Straubing Endspurt mit Gastfreundschaft, Blasenpflaster und Pferdebalsam

„Ich geh’ für sie weiter“

Falkenberg – noch 40 Kilometer: Mein Tiefpunkt ist am Samstag um 15 Uhr erreicht, in Falkenberg. Ich kann gerade noch meine Rettungsdecke auf den Boden werfen. Die ersten Minuten liege ich nur ausgestreckt da. Der einzige Gedanke, der mir durch den Kopf schießt, ist, dass ich etwas zu Trinken brauche. Ich versuche aufzustehen, meine Beine fühlen sich schwer an. Zu schwer. Ich habe keine Blase und es ist nicht ein Gelenk, das weh tut – alles schmerzt. Irgendwie schaffe ich es noch zum Getränke-Anhänger. Aber dann ist für mich klar: Es geht keinen Schritt mehr weiter. In diesem Moment fährt ein Begleitfahrzeug an mir vorbei, ein Platz ist noch frei. Ich steige ein.

Der Bus bringt mich acht Kilometer weiter nach Eggenfelden. Dort warten schon Anwohner und Gemeindemitglieder, die die Pilger aufnehmen. Nur wenige Minuten später kommt Gabriele Islami mit dem Gepäck-Bus in Eggenfelden an, auch sie konnte in Falkenberg nicht mehr. Ihre Freundin Brigitte hat sich in Malgersdorf abholen lassen, die Blase ist zu schmerzhaft geworden. „Ich geh’ jetzt für sie weiter“, sagt Gabriele Islami.

Wenige Minuten später hört man aus der Ferne „Maria mit dem Kinde lieb uns allen deinen Segen gib’“ – die Fußwallfahrer ziehen gegen 17 Uhr in Eggenfelden ein. Ich darf bei jemandem aus meiner Gruppe mit, der schon seit Jahren pilgert und immer in Poppenberg bei Mitterskirchen übernachtet. Die Herbergsfamilie versorgt uns mit Nudeln, Reis, Schaschlik-Soße, Salat und vor allem Gastfreundlichkeit: Wir können uns duschen, Blasen werden neu verklebt, Oberschenkel mit Pferdebalsam und Franzbranntwein eingerieben. Um kurz vor 19 Uhr liege ich im Bett und hab’ nicht einmal mehr die Kraft, mich umzudrehen – manche aus unserer Gruppe schaffen es noch, sich das Fußballspiel anzusehen.

Als um 0.30 Uhr mein Wecker klingelt, kann ich es nicht glauben: Ich kann wieder meine Beine heben und auftreten. Nach dem Frühstück bringt uns die Gastfamilie zum Pilgerzug, der bereits um Mitternacht in Eggenfelden losgegangen ist. Nach Reischach sind wir 780 Wallfahrer. Auch Gabriele Islami hat sich über Nacht erholt und erzählt: „Ich hab’ jetzt meine ganze Siedlung durch.“ Viele Nachbarn und Freunde haben sie vor der Wallfahrt gefragt, ob sie nicht für sie mitbeten könne. „Für jeden hab’ ich ein Vaterunser gebetet.“

Um kurz vor 7 Uhr hören wir durch die Lautsprecher die Bläserfreunde Rain und von weitem schon die Kirchenglocken am Kapellplatz in Altötting. Entlang der Wege warten Verwandte und Freunde. „Ich bin ganz gerührt. Unglaublich“, flüstert Gabriele Islami und lächelt. Wir ziehen an der Gnadenkapelle vorbei in die Basilika St. Anna. „Ihr seid mit einem Sorgen-Rucksack hier angekommen“, sagt Pfarrer Johannes Lorenz, „alle Probleme sind lösbar. Denn Gott weiß um eure Sorgen.“

Für mich endet die Wallfahrt bei einem Weißwurst-Frühstück im Gasthaus „Zur Post“. Ich glaube, um diese Wallfahrt zu schaffen, braucht man nicht unbedingt die beste Kondition, perfekte Laufschuhe oder gutes Wetter – Überzeugung ist das, was zählt.

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