Italien Dolce Vita im Armenhaus

Das Capo Vaticano mit seinen weißen Stränden und verführerischem Meer ist einer der reizvollsten Küstenabschnitte Kalabriens. Foto: Dertour

Das italienische Kalabrien galt lange Zeit als vergessene Region.

Für die Schönheitskonkurrenz habe Kalabrien zu wenig Sexappeal, finden Zweifler. Kritiker behaupten, die kurvige Region am "Zeh" des italienischen Stiefels geize mit ihren Reizen und überlasse dem übrigen Bella Italia die Show. Mag sein. Manchmal blickt der Kalabrese neidisch auf den weltgewandteren reicheren Norden. Dann aber lehnt er sich bei einem Espresso zurück und tröstet sich mit dem, das er hat: Ein Stück authentisches, unpoliertes Italien mit sauberen Stränden und hellgrünem Wasser. Zauberhafte uralte Städte sowie eine raffinierte Landküche von entwaffnender Einfachheit. Spicy statt sexy.

Im wirtschaftlichen Armenhaus Italiens sind die Menschen hilfsbereit, bodenständig und folgen der Mutter Gottes. Die Strippen zieht aber die mächtige italienische Mafiaorganisation Ndrángheta. Kalabrien - ein heißes Pflaster für Touristen? Keine Angst, beruhigt Fabio im alten Seefahrerstädtchen Pizzo am Tyrrhenischen Meer. Reisende wachen in Kalabrien weder mit abgetrennten Gliedmaßen auf noch werde ihnen ein Revolver unter die Nase gehalten. Wer will schon Devisen bringende Touristen abschrecken?

Das Eis Tartufo soll aus dem Städtchen Pizzo stammen

Der Bevölkerung mache die Mafia das Leben mit Erpressungen und Diktaten jedoch schwer. Aber kaum mehr als korrupte Lokalpolitiker und unfähige Regierungen, schimpft der Signore. "È così com'è", es ist wie es ist. Mit dem Ersparten aus Gastarbeiterjahren in Deutschland komme er über die Runden. Das reiche sogar für gelegentliche Restaurantbesuche oder eine süße Sünde im Eiscafé, wo das einer Trüffelpraline nachempfundene Tartufo serviert wird. Lokalpatrioten behaupten, dass hier das Eis vor 80 Jahren erfunden wurde. Die Landesspezialität aus Schokoladen- und Nusseis ist mit einem Hauch Kakao bepudert und zartbitterer Schokoladensoße gefüllt.

Auf Pizzos Piazza schicken junge Burschen flanierenden Signorinas schmachtende Blicke durch schwarze Sonnenbrillen hinterher. Ein paar Touris in Sandalen und zu engen kurzen Hosen beeilen sich einen flüchtigen Blick ins alte Kastell zu werfen, in dem Napoleons Schwager bis zu seiner Hinrichtung 1815 einsaß. Über sein jähes Ende geben Abschiedsbriefe an seine Frau im Burgmuseum Auskunft. Dann posieren die Urlauber mit stattlichen Eistüten vor der Stadtmauer und posten Selfies im rot-violett gefärbten Abendlicht am Golfo di S. Eufemia.

Steile Pfade führen hinunter ans Meer zur Chiesa di Piedirgrotta am nördlichen Ortsende. Als Dank für ihre Rettung hätten im 17. Jahrhundert drei neapolitanische Schiffbrüchige die Grotte zu einer Kapelle ausgehöhlt, erzählt Fremdenführerin Claudia. In den Felseinschnitt stellten sie ein Madonnenbild, das aus dem versunkenen Schiff auf wundersame Weise an den Strand gespült wurde. Ende des 19. Jahrhunderts ergänzten zwei fromme lokale Künstler den Altar mit biblischen Figuren aus Tuffstein.

Wenn weiter südlich bei Tropea am Capo Vaticano kräftige Zwiebelgerüche in die Nase steigen, dann ist Erntezeit. Die sandigen Böden und das besondere Mikroklima der weiten Küstenstreifen bieten ideale Voraussetzungen für die Saat der Cipolla Rossa di Tropea.

