Straubing Simon Bucher über seinen Austritt aus der AfD

Blickt Simon heute auf seine Zeit in der AfD zurück, gibt er zu, dass er naiv war und die rechtsextremen Ansichten, die immer mehr wurden, nicht erkannt hat. Foto: Florian Wende

Knapp vier Jahre war Simon Bucher in der AfD. Heute nennt er sie eine Gefahr für die Demokratie. Eine Geschichte über rechts und links.

Simon mag die Begriffe rechts und links nicht. „Keiner weiß genau, was sie bedeuten“, sagt er. Vertritt jemand rechte Politik, wenn ihm Tradition und Heimat wichtig sind? Oder ist jemand links, weil er sich für Gerechtigkeit einsetzt? Egal. Trotzdem helfen die Begriffe, Simons politischen Weg zu beschreiben. Denn heute weiß der 25-jährige Straubinger: Von den rechten, „ewig gestrigen“ Ansichten hat er genug. Nach knapp vier Jahren in der AfD orientiert er sich neu. Nach links.

Wer verstehen will, warum Simon in der AfD war, muss zurückgehen. Zurück zu dem Moment, der die Partei erstarken ließ. Spätsommer 2015: Am 4. September entscheidet Bundeskanzlerin Angela Merkel, Tausende geflüchtete Menschen aus Syrien und anderen Ländern Westasiens ohne Grenzkontrollen nach Deutschland einreisen zu lassen.

Warum Simon Bucher trotz Zweifel OB-Kandidat der AfD wurde, wie er heute über die Partei denkt und welche schönen Erinnerungen er auch an die Zeit hat – diese Fragen beantwortet Simon in der Sprechstunde, dem neuen Podcast der Freistunde. Den findest du hier.

 

Klare Meinung und Underdog: die AfD wirkt positiv auf Simon

Simon arbeitet zu der Zeit als Restaurantfachmann in einer Straubinger Gaststätte. Die offenen Grenzen werden Stammtischthema. Viele sehen es kritisch, so viele fremde Menschen ins Land zu lassen. Auch Simons Umfeld. Die AfD wirkt positiv auf ihn: „Ein Underdog ist ja oft sympathisch.“ Ihm gefällt, dass die Vertreter der Partei eine klare Meinung haben und diese auch deutlich sagen. Dass rechtsextreme Ansichten dabei immer mehr werden, stellt Simon erst viel später fest.

Heute nennt er die AfD eine Gefahr für die Demokratie. Er kritisiert, dass andere Politiker teilweise deren Sprache und Begriffe wie Asyl-Tourismus übernehmen. „Die meisten haben aber erkannt, dass man die AfD nicht zurückdrängen kann, indem man sich ihren Positionen annähert“, stellt Simon fest. „Man muss ihre Halbwahrheiten widerlegen und darf die Partei nicht außen vor lassen.“ Dafür setzt auch er sich ein: „Ich will die AfD politisch bekämpfen.“

Zurück ins Jahr 2015. Simon nimmt Kontakt zur AfD auf, besucht Stammtische. Er findet Anschluss. „Der Zusammenhalt in der Partei war wirklich groß.“ Im Juli 2016 tritt er in die AfD ein, zwei Monate später gründet er die „Junge Alternative Ostbayern“ mit, den Gebietsverband der Jugendorganisation der Partei. Im Ortsverband Straubing-Bogen-Regen wird er in den Vorstand gewählt.

Das Hobby wird zum Beruf: Simon bindet sich an die AfD

Für Simon gibt es in der Partei zwei Seiten: die menschliche und die politische. Es war vor allem die menschliche, die ihn über die lange Zeit in der AfD gehalten hat, sagt er heute. Politisch stand er schon länger nicht mehr hinter den Positionen der Partei. Zum Beispiel beim Thema Migration: „Die AfD bietet keine Lösungen. Ihre Ansichten sind nicht zeitgemäß.“ Simons Meinung ist heute: auf die Menschen zugehen und ihnen eine Perspektive bieten.

Mit der AfD erlebt Simon vier Wahlen. Nach der Bundestagswahl 2017 zieht die Partei erstmals ins Parlament ein. Die Euphorie ist groß. Simon wird Angestellter im Büro der Straubinger AfD-Abgeordneten Corinna Miazga. Die Partei ist nun kein Hobby mehr, sie ist sein Beruf.

