Prof. Wolfgang A. Herrmann ist verärgert. Der Präsident der Technischen Universität München (TUM) ärgert sich über Äußerungen seines Amtskollegen Prof. Peter Sperber aus Deggendorf über den Ausbau des Wissenschaftszentrums Straubing vor zwei Wochen im Sommerinterview mit unserer Zeitung. Für Herrmann ist klar: Neue Studiengänge müssen "auf universitärem Niveau" angeboten werden. Er schlägt Biotechnologie und Bioökonomie vor - und fordert 15 neue Professuren.

Eine eigens eingesetzte Arbeitsgruppe legt demnächst ein Konzept für neue Studiengänge am Wissenschaftszentrum Straubing vor. Wohin geht die Reise?

Herrmann: Jetzt geht es darum, den Standort nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre zukunftsfähig zu machen. Das ist politischer Wille, und dazu habe ich eine klare Haltung: Das muss auf universitärem Niveau und überregional Magnetkraft entfalten. Das ist kein Widerspruch dazu, dass hier eine enge Kooperation mit einer oder mehreren Fachhochschulen stattfindet. Die TUM beansprucht aber die Führung. 2001 haben sich Regensburg, Landshut und Deggendorf nicht zu Wort gemeldet, bis wiederholt unsere Einladung zur Mitwirkung kam. Mitwirken heißt, etwas zu tun und nicht zuerst den Gedanken zu haben, was man für sich herausholen kann. Straubing wird, solange ich da etwas zu sagen habe, niemals eine Beutegemeinschaft oder eine Gemeinschaft der Wunschkonzerte sein.

Worum wird es inhaltlich gehen?

Herrmann: Man braucht Qualität und Alleinstellung. Nur so bekommen wir Spitzenkräfte auf allen Ebenen - Professoren, Mitarbeiter, Studenten. Wir werden in Straubing einen modernen Bachelorstudiengang in Biotechnologie machen. Dafür kommt die industrielle, die sogenannte weiße Biotechnologie infrage. Das wird die Zukunft der chemischen Industrie sein. Damit sind wir nahe an den nachwachsenden Rohstoffen - was wir jetzt machen, muss ja vom Thema her in sich logisch sein. Man kann auch hergehen und billige Studiengänge dort hinhauen. Aber das hat Straubing nicht verdient. Mein zweiter Favorit ist die Bioökonomie, ebenfalls ein Zukunftsthema - passt wie ausgemacht zum Standort Straubing.

Der Deggendorfer Hochschulpräsident Prof. Peter Sperber hat im Interview mit unserer Zeitung gesagt, die Führung des Wissenschaftszentrums plane neue Studiengänge in den Bereichen Ingenieurwesen, Wirtschaftswissenschaften und Informatik, und das bedeute neue Konkurrenz, weil es die an den umliegenden Hochschulen schon gebe.

Herrmann: Aber nicht auf universitärem Niveau und nicht in der Ausrichtung auf weiße Biotechnologie und Bioökonomie. Das sind zwei völlig neue Gebiete. Die Technische Hochschule Deggendorf ist auf diesen Sektoren nicht zu Hause.

Da hört man Ärger heraus.

Herrmann: Sperbers Interview bestätigt eine regionale Sichtweise. Das kritisiere ich nicht, das verstehe ich aus Sicht einer Fachhochschule. Aber es ist nicht unser Straubinger Standard. Und Straubing muss sich nicht so verhalten, wie es das unmittelbare Umfeld erwartet. Wir wollen uns nicht auf die Studierenden aus der Region beschränken, sondern wir wollen sie von überall her haben. Das ist meine Vision. Ich will die besten Studierenden in den Fächern, die wir anbieten, und zwar aus der ganzen Republik.

Was wird aus Straubing, wenn Sie nicht mehr TUM-Präsident sind? Ihre Amtszeit läuft 2019 aus.

Herrmann: Bis dahin wird das alles so in trockenen Tüchern sein, dass die Standards klar sind, an denen man sich für alle Zukunft zu orientieren hat. Straubing ist mehr als die Summe einiger weniger Universitäten und Fachhochschulen, wie die funktionierende Partnerschaft mit der Hochschule Weihenstephan zeigt.

Sperber kritisiert, die TUM schaffe in Straubing an und die Hochschulen aus der Region hätten wenig Einfluss auf die Entwicklung.


Herrmann: Ja, weil wir Straubing als Standort auf universitärem Niveau sehen. Die Fachhochschulen befürchten, dass sie Studierende nach Straubing abgeben müssen. Wer das befürchtet, soll zu Hause bleiben und dort seine Hausaufgaben alleine machen.

Sperber sagt, man habe eine Professur nach Straubing gegeben, zurückgekommen sei aber nichts.

Herrmann: Wir wollen ja nichts zurück, sondern wir bauen einen Standort auf und dienen diesem Standort. Wir wollen an diesem Modellfall exemplarisch die Regionalisierung der Wissenschaft in Bayern auf hohem Niveau kultivieren. Das ist ein anderes Konzept als eine neue Fachhochschule, die Bayern nicht braucht. Und ich sage Ihnen aus langjähriger Erfahrung: Wenn nicht eine Einrichtung die Führung hat, gibt es heilloses Durcheinander, und es geht nichts voran.

Die TUM besteht also auf ihrem Führungsanspruch und wird ihn auch dann nicht aufgeben, wenn sie damit in Kauf nimmt, dass die eine oder andere Hochschule aussteigt?

Herrmann: Wir sind eine Universität mit höchstem internationalen Nimbus. Das darf einmal bescheiden angemerkt werden. Wir dürfen aus Straubing keine beliebige Ansammlung von Studiengängen machen. Ich fordere 15 neue Professuren für das Wissenschaftszentrum Straubing. Wir haben an der TUM zum Beispiel die europaweit führende Holzforschung. Die ist exzellent besetzt, hat aber in München ein Gebäude, das nicht für moderne Forschung ausgelegt ist. Die Holzforschung wäre eine logische Erweiterung für Straubing, die Celluloseforschung hat den erfolgreichen Anfang gemacht.

Manche in Straubing hätten lieber eine eigene Hochschule als das Konstrukt Wissenschaftszentrum. Was sagen Sie denen?

Herrmann: Wenn es einmal so weit ist, kann sich Straubing entscheiden, ob man eine eigene Hochschule will oder eine Fakultät der TUM mit verlässlichen Partnern.