Regensburg Asylantrag abgelehnt: Russe sechs Tage lang im Hungerstreik

Sechs Tage lang demonstrierte Andrei P. jeden Morgen vor dem Verwaltungsgericht. Mittlerweile hat der den Hungerstreik aus Rücksicht auf seine Gesundheit abgebrochen. Foto: Quarteera e.V.

Andrei P. floh aus Russland, weil er dort wegen seiner Homosexualität diskriminiert wurde. Er kam nach Regensburg, fand Freunde und Arbeit. Nun wurde sein Asylantrag jedoch abgelehnt. Das Gericht zweifelt daran, dass er tatsächlich schwul ist.

Andrei P. ist zuletzt sicher einigen Regensburgern aufgefallen. Der 39-Jährige stand Ende August sechs Tage lang jeden Morgen mit einem Schild vor dem Verwaltungsgericht. Darauf zu lesen: „Homosexualität braucht keine Beweise“. Der Hintergrund: Andrei P. hatte vor dem Verwaltungsgericht gegen die Ablehnung seines Asyl-Antrags geklagt. Das Gericht lehnte seine Klage jedoch ab – unter anderem, weil es Zweifel daran hatte, dass der 39-Jährige tatsächlich homosexuell ist. Daraufhin trat Andrei P. in einen Hungerstreik, um auf seinen Fall aufmerksam zu machen. Wir haben uns mit ihm über seine Geschichte unterhalten.

Im Alter von 15 Jahren stellte Andrei P. fest, dass er homosexuell ist. In seiner Heimat Russland ein gefährliches Wissen. Nach Andreis Schilderung wurden er und sein Partner Boris dort jahrelang schikaniert. In ihrer Heimatstadt St. Petersburg gibt es ein regionales Gesetz, das „Propaganda für Homosexualität“ unter Strafe stellt. Schon Händchen-Halten in der Öffentlichkeit kann zu Problemen führen. „Wir und unsere Familien wurden lange und systematisch diskriminiert“, sagt Andrei. So habe er etwa mehrmals seine Arbeitsstelle wechseln müssen, weil Kollegen ihn geoutet hatten und er daraufhin bedroht worden sei. Einmal sei er auch von Polizisten zusammengeschlagen worden, als sie bei ihm ein Kärtchen eines Travestie-Nachtclubs fanden. Selbst von einer Ärztin habe er sich zuletzt Beleidigungen anhören müssen. Im Juni 2015 beschlossen er und sein Partner, zu fliehen. So kamen Andrei und Boris nach Regensburg.

Richterin zweifelt an Darstellungen

In der Stadt fand Andrei recht schnell Anschluss: Er arbeitete zeitweise bei Osram, später bei einer Bäckerei, mittlerweile bei der Post. Sein Asylgesuch wurde im Mai 2017 jedoch abgelehnt. Im Urteil, das unserer Redaktion vorliegt, heißt es, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sei „nicht der Ansicht, dass grundsätzlich bei Homosexualität von einer Gruppenverfolgung in der Russischen Föderation auszugehen sei.“ Dagegen reichte Andrei Klage vor dem Verwaltungsgericht Regensburg ein. Diese wurde aber nun ebenfalls abgelehnt. Die Begründung: Andrei P. habe sein Verfolgungsschicksal nicht glaubhaft gemacht. Tatsächlich ist die Richterin nicht einmal davon überzeugt, dass der 39-Jährige wirklich homosexuell ist. Seine Vernehmung in der mündlichen Verhandlung habe vielmehr den Eindruck erweckt, dass es sich um eine „rein asyltaktische Behauptung“ handelt. Als Begründung führt das Gericht unter anderem an, dass Andrei bei mehreren Fragen ausgewichen und erst auf wiederholte Nachfrage eine Antwort gegeben habe. Auch seine Schilderungen enthielten einige Ungereimtheiten. Es seit etwa nicht nachvollziehbar, „weshalb der Kläger ohne Weiteres nach dem ersten sexuellen Kontakt mit einem Mann sofort die Erkenntnis gehabt haben mag, homosexuell zu sein.“

Das Problem in solchen Fällen: Wie sollen Gerichte die sexuelle Identität eines Menschen zweifelsfrei feststellen? Dafür müssen sie sich in intimste Details einarbeiten. Viele von Andreis Ausführungen lassen sich aber nicht oder nur schwer belegen. Fotos von ihm und Boris allein überzeugten das Gericht nicht, dazu kamen noch die Zweifel in der Vernehmung. Seine Klage wurde deswegen abgewiesen. Der 39-Jährige kann das nicht nachvollziehen: „Ich lebe seit über 18 Jahren mit Boris zusammen. Trotzdem stellt das Gericht meine sexuelle Orientierung in Frage. Ich komme mir vor wie in einem absurden Theaterstück!“

Sechs Tage im Hungerstreik

Für ihn steht dabei viel auf dem Spiel: Nach Russland zurück möchte Andrei auf keinen Fall. „Wir waren dort in echter Gefahr. Das war der Grund, warum wir nach Deutschland gekommen sind“, sagt er. Um gegen das in seinen Augen „falsche und entwürdigende“ Urteil zu protestieren, ist er deswegen Ende August in den Hungerstreik getreten. Sechs Tage lang hat er jeden Morgen mit seinem Schild vor dem Verwaltungsgericht demonstriert. Warum er sich ausgerechnet für diese Form des Protests entschieden hat? „Ich wollte Aufmerksamkeit auf meinen Fall lenken. Und es scheint, dass ich genau das auch geschafft habe.“ Ein Großteil der Passanten habe zwar versucht, ihn zu ignorieren, doch einige seien auch auf ihn zugekommen und hätten nachgefragt, was es mit dem Schild auf sich habe. „Ich habe dadurch auch viele Ratschläge und Hilfe bekommen – vor allem aus der LGBT-Community“, berichtet Andrei. So hatte etwa der Verein Quarteera, der sich vor allem für russischsprachige Homo-, Bi- und Transsexuelle in Deutschland einsetzt, über seinen Fall berichtet. Auch in Regensburg selbst bekam er Rückendeckung, etwa von der GEW-Hochschulgruppe oder der Arbeitsgruppe Queer in der SPD. Sogar eine Spendenaktion, um ihm mit seinen Anwaltskosten zu helfen, wurde ins Leben gerufen.

Den Hungerstreik hat Andrei mittlerweile nach sechs Tagen abgebrochen. Aus Rücksicht auf seine Gesundheit. Die Hoffnung, doch noch in Regensburg bleiben zu können, hat er aber noch lange nicht aufgegeben.

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