Bahn Bahnchef: Stammstrecke teurer und dauert länger als geplant

Eine S-Bahn fährt an der Baustelle der zweiten S-Bahn-Stammstrecke entlang. Foto: Sven Hoppe/dpa

Der Bahnchef hat sich nach München gewagt. Konkrete Zahlen zu Kosten und Baudauer der zweiten S-Bahn-Stammstrecke hatte er zwar nicht dabei, doch völlig daneben liegt die aktuelle Prognose wohl nicht. Den Münchner Oberbürgermeister ärgert aber noch was ganz anderes.

Nach wochenlangem Stillschweigen hat nun erstmals auch die Deutsche Bahn eine Explosion der Kosten und eine jahrelange Verzögerung beim Bau der zweiten S-Bahn-Stammstrecke in München eingeräumt. Zwar sei er noch nicht in der Lage, abschließende Kosten- und Terminaussagen zu treffen, sagte Bahnchef Richard Lutz nach einem Spitzentreffen am Mittwoch. "Aber wir können sicherlich sagen, dass es teurer wird und es länger dauern wird." Anfang Oktober werde die Bahn die Fakten auf den Tisch legen.

Das bayerische Verkehrsministerium geht inzwischen davon aus, dass die Kosten für den Bau der zweiten S-Bahn-Röhre quer durch die Münchner Innenstadt von 3,85 Milliarden auf bis zu 7,2 Milliarden Euro steigen dürften. Zudem könnte sich die Inbetriebnahme von 2028 auf 2037 verzögern. "Wir haben nicht eine völlig unterschiedliche Sicht auf die Zahlenwelt, weder was die Termine noch die Kosten angeht", bestätigte Lutz nach einem Gespräch mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und Landräten aus dem Münchner Umland die Größenordnungen.

Die endgültige Entscheidung über die Finanzierung der zusätzlichen Kosten hat Söder nach Vorlage der Fakten ebenfalls für den Herbst angekündigt, allerdings "ohne Zeitdruck". Einen Baustopp lehnte er erneut ab, da damit drei Millionen Euro ohne jeglichen Gegenwert verloren wären und zudem keine Idee für eine alternative Lösung der Verkehrsprobleme in der Landeshauptstadt vorhanden sei. Ein "whatever it takes", einen Blankoscheck, gäbe es aber nicht, betonte Söder. Nun gelte es, Kosten zu optimieren und Prozesse zu beschleunigen.

Zudem habe man vereinbart, dass andere Projekte zur Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs in der Metropolregion vorgezogen würden, berichtete Söder. Für Investitionen in das S-Bahn-Netz sei ein dreistelliger Millionenbetrag geplant, ergänzte Lutz. Außerdem wird die Bahn den zuständigen Gremien künftig alle drei Monate Rapport zum aktuellen Stand bei der Stammstrecke erstatten.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) konnte dies aber nur wenig besänftigen. "Ich habe auch heute keine Gründe erfahren dürfen, warum das plötzlich neun Jahre länger dauert", kritisierte er die Kommunikation der Bahn. "Lösungsansätze kann man nur dann finden, wenn man das Problem kennt, aber wir kennen es nicht." Zudem warnte Reiter: "Klar ist auch, jede weitere Woche ohne Auskünfte über das weitere Schicksal der Stammstrecke birgt das Risiko, dass der politsche Konsens zum Thema Stammstrecke und U9 bröckelt."

Wenige Stunden zuvor hatte ein Vertreter der Bahn im Münchner Stadtrat gesprochen. Der DB-Konzernbevollmächtigte in Bayern, Klaus-Dieter Josel, verwies aber ebenfalls auf Anfang Oktober - was im Plenum für Unmut sorgte. Der Stadtrat sei absolut unzufrieden, sagte Reiter. Manfred Pretzl von der CSU nannte es vollkommen inakzeptabel, dass sich die zweite Stammstrecke derart lange verzögern könnte. Für die Münchner und die vielen Pendler aus dem Umland sei die S-Bahn das zentrale Verkehrsmittel, zudem hingen viele weiter Projekte elementar von der neuen Stammstrecke ab.

Lutz verteidigte das Vorgehen der Bahn. Als man sich 2019 für das Projekt entschieden habe, habe dem nur eine Machbarkeitsstudie zugrunde gelegen. Seither sei der Planungsstand auch zu Kosten und Zeitrahmen stetig vertieft worden. Dabei sei Genauigkeit vor Schnelligkeit gegangen. "Wir haben die Dinge so schnell wie es geht und so gut wie es geht dann vorangetrieben", beteuerte Lutz. In wenigen Wochen könne man nun belastbare Zahlen auf den Tisch legen.

Bei der Opposition sorgte das Ergebnis des Spitzentreffens für harsche Kritik. "Söder hat das Heft des Handelns zu spät in die Hand genommen", bemängelte der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Sebastian Körber. Eine bessere Begleitung des Projekts hätte das Milliardenfiasko verhindert können. Nun herrsche bei Söder blanker Aktionismus und pure Verzweiflung.

Söder solle handeln statt zu lamentieren, forderte der SPD-Fraktionsvorsitzende Florian von Brunn. "Seine Politik des Aussitzens hat uns in die heutige Situation manövriert." Schließlich habe Söder spätestens seit Ende 2019 Bescheid gewusst. Das lange Schweigen kritisierte auch der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Ludwig Hartmann. "Die Staatsregierung wollte ihr Prestige-Projekt auf Teufel komm raus durchdrücken." Warnungen aus dem Bauministerium habe Söder einfach ignoriert.

Der Vorsitzende der an der Regierung beteiligten Fraktion der Freien Wähler, Florian Streibl, warf die Frage auf, ob die Privatisierung der Deutschen Bahn eine gute Idee war – "denn offensichtlich kann's die Privatwirtschaft nicht besser als die öffentliche Hand". Keinesfalls dürfe der ländliche Raum am Ende das Nachsehen haben.

Auch der Landesverband des Verkehrsclubs Deutschlands mahnte, dass der höhere Finanzbedarf für die Stammstrecke keinesfalls zu Lasten anderer Bahnprojekten in Bayern gehen dürfe. Der Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern, Manfred Gößl, warnte davor, die Stammstrecke "zu zerreden": "Ein Verkehrskollaps würde der Attraktivität und der Zukunftsfähigkeit des Großraum Münchens als Spitzenstandort der deutschen Wirtschaft massiv schaden."

Dieser Artikel ist Teil eines automatisierten Angebots der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Er wird von der idowa-Redaktion nicht bearbeitet oder geprüft.

 
 
 

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