Sport in der Region Am Berg können Grenzen nur selbst gesetzt werden

Markus Mingo und Maria Koller durften das deutsche Nationalteam bei der Trailrun-WM 2017 in Slowenien vertreten. Foto: Marco Felgenhauer

Sportlich aktive Menschen laufen zwei- bis dreimal die Woche ein paar Kilometer. Wenn sie keine Lust haben, werden Ausreden gesucht. Maria Koller und Markus Mingo sind da etwas konsequenter. Die beiden Trailrunner laufen ganze Marathondistanzen über Stock und Stein.

Maria Koller und Markus Mingo laufen die extreme Steigung am Kaitersberg in Bad Kötzting hoch. Für die beiden kam nur der kürzeste und somit steilste Weg in Frage. Dabei wirken die Lamerin und der Kötztinger kein bisschen angestrengt. Von der Beschaffenheit des Waldbodens mit seinen vielen Wurzeln und Steinen scheinbar unbeeindruckt, federn sie auf den Fußballen Schritt für Schritt nach oben. Dabei kommen sie nicht einmal in Atemnot – im Gegenteil. Die leidenschaftlichen Trailrunner unterhalten sich währenddessen über ihren letzten Lauf. „Zugspitz gut verdaut“, fragt Maria. „Ja“, sagt Markus. „Aber so um die zwei Wochen hab ich danach schon gebraucht. Nach dem Lauf war ich einige Tage sehr träge und müde.“

Wer sieht, mit welcher Leichtigkeit die zwei Realschullehrer den Bad Kötztinger Hausberg bezwingen, kann sich schwer vorstellen, dass es Strecken gibt, die solche Konditionswunder für zwei Wochen aus der Bahn werfen. Doch die gibt es sehr wohl. Beim Zugspitz Ultratrail vor wenigen Wochen zum Beispiel räumte Mingo den deutschen Meistertitel in der Herrenkonkurrenz ab. Die Laufdistanz von 81 Kilometern bewältigte der 35-Jährige in etwas über neun Stunden. Koller konnte sich bei den Damen über 39 Kilometer durchsetzen – eine Dreiviertelstunde schneller als die Zweitplatzierte.

„Für mich war es der perfekte Lauf“, erzählt Mingo. „Ich vergleiche so einen Trail immer gerne mit dem Jahresverlauf in Kurzform. Da wechselt die menschliche Gefühlslage auch meist zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Auf der Zugspitze aber ging es mir dieses Jahr durchgehend gut.“

Grenzen sind immer selbst gesetzt

Um die Distanz eines Straßenmarathons oder noch längere Strecken zu meistern, spielt die mentale Verfassung eine große Rolle. Das gilt beim Trailrun vor allem in bergigen Teilstrecken. Denn während der Gelegenheitsläufer bei großen Steigungen gerne im Vorhinein kapituliert, gehen Langstreckenläufern andere Dinge durch den Kopf. „Man weiß, dass es ein tolles Gefühl ist, wenn man den Berg bezwungen hat. Das motiviert uns immer, wenn wir unten stehen – selbst wenn der Körper eigentlich nicht mehr will“, sagt Koller, und Mingo ergänzt: „Diese Einstellung macht Trailrunning aus. Es gibt eigentlich keine körperlichen, sondern nur mentale Grenzen. Diese sind dann aber immer selbst gesetzt.“

So erklärt sich auch der Reiz, den der Berglauf, verglichen mit dem klassischen Marathon, auf die Trailrunner ausübt. Der Straßenlauf ist vielen zu monoton, die Uhr ist der größte Feind. Trailrunner schauen nicht ständig auf die Uhr, um ihren sogenannten Pace abzulesen. Das ist die Zeit, die für eine bestimmte Distanz benötigt wird. „Auf ebenem Asphaltboden macht das Sinn, beim Berglaufen nicht. Trailrunner laufen immer nach Gefühl. Ein genauer Zeitplan ist bei dem ständigen Auf und Ab während eines Laufs unmöglich“, erklärt Mingo. Deshalb schaut der Bad Kötztinger nicht auf die Zeit, sondern nutzt die Wattmessung, um seine Laufleistung im Auge zu behalten.

Wer von seinem Körper Höchstleistungen fordert, muss bestimmte Ernährungstipps beachten, um den Energiehaushalt hochzuhalten. „Kohlenhydrate sind wichtig. Deshalb gibt es am Abend vor dem Lauf immer eine gemeinsame Pastaparty. Während wir unterwegs sind, versorgen wir uns mit Riegeln und Energy-Gels“, sagt Koller. Die unmittelbare Vorbereitung auf einen Trail startet etwa drei Tage vor dem Lauf – mit Carbo Loading. „Das ist nichts anderes als das Auffüllen der Energiespeicher, um auch bei Belastungen von über 90 Minuten die bestmögliche Leistung abrufen zu können. Kohlenhydrate spielen dabei immer die entscheidende Rolle“, erklärt Mingo.

Langweilig wird es den beiden während eines mehrstündigen Laufs nicht. Erstens sind sie immer in Bewegung und zweitens müssen sie sich wegen der meist schwierigen Beschaffenheit des Bodens enorm konzentrieren. „Trotzdem haben wir dabei immer noch den Kopf frei, um über die verschiedensten Dinge zu sinnieren. Ich kann während des Trails abschalten – und habe dann noch genügend Zeit, meine nächsten Unterrichtsstunden zu planen. Das ist schon richtig Multitasking“, sagt Koller.

Bei 100 Kilometern ist Schluss

81 Kilometer beim Zugspitz Trail waren die längste Strecke, die Mingo bisher gelaufen ist. Selbst für ihn gibt es eine Grenze, bei der der Trailrun-Spaß aufhört. Weiter als hundert Kilometer möchte er nicht laufen. Das hat er auch seiner Frau versprochen. „Läufe über 200 Kilometer sind nichts für mich. Man tut dem Körper damit nichts Gutes und ist die meiste Zeit alleine unterwegs, da sich das Feld früh lichtet“, sagt der Familienvater. Die hundert Kilometer könnte er sich allerdings vorstellen. „Das ist eine Distanz, die an einem Tag zu laufen ist – eine wichtige Bedingung, wie ich finde.“

Für Anfänger sind diese Distanzen nicht geeignet. „Was wir machen, kostet den Körper viel Kraft. Deswegen sollte man sich, wenn man die Lust am Laufen entdeckt und noch nie mehr als zehn Kilometer zurückgelegt hat, langsam und schrittweise herantasten“, rät Koller. Außerdem sollte man nicht den Fehler machen, zu glauben, dass längere Distanzen zwingend anstrengender sind. „Das ist von Lauf zu Lauf unterschiedlich und abhängig von der Tagesform, dem Gelände und auch dem Wetter“, sagt Mingo. „Man kann über 100 Kilometer gut durchkommen und ein paar Wochen später quält man sich auf der halben Distanz über den Trail.“

Da eine ausreichende Regeneration nach den Läufen unabdingbar ist, sollten nicht zu viele Trails pro Saison angesetzt werden. Koller und Mingo beschränken ihren Jahresplan meist auf vier bis fünf Trails. Mit der dritten Ausgabe des Ultra Trail Lamer Winkel wird einer davon 2018 wieder im eigenen „Wohnzimmer“ stattfinden.

 

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