfall gipfelte.

Ein aktueller Fall in Niederbayern gibt Rätsel auf und zeigt zeitgleich, welche Dimensionen die Schaulustigkeit von Teilen der Gesellschaft mittlerweile erreicht hat. 94 Sekunden Sensationsgier in Wort und Bild. Zu sehen in einem Video, das seit wenigen Tagen auf Facebook kursiert. Entstanden, am 2. Februar 2019 in den Abendstunden auf der Staatsstraße zwischen Sankt Englmar und Kollnburg in Fahrtrichtung Viechtach. Dort sind zu dieser Zeit zwei bislang Unbekannte in einem Auto unterwegs. Als ihnen auffällt, dass der Autofahrer vor ihnen in Schlangenlinien über die ohnehin gefährliche Strecke kurvt, hält der Beifahrer mit dem Handy drauf.

Immer wieder ist zu sehen, wie der Gefilmte vor ihnen auf die Gegenfahrbahn gerät. Es sind Szenen, die man sich nicht ansehen möchte. Doch die beiden Filmer verfolgen die Fahrt ihres Vordermannes weiter mit der Handykamera. Das Himmelfahrtskommando sorgt bei ihnen für reichlich Gelächter und für Kommentare wie „Schad', dass kein Gegenverkehr kommt!“. Doch genau der kommt plötzlich. In letzter Sekunde gelingt es dem offenbar verwirrten Autofahrer noch, dem Gegenverkehr auszweichen. Die Autos verfehlen sich um Haaresbreite. Quittiert wird das einmal mehr mit schallendem Gelächter aus dem Verfolgerfahrzeug.

Dass das nicht lange gut gehen kann, wird beim Betrachten der Bilder offensichtlich. An einer der zahlreichen gefährlichen Stellen der Staatsstraße bekommt der Autofahrer die Kurve nicht mehr. Schnee spritzt, das Auto überschlägt sich, landet wieder auf den Rädern und steht quer auf der Fahrbahn. Erst jetzt ist der Moment erreicht, wo auch die beiden Schaulustigen im Auto dahinter offenbar genug gesehen haben. „Hast des a aufgnomma?“, fragt der Fahrer seinen Beifahrer. Als der mit „Ja, hab i“ antwortet, sagt der Fahrer „Dann kannst jetzt auf Stop drucka“.

Kein Notruf abgesetzt

Was dann geschah, das weiß aktuell niemand. Noch nicht einmal die Polizei. Idowa hat bei der Polizeiinspektion Viechtach nachgefragt. Dort hat man zwar Kenntnis von dem Unfall, aber nur durch das Video, das man auf Facebook gesehen hat. Denn weder der Unfallverursacher noch die beiden Insassen des Autos, aus dem das Geschehen gefilmt wurde, haben sich bei der Polizei gemeldet. „Verletzt wurde bei dem Unfall offensichtlich niemand, sonst hätte die zuständige Versicherung bereits Kontakt mit uns aufgenommen“, berichtet ein Polizeisprecher. Er bestätigt auch, dass man bei der Polizei gegenwärtig noch weitestgehend im Dunkeln tappt. Das Kennzeichen des Unfallautos ist in dem Video nicht zu erkennen. „Hätten uns die zwei, die das Ganze gefilmt haben, wenigstens direkt nach dem Unfall verständigt, dann wären wir jetzt schlauer“, so der Polizeisprecher weiter.

Völlig unklar ist anhand dieser Umstände auch, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Betrachtet man die wilde Fahrt im Video, drängt sich dabei der Verdacht auf, dass der Fahrer völlig betrunken gewesen sein muss. Doch diese Erklärung muss nicht stimmen. „Es gibt häufig Unfälle, wo Autos auf die Gegenfahrbahn geraten. Und in den seltensten Fällen ist dabei Alkohol im Spiel. Meistens sind es gesundheitliche Gründe“, so der Polizeisprecher weiter. Und auch in diesem Fall scheint das zumindest nicht ganz auszuschließen zu sein. Denn unter den Kommentaren auf Facebook hält sich hartnäckig das Gerücht, der Fahrer sei nicht betrunken, sondern im Unterzucker gewesen. Dadurch sei es zu dem Unfall gekommen. „Wenn das tatsächlich so war, dann hätte sich der Unfallverursacher doch bei uns melden können, denn das wäre ja absolut kein Eigenverschulden von ihm gewesen“, gibt der Sprecher der Viechtacher Polizei zu Bedenken.

Unterlassene Hilfeleistung steht im Raum

Die Polizei hat seit Erscheinen des Videos Ermittlungen aufgenommen. Im Raum steht dabei zum einen eine mögliche Unfallflucht. Aber auch die beiden Herrschaften, die das Video gedreht haben, sollen nun ausfindig gemacht werden. Denn auch da könnte eine Straftat im Raum stehen. „Wenn ein Verkehrsteilnehmer offenkundig Schwierigkeiten hat, sein Fahrzeug unter Kontrolle zu halten, sollte die erste Reaktion ein Notruf bei der Polizei oder dem Rettungsdienst sein. Stattdessen ein Video zu drehen und die Gefahrenlage weiter bestehen zu lassen, kann den Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung erfüllen“, erklärt ein Rechtsexperte auf idowa-Anfrage. Erst recht gelte das, wenn nach dem Unfall weiter gefilmt wird, anstatt mit dem Handy einen Hilferuf abzusetzen. Wären darüber hinaus in dem Video Merkmale zu sehen, die das Auto oder den Menschen am Steuer identifizierbar machen, dann würde eine Veröffentlichung dieses Materials die Persönlichkeitsrechte verletzen.

Zur Klärung des Sachverhalts bittet die Polizei Viechtach sowohl den Unfallverursacher als auch die beiden Männer, die das Szenario gefilmt haben, sich unter Telefon 09942/9404-0 zu melden. Aber auch andere Verkehrsteilnehmer, die eventuell gefährdet wurden, sollten sich mit der Polizeiinspektion in Verbindung setzen. 

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