Sind Lebensmittel viel zu billig? Agrarkulturforscher: "Kunden wollen kein schlechtes Gewissen"

Ein Preisschild weist neben dem Verkaufspreis auch den "wahren Preis" aus in einem Penny Supermarkt. Viele Umweltschäden, die die Landwirtschaft verursacht, werden laut einer Studie bislang bei den Lebensmittelpreisen nicht ausreichend berücksichtigt. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Unsere Lebensmittel sind eigentlich viel zu billig, besonders die, die aus Tieren gemacht sind und aus nicht-ökologischer Landwirtschaft stammen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Augsburg in Zusammenarbeit mit der Discounter-Kette "Penny". Kann das wirklich sein? Und wenn ja, warum ist das so und was müsste sich ändern? idowa hat mit einem Experten gesprochen.

Woche für Woche locken Supermärkte und Discounter in Deutschland mit günstigen Preisen für Lebensmittel. Dabei müssten Fleisch, Milch und Käse laut einer aktuellen Studie von Wissenschaftlern der Universität Augsburg eigentlich viel mehr kosten, als heute normalerweise verlangt wird. Hackfleisch müsste fast dreimal so teuer sein, Milch und Gouda müssten fast doppelt so viel kosten, wie der Wirtschaftsinformatiker Tobias Gaugler und sein Team errechnet haben. "Umweltschäden finden aktuell keinen Eingang in den Lebensmittelpreis. Stattdessen fallen sie der Allgemeinheit und künftigen Generationen zur Last", bemängelt der Wissenschaftler.

Infografik: Folgekosten verteuern Lebensmittel (eigentlich) deutlich | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista 

Penny eröffnet "Nachhaltigkeitsmarkt"

Gaugler hat im Auftrag des zur Rewe-Gruppe gehörenden Discounters Penny die "wahren Kosten" für insgesamt 16 Eigenmarken-Produkte der Handelskette berechnet und dabei neben den "normalen" Herstellungskosten unter anderem auch die Auswirkungen der bei der Produktion entstehenden Treibhausgase, die Folgen der Überdüngung sowie den Energiebedarf berücksichtigt. Das Problem der versteckten Kosten thematisiert Penny seit einer Woche in einem "Nachhaltigkeitsmarkt" in Berlin. Für je acht konventionell und ökologisch erzeugte Eigenmarken-Produkte will der Händler dort neben dem Verkaufspreis auch den "wahren Preis" ausweisen. So stehen auf dem Preisschild für die H-Milch neben dem Verkaufspreis von 79 Cent, auch die "wahren Kosten" von 1,75 Euro und beim Bio-Hackfleisch in der 250-Gramm-Packung neben dem Verkaufspreis von 2,25 Euro auch die "wahren Kosten" von 5,09 Euro.

Glaubt man der Studie, müssten alle unsere Lebensmittel also deutlich mehr kosten, wenn man ihre Umweltfolgen mit einbezieht. Wir haben mit Prof. Dr. Gunther Hirschfelder gesprochen, der an der Universität Regensburg Esskulturforschung und kulturwissenschaftliche Agrarforschung betreibt. Im Interview erzählt er uns, ob er die Ergebnisse für plausibel hält – und, wie er die Erfolgschancen der "Penny"-Aktion einschätzt. 

idowa: Herr Prof. Hirschfelder, würden Sie die errechneten Aufschläge allgemein als zutreffend bezeichnen – sind Lebensmittel in Deutschland also generell viel zu billig?

Prof. Dr. Gunther Hirschfelder: Die Ergebnisse der Studie sind im Wesentlichen nachvollziehbar, ohne dass man zu stark in die Arithmetik dahinter einsteigen müsste. Sie greift ein grundsätzliches Problem auf und geht in Richtung dessen, was die Forschung schon längere Zeit sagt: Die grundsätzliche Schieflage auf dem Lebensmittelmarkt basiert maßgeblich auch auf der Bepreisung. Wobei man auch sagen muss, dass es „gerechte“ Preise eigentlich noch nie gegeben hat.

