Im Interview erklärt Bernhard Pörksen, was Medienmündigkeit bedeutet und warum sie zur Existenzfrage der Demokratie geworden ist.

Herr Professor Pörksen, Sie analysieren unsere vernetzte Medienwelt und diagnostizieren einen kommunikativen Klimawandel. An welchen Faktoren machen Sie diesen fest?

Bernhard Pörksen: Ich behaupte: Vernetzung verstört. Und wir sind gereizt, weil alles sichtbar geworden ist – das Banale, das Bestialische und das Berührende, die anonyme Hassattacke, das Folterfoto, die Bilder entsetzlicher Armut. Netzmedien sind, anders gesagt, Nähemedien – und diese Nähe überfordert. Unter den aktuellen Medienbedingungen kommen sich Menschen oft unerträglich nahe und alles wird blitzschnell öffentlich. Diese neuartige Sichtbarkeit erzeugt, unabhängig von den gerade aktuellen Inhalten und Themen, Gereiztheit, oft auch Wut und Empörung.

Dem Zustand der Dauer-Empörung, so schreiben Sie in Ihrem Buch „Die große Gereiztheit“, müssen wir mit Medienmündigkeit begegnen.

Pörksen: Stimmt, ja. Meine eigene Bildungsvision nenne ich die redaktionelle Gesellschaft – und sage: In der redaktionellen Gesellschaft der Zukunft sollten die Prinzipien und Maximen des guten Journalismus zu einem Element der Allgemeinbildung werden.

Dazu zählt etwa, dass man Quellen prüfen und einschätzen kann, relevante und irrelevante Information unterscheiden lernt, die eigene Skepsis trainiert. Und das Bewusstsein schult, wie leicht Menschen ihren eigenen Vorurteilen auf den Leim gehen. Im Zeitalter der mächtigen Gatekeeper war dies primär die Kompetenz von Journalistinnen und Journalisten, die am Tor zur öffentlichen Welt darüber zu entscheiden hatten, was als relevant und interessant gelten konnte. Heute müssen wir alle solche Entscheidungen treffen und einschätzungsfähig werden. Und genau dies sollte in den Schulen gelehrt werden.

Im Lehrplan aller bayerischen Schularten ist Medienerziehung verankert. Sie gehen einen Schritt weiter und fordern ein eigenes Schulfach. Bitte skizzieren Sie kurz, wie Sie das Fach inhaltlich füllen würden.