Niederbayern Flutpolder: Platz schaffen fürs Wasser

Wieder eine Rückhaltefläche für die Donau, die erhalten werden konnte: Der Deich bei Bergham im Landkreis Deggendorf ist seit Kurzem fertig und ist Teil des Polders Steinkirchen. Foto: RMD

Seit im Juni 2013 im Raum Deggendorf ganze Ortsteile in den schlammigen Wassermassen von Donau und Isar versunken sind, hat für die Anrainer dort vor allem eins Priorität: der Ausbau des Hochwasserschutzes.

Der Freistaat investiert allein an der Donau zwischen Straubing und Vilshofen über eine Milliarde Euro, um die Bevölkerung vor einem 100-jährlichen Hochwasser zu schützen. Was viele nicht wissen: Die umstrittenen Flutpolder, die derzeit auch in einigen Orten Ostbayerns für ordentlich Zündstoff sorgen, haben mit diesem 100-jährlichen Hochwasserschutz erstmal gar nichts zu tun. Denn der besteht vor allem aus einem: dem Erhalt und der Wiedergewinnung von Rückhalteflächen, auf die das Wasser im Notfall ausweichen kann.

Siegfried Ratzinger, Leiter des Bereichs Hochwasserschutz am Wasserwirtschaftsamt in Deggendorf, hat uns die wichtigsten Hochwasserschutzmaßnahmen entlang der niederbayerischen Donau erläutert und dabei auch erklärt, was der Unterschied zwischen einem Polder und einem Flutpolder ist.

Polder oder Flutpolder: Was ist der Unterschied?

Ein Polder ist laut Siegfried Ratzinger einfach eine tiefliegende, eingedeichte Fläche, die bei einem Hochwasser überschwemmt wird, also quasi ein natürliches bereits bestehendes Flutgebiet.

Ein gesteuerter Flutpolder ist ein durch hohe Damm-Wände künstlich erzeugter Rückhalteraum, der im Hochwasserfall gezielt geflutet werden kann. Dies funktioniert über gesteuerte Ein- und Auslaufwerke, über die das Wasser ein- und wieder ausgelassen werden kann.

Flutpolderkette: Warum hat sie mit dem 100-jährlichen Hochwasserschutz erstmal nichts zu tun?

Die Flutpolderkette, die der Freistaat geplant hat, umfasst insgesamt 13 Standorte entlang der bayerischen Donau. Vier davon liegen in Niederbayern und der Oberpfalz: Wörthhof, Eltheim (beides Landkreis Regensburg), Öberauer Schleife (Straubing) und Steinkirchen (Kreis Deggendorf). "Es ist ein großes Missverständnis, dass beim Hochwasserschutz vor allem auf Flutpolder gesetzt wird", erklärt Ratzinger. Hauptziel sei es, entlang der niederbayerischen Donau einen Grundschutz für ein 100-jährliches Hochwasser, den sogenannten HQ100-Schutz, zu schaffen. Wesentlicher Punkt dabei ist der Erhalt und die Reaktivierung bestehender Rückhalteflächen, also Poldergebieten, auf die das Wasser im Notfall ausweichen kann. Alle Hochwasserschutzbaumaßnahmen, die in den vergangenen Jahren entlang der niederbayerischen Donau durchgeführt worden sind, haben dem Erhalt dieser Poldergebiete gedient. "Dieser Grundschutz vor einem 100-jährlichen Hochwasserereignis ist schon sehr hoch, aber auch nicht unbegrenzt", erklärt Siegfried Ratzinger. Deshalb gebe es das Flutpolder-Konzept, das dann greifen soll, wenn alle anderen Maßnahmen für einen 100-jährlichen Hochwasserschutz nicht mehr greifen. Die Flutpolder sollen im Überlastfall zugeschaltet werden, um die Hochwasserspitzen so zu kappen, dass das Wasser durch die HQ100-ausgebauten Bereiche abgeleitet werden kann, ohne Schaden anzurichten.

Mögliche technische Maßnahmen: Wie können Rückhalteflächen erhalten oder zurückgewonnen werden?

Laut Siegfried Ratzinger gibt es nur begrenzte Möglichkeiten für den technischen Hochwasserschutz. Um die besiedelten Gebiete in den Poldern vor einem 100-jährlichen Hochwasser zu schützen und gleichzeitig Rückhalteflächen zu erhalten, gibt es im Grunde drei Möglichkeiten: Deichrückverlegung, Zweite Deichlinie und Deich-Erhöhung.


Deichrückverlegung

Das wird gemacht: Ist genug Platz bis zur nächsten Bebauung, kann ein bereits bestehender Deich komplett abgebaut und in einer zurückversetzten Trasse ein neuer Deich errichtet werden, der von seiner Höhe her einen Schutz für ein 100-jährliches Hochwasser bietet. Davor wird eine Flutmulde abgetragen, die Platz für Hochwasser bietet.

Das bringt das Ganze: Natürlicher Rückhalteraum wird so wiederhergestellt und das Hochwasser kann sich auf einem breiteren Querschnitt verteilen. Wasserspiegel und Fließgeschwindigkeitel und Fließgeschwindigkeit werden gesenkt. Dies ist für Passau sehr wichtig, damit dort die Hochwasserspitzen von Inn und Donau nicht aufeinandertreffen.

Zweite Deichlinie

Das wird gemacht: Die bereits vorhandene Deichlinie bleibt bestehen, allerdings werden im unteren Bereich sogenannte Überlaufstrecken angebracht, durch die das Wasser kontrolliert in den Rückhalteraum einlaufen kann. Zusätzlich wird weiter hinten vor den besiedelten Gebieten eine zweite Deichlinie errichtet.

Das bringt das Ganze: Der erste Deich wird ab etwa einem 50-jährlichen Hochwasser überschwemmt. Durch Überlaufstrecken füllt sich der Polder zwischen erster und zweiter Deichlinie. Deichbrüche werden vermieden, da Ort und Zeit der Überströmung festgelegt sind. Die Spitze wird gekappt, das Wasser zurückgehalten.

Deicherhöhung

Das wird gemacht: Der bestehende Deich wird verbreitert, etwa einen Meter erhöht und mit einer flacheren Böschung versehen. Er erhält eine sickerwasserundurchlässige Innendichtung aus Erdbeton oder Spundwänden. Ist zu wenig Platz für diese Maßnahmen, kann der Deich auch durch aufgesetzte Betonmauern erhöht werden.

Das bringt das Ganze: Die Erhöhung ist ein punktueller Schutz. Diese Maßnahme wird deshalb nur an Stellen durchgeführt, wo kein Platz für eine Rückverlegung ist. Denn dem Wasser wird lediglich Platz nach oben gegeben. Für die Unterlieger würde man die Situation verschlechtern, würde man nur mit Deicherhöhungen arbeiten.

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