Straubing Pfauenstraße: Zu Weihnachten ist alles leer

Die Balkone bleiben leer: Zu Weihnachten werden die letzten Bewohner das Hochhaus in der Pfauenstraße verlassen haben. Foto: Stefan Karl

In den kommenden Jahren soll mit der Generalsanierung für das Hochhaus in der Pfauenstraße in Straubing ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. Ohne Zweifel hat das Haus bessere Zeiten gesehen – die Sanierung soll wieder Leben in das Gebäude bringen, das so markant in der Straubinger Skyline steht.

Dieses Haus klingt anders. Die Schuhe machen auf dem Boden ein eigenartiges Klacken, das der Besucher nicht von anderen Bodenbelägen kennt. Die leeren Korridore werfen den Schall auf eine besondere Art zurück, die den leichten Schauer beim Blick in die langen Gänge noch verstärkt. Klack, klack, klack. Im Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss tickt eine Uhr an der Wand. Sie geht eine Stunde vor, weil sie immer noch auf Sommerzeit steht. Der Zeit voraus ist die Pfauenstraße nicht. Eher scheint die Zeit hier stehen geblieben zu sein. Tick, tick, tick.

Verfall. Jeder Mauerriss deutet daraufhin. Kaum ein Eck, keine Kante, die nicht angeschlagen ist, die Glasflächen der Einhausung am Eingang sind von dicken Sprüngen durchzogen. Pünktlich zu Weihnachten sollen die letzten Mieter das Haus verlassen haben. Eine letzte Mietpartei gibt es bis dahin noch. Eine Letzte von ehemals 149.

Die Leere ist bedrückend. Alles scheint nur noch irgendwie und „gerade noch so“ zu funktionieren. An diesem Eindruck ist durchaus etwas dran, sagt Günther Krailinger, der Geschäftsführer der Städtischen Wohnungsbau Gesellschaft (WBG): „Energetisch ist das Haus katastrophal. Wir hatten eine Heizungssituation, bei der wir Glück hatten, die Winter zu überleben, von der Technik her. Der Energieverbrauch war jenseits von Gut und Böse. Zudem mussten wir immer Angst haben, dass einmal die Heizung ausfällt.“

Mit der nur minimalen Außenwandisolierung hätten sich die Wohnungen in kürzester Zeit in Kühlschränke verwandelt. Dass in der Pfauenstraße permanent zum Fenster hinaus geheizt wurde, war unter Umweltgesichtspunkten untragbar. Gewichtiger dürften die Folgen für die Mieter in den Wohnungen gewesen sein: „In den letzten Jahren waren die Nebenkosten buchstäblich die zweite Miete. In diesem Fall hat diese Redensart fast zugetroffen“, sagt Günther Krailinger.

Das Haus beherbergte bis vor einiger Zeit noch viele Menschen – Menschen, für die an Weihnachten alles leer ist. Wenig oder keine Verwandtschaft. Wenige oder keine Freunde. Das machte den großen Leerzug vor der Sanierung nicht leichter, sagt Günther Krailinger: „Das ist ein Gemeinschaftswerk von vielen Leuten, man musste sehr viele Gespräche führen. Das waren oft 80, 85-jährige Frauen mit Rollator, die schon ewig drin wohnen. Ich bin selbst oft erstaunt, wie uns solche Projekte gelingen. Aber es geht irgendwie.“ Während der großen Umzugsaktion wanderte jede gekündigte Wohnung bei der Städtischen Wohnungsbau, die die Inhaberin des Wohnkomplexes ist, in den „Pfauenstraße-Pool“. Mietpartei um Mietpartei wurde auf die anderen Liegenschaften verteilt. Geholfen habe außerdem die Israelitische Kultusgemeinde, zu der viele der ehemaligen Bewohner gehörten, die Malteser sowie das Altenheim Sankt Nikola. Die Städtische Wohnungsbau organisierte zuweilen die Umzugshelfer.

Doch kann sich das bald ändern? Für die Pfauenstraße sollen bald die Weichen auf Neuanfang gestellt werden. Die Generalsanierung ist für die Jahre 2021/2022 geplant. Kostenpunkt: mindestens 10 Millionen Euro. So sicher wie Kostenvoranschläge in der heutigen Zeit sind. Bausummen verdoppeln sich schon gerne mal im Verlauf eines Projekts. Aber dieses Haus hat auch andere Zeiten gesehen.

Die Sechzigerjahre: Senioren, Azubis, Flüchtlinge

Der Grund, weshalb das 14-geschossige Hochhaus überraschend wenige Auto-Stellplätze hat, findet sich bereits in den Bauplänen von damals: Um die Flächen zu sparen, war der Wohnkoloss als Altenheim deklariert worden. Der Schlüssel für die Parkplätze pro Anwohner war damit ein anderer. Dennoch waren es nicht nur Senioren, die die damals todschicken Wohnungen bezogen: Niederbayerns und Straubings wirtschaftlicher Aufstieg hatte eingesetzt, die zahlreichen Azubis brauchten Platz. Das Klinikum wuchs und damit seine Belegschaft. Aber auch viele Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Ostgebieten fanden in der riesigen Wohnlandschaft zum ersten Mal mehr als nur eine Bleibe – ihr erstes echtes Zuhause nämlich.

Die Mietparteien waren also gut durchmischt – alle mit schmalem Geldbeutel, aber an gänzlich unterschiedlichen Punkten ihrer Biografien. Die folgenden Jahrzehnte hatten der Städtischen Wohnungsbau Recht gegeben bei dem Großprojekt, sagt WBG-Chef Günther Krailinger: „Es hat sicher einen Bedarf in Straubing gegeben. Das Hochhaus war immer ausgelastet. Die längste Zeit waren alle Wohnungen belegt. Die Vermietungssituation war immer hervorragend, bis zum heutigen Tag.“

Lesen Sie im zweiten Teil unserer Geschichte, wie der soziale und technische Abstieg des Hochhauses begann – und wie die Städtische Wohnungsbaugesellschaft den aktuellen Zustand ändern will.

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