Psychologie Nichtstun - Warum man sich dabei neu kennenlernt

Nicht lesen, keine Musik hören und auch kein Instagram oder Snapchat. Einfach nichts tun. Schwierig, doch dabei kann man sich selbst neu kennenlernen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Komplett untätig zu sein – das ist für die meisten von uns extrem schwer. Schnell wird es langweilig oder man hat das Gefühl, seine Zeit zu verplempern. Doch wer diese Leere zulässt, kann daraus viel Kraft schöpfen.

Wie schwer fällt es dir, einmal wirklich nichts zu tun? Gemeint ist jetzt nicht, sich die Zeit auf Instagram zu vertreiben, eine Serie nach der anderen zu schauen oder zu schlafen. Hier geht es um wirkliches Nichtstun. Nichts konsumieren, nicht mit Freunden chatten, keine Videos schauen, ja nicht einmal basteln, malen oder den Eltern im Garten helfen. Nichtstun heißt zum Beispiel: An der Bushaltestelle zu sitzen und nicht aufs Handy zu schauen. Nur warten. Ohne Unterhaltung und ohne Gespräch. Oder im Garten zu liegen und die Blumen zu beobachten. Das fällt uns allen sehr schwer. „Wenn ich ein Videospiel zocke oder Fotos auf Instagram anschaue, dann bin ich nicht bei mir, sondern im Außen“, erklärt Astrid Boemer, Heilpraktikerin für Psychotherapie aus Landshut.

Beim Nichtstun sehen wir unsere Fehler und Ängste

Im Außen – was soll das bedeuten? Die Expertin erklärt es so: „Wenn wir nichts tun, dann wird uns ein Spiegel vorgehalten. Dann sind wir auf uns selbst zurückgeworfen.“ Das gefalle vielen nicht. Denn dann sehen wir uns mit unseren ganzen Makeln und Fehlern, unseren Ängsten vor der Einsamkeit, unseren negativen Gefühlen. Und das versuchen wir, um alles in der Welt zu kaschieren. So manch einer würde dann vielleicht feststellen, dass er das, was er da im Spiegel sieht, nicht so gerne mag. Oder er überlegt, ob andere ihn doof finden.

Prinzipiell trifft die Leere alle Menschen – die einen mehr, die anderen weniger. „Je mehr ich mich selbst mag, desto besser kommt man mit freier Zeit, mit Nichtstun zurecht“, sagt Astrid Boemer. Grundsätzlich aber sind wir es alle nicht gewohnt, nichts zu tun, sagt die Expertin. Faulenzen ist in unserer Gesellschaft verpönt. Das wurde uns schon als Kind eingetrichtert.

Schnell empfinden wir Nichtstun als verschwendete Zeit und haben das Gefühl, etwas zu verpassen – selbst, wenn wir im Urlaub sind. „Und dabei entspricht das eigentlich nicht unserer Natur“, erklärt Astrid Boemer. Zu früheren Zeiten habe die Natur den Menschen immer eine Pause auferlegt: den Winter. Da gab es für die Landwirte nichts zu ernten, nichts zu säen, nichts zu ackern. Man konnte nur eins tun: zuhause sein.

Nichtstun ist ein Glücksfall – und keine Zeitverschwendung

Doch heute wollen wir immer etwas erleben, etwas Sinnvolles mit unserer Zeit anfangen, nützlich sein, mit anderen in Kontakt sein oder konsumieren. Das hat man beispielsweise am Anfang der Corona-Krise gesehen, erinnert sich Astrid Boemer. Sofort war ein großer Aktionismus zu beobachten. Die Leute haben angefangen, ihre Keller aufzuräumen oder lange liegengebliebene Dinge zu erledigen.

Und dabei ist eine Zeit des Nichtstuns ein Glücksfall und keineswegs Zeitverschwendung. Denn wer die Leere zulässt, der kann zu sich selbst vordringen. Der hat die Chance, sich selbst kennenzulernen. Was sind meine Eigenschaften, meine Stärken, meine Schwächen, meine Fehler, meine Erfolge?

Im zweiten Schritt gilt es dann, dies alles so zu akzeptieren, wie es ist und sich selbst zu lieben. Das macht stark für die Zukunft. Denn wer sich selbst mag, der ist unabhängiger davon, was andere denken oder welche Stürme über einen hinwegfegen. Auf diese Weise wird Nichtstun zum absoluten Gewinn.

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