Wie meinen Sie das?

Hirschfelder: Handel bedeutet in gewisser Weise auch Ungleichheiten. Ob es das leidende Tier ist, der Boden oder der ausgebeutete Arbeiter – das ist alles nicht neu, aber es hat sich im gegenwärtigen Agrarsystem nochmal deutlich beschleunigt und verschärft.

"Das klingt mir zu sehr nach Verschwörungstheorie"

Der Verbraucher trägt laut den Autoren der Studie die Umwelt-Kosten der produzierten Lebensmittel ja letztlich doch mit - nur eben nicht direkt beim Einkauf. Zeigen die Studienergebnisse also, dass die Verbraucherpreise im Laden zu Lasten von Umwelt und Tieren künstlich niedrig gehalten werden?

Hirschfelder: Ich würde nicht davon sprechen, dass hier irgendetwas künstlich niedrig gehalten wird – das klingt mir zu sehr nach Verschwörungstheorie. Ich würde sagen, es ist ein Kennzeichen einer auf Wachstum ausgerichteten, europäischen Landwirtschaft, diese Preise niedrig zu halten, um konventionelle Agrarwirtschaft hochproduktiv zu machen. Das ist eben die Crux, in der wir stecken: Wir sind jetzt im Übergang und die Probleme, die wir heute sehen, hat man vor 30 Jahren noch nicht wahrgenommen. Die Landwirtschaft ist eben auch ein „langsamer Tanker“, der nicht von heute auf morgen seinen Kurs ändern kann. Viele Landwirte, gerade in Ostbayern, würden ihre Produktionsweise wohl gerne umstellen – aber wenn die vor drei Jahren mit Fördermitteln in eine große Stallanlage für Intensivtierhaltung investiert haben, dann müssen sie die eben noch weitere 17 Jahre abschreiben.

Wieso ist die Landwirtschaft denn heute überhaupt in dieser verzwickten Lage?

Hirschfelder: Diese Zustände sind ja nicht zuletzt im System angelegt. Wir müssen hier betrachten, wie die Landwirtschaft geworden ist, was sie jetzt ist: Die Industrialisierung und Chemisierung der Landwirtschaft, die wir heute negativ betrachten, war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Leitbild und man hat versucht, die althergebrachte Landwirtschaft zu überwinden, weil sie nicht effektiv genug war und in Krisenzeiten die Menschen nicht satt bekommen hat. 1955 gab es den „Grünen Plan“ der Bundesregierung, der genau auf die Förderung dieser Modernisierung abzielte, und man hat darin etwas grundsätzlich Positives gesehen.

Der positive Nebeneffekt war und ist ja, dass die Landwirtschaft eine großartige Produktionssteigerung hingelegt hat – und was wir heute als negative Begleiterscheinungen interpretieren, hat man damals natürlich noch nicht so gesehen. Früher hat die Landwirtschaft zudem vor allem für den heimischen Markt gearbeitet, wir hatten also noch nicht diesen extrem starken Export, der heute hinzukommt. Vieles in der heutigen Situation ist zweifellos misslich und muss abgestellt werden, ist momentan aber noch systemimmanent und teilweise auch fast schon „unfallsmäßig“ geschehen. Ich würde hier niemandem böse Absichten unterstellen.

"Ökologie war ein Nischenthema"

Hat dieser neue Blick auf die Produktionsweise und ihre Nachteile auch mit einem Kurswechsel hinsichtlich Landwirtschaft in der Politik zu tun?

Hirschfelder: Auf jeden Fall. In der Politik ist das Thema Ökologie heute natürlich „Mainstream“ und auch in den großen Volksparteien voll angekommen. Vor etwa 15 bis 20 Jahren war das noch ein Nischenthema – da wurde gesagt, das ist was für linksradikale Spinner und das wollen wir nicht. Dieser Paradigmenwechsel, der sich jetzt in solchen Studien äußerst, ist also erst im 21. Jahrhundert wirklich aufgekommen.

 

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