Erst euphorisch, dann enttäuscht: Simon zweifelt an der AfD

Auch bei der Landtagswahl in Bayern schafft es die AfD 2018 ins Parlament, viele haben aber ein besseres Ergebnis erwartet. Die Stimmung wird schlechter. Im Jahr darauf enttäuscht die Partei bei der Europawahl. Nur noch wenige in der Straubinger AfD sind bereit, sich einzubringen. Das zeigen die Wochen vor der Kommunalwahl im März 2020.

Simon fühlt sich alleingelassen. „Es war keine Bereitschaft da, ein Wahlprogramm zu gestalten“, sagt er. Über Facebook sucht Simon Kandidaten für die Wahlliste der AfD in Straubing. Bei der Aufstellung wird er zwar Oberbürgermeisterkandidat der Partei, doch es sind nur drei Leute anwesend. „Wenn ich mit meinem Gesicht die AfD zeige, die ich immer noch vertreten will, dann – so hatte ich das Gefühl – kann ich die Dinge zum Besseren wenden“, erklärt Simon. Doch er wird fallengelassen und erkennt rückblickend: „Die Kandidatur stand unter keinem guten Stern, das war ein Fehler.“ Den Ortsverband beschreibt er heute als Kreis alter Herren, die alles besser wissen. Trotzdem hat er sich hier menschlich über Jahre sehr wohl gefühlt.

Innerhalb von 72 Stunden kommen Ende Februar dann drei Sachen zusammen: Hinter Simons Rücken planen Mitglieder des Ortsverbands eine Wahlveranstaltung; mit Corinna Miazga zusammenzuarbeiten, wird immer anstrengender; und, was ihn besonders trifft: „Die gesellschaftliche Ablehnung wurde immer stärker.“ Manche Bekannten grüßen ihn nicht mal mehr auf der Straße. Am 2. März tritt Simon aus der AfD aus. „Ich wollte mir einen Rest Glaubwürdigkeit bewahren“, erklärt er, „und die Partei nicht erst nach der Wahl verlassen.“

Seine Mundwinkel gehen nach oben, er grinst: „Von da an war ich frei. Endlich.“ Aus der AfD kommen Häme und Spott – damit hat Simon gerechnet. Sein Umfeld unterstützt ihn. Auch das hat sich von der AfD abgewandt. Seinen Job verliert er, seit Juni ist er arbeitslos. Doch ihm geht es besser. Und Simon schafft es in den Stadtrat. Über die AfD-Liste wird er gewählt. Nun ist er parteiloses Mitglied.

Privat und beruflich: Politik begeistert Simon

Politik bestimmt Simons Leben. „Ich finde es faszinierend, mit kleinen Sachen die Welt verändern zu können“, sagt er. Auch künftig will er in diesem Bereich arbeiten. Er ist in Kontakt mit „EXIT-Deutschland“. Die Initiative unterstützt Aussteiger aus der rechtsextremen Szene. Hier möchte Simon mithelfen.

Blickt Simon auf seine Zeit in der AfD zurück, gibt er zu, dass er naiv war: „Ich habe zu lange nicht gesehen, dass die Grenzen zum Rechtsextremismus immer mehr verschwimmen.“ Die ein oder andere „krasse Formulierung“ am Stammtisch konnte er vertreten, manches bezeichnet er als Grauzone. Der 25-Jährige bereut, dass er dazu beigetragen hat, die AfD stark zu machen: „Heute würde ich einiges anders machen und früher austreten.“

Nach links: Simons Suche nach einer neuen Partei

Alles sieht Simon jedoch nicht schlecht. „Die Zeit in der AfD hat mich zu dem gemacht, der ich bin“, stellt er fest. In persönlich schwierigen Zeiten hat ihm die Gemeinschaft Halt gegeben.

Bei den Abstimmungen im Straubinger Stadtrat will er in den nächsten Monaten zeigen, für was er steht. „Mit rechter Politik habe ich abgeschlossen“, sagt Simon. Er möchte sich wieder einer Partei anschließen. CSU, FDP und Freie Wähler kommen für ihn nicht in Frage. Simon orientiert sich nach links. „Ich rechne natürlich mit Zweifeln und weiß, dass ich mir meine Glaubwürdigkeit erst erarbeiten muss“, sagt er. „Aber ich habe ein dickes Fell. Wer knapp vier Jahre AfD übersteht, übersteht auch Kritik.“ Simon grinst, er wirkt zufrieden.

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