Die berühmten Ziebeln von Capo Vaticano

Die berühmte rote Zwiebel Italiens ist nicht nur süß und mild, wegen vieler gesunder Inhaltsstoffe wird ihr auch eine heilende Wirkung für den menschlichen Organismus zugeschrieben. "Wenn den Zwiebeln das Wasser entzogen wurde, bleiben von 1 000 Kilogramm rund 90 Kilogramm getrocknete Zwiebeln übrig", erklärt Giovanni Schiariti in seinem 35 Hektar großen Unternehmen. Die Knolle eigne sich für Kompott, Vorspeisen, Fisch- und Fleischgerichte und sogar für eine Zwiebelmarmelade. Ob die gewagte Kombination Zwiebel und Eis eine kulinarische Innovation oder Zumutung für die Zunge ist, darf jeder für sich selbst herausfinden. Gelegenheit zum Geschmackstest ist bei "Tonino" auf dem Corso Vittorio Emanuele 52 in Kalabriens beliebtestem Ferienort Tropea.

Die Stadt mit ihren hübschen Plätzen und Adelspalästen gilt als "Schönheitskönigin" an der kalabrischen Mittelmeerküste. Bei der Wertung punkte ganz sicher auch die Ausflugsnähe des wilden Capo Vaticano, relativiert die Reiseleiterin. Marketingstrategen, die den Superlativ auf Tropeas Strände und Aussichtsplätze für weite Blicke über das azurblaue Meer beziehen, sind indes kaum zu widersprechen. Tatsächlich toppt allenfalls das romantische Kap Tropeas viel gerühmte aussichtsreiche Lage. Das schroffe Felsplateau vor den Toren des Badeortes bietet dem Auge eine filmreife Kulisse bis hinüber zu den Liparischen Inseln. Star der Panoramaschau ist der rauchende, oft Feuer spuckende Stromboli. Am Fuße der massigen Felskappe verstecken sich unter einem blitzblanken Sommerhimmel vom Meer weiß geleckte paradiesische Strandabschnitte. Ein Postkartenidyll, das deutscher Italiensehnsucht aus den sechziger Jahren und alten Ohrwürmern wie Vico Torrianis "Azzurro" oder Margot Eskens "Himmelblaue Serenade" ein perfektes Bild gibt.

Wie schön, dass Kalabrien mit seiner Delikatessen gefüllten Speisekammer bestens ungeeignet ist für eine Fastenreise. Also ran an die Würste. Im nahen Spilinga bringt der Familienbetrieb Livasì die beliebte höllenscharfe "Nduja" auf den Tisch. Die fettreiche Streichwurst aus der Zucht schwarzer kalabrischer Freiland-Schweine hängt inmitten anderer pfiffig-scharfe Fleischfusionen auch als würzige Light-Version am Haken.

Eine verwaiste Welt, die sich vor der Zeit versteckt

Überflüssige Kalorien abzuspecken, bietet anschließend ein Spaziergang durch die benachbarte Felsenstadt von Zungri. Stufen weisen den einsamen Weg in eine verwaiste Welt, die sich vor der Zeit versteckt. Mehr als 100 zum Teil zweistöckige Grotten, finstere Stollen und kühle Nischen verteilen sich auf einer 3 000 Quadratmeter großen Hochfläche. Wie Traumbilder muten die Reste einer vergangenen Zivilisation an diesem magischen Ort der Einfachheit an. Italien-Nostalgiker spüren lieber im Jetzt einem Gestern mit Sechzigerjahre-Flair nach und fahren über holprige Straßen hinauf in die bewaldete Bergprovinz Catanzaro. In Serrastretta haben Bewohner der Chansonette Dalida ("Am Tag als der Regen kam", "Er war gerade 18 Jahr") ein Denkmal gebaut. Der französische Weltstar wurde in Kairo geboren, hat seine elterlichen Wurzeln aber in diesem Bergnest. Unter Plakaten drehen sich im "Museo Casa Dalida" Scheiben der Sängerin mit dem rollenden R. Und auch im Restaurant "Dalida" legt der Wirt für Touristen hocherfreut eine melancholische Canzone der "Calabrese of Paris" auf den (Platten-)Teller.

 

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