Interviewserie - Über den Rand Mit Atemschutzmasken quer durch Deutschland

Auf den Spuren vergangener Hausbesitzer: Die Atmosphäre, die Katharina H. an verlassenen Orten mit ihrer Kamera einfängt, ist immer anders. Foto: Katharina H.

Die große Leidenschaft von Katharina H.* (Name von der Redaktion geändert) ist das Fotografieren von verlassenen Orten. Auf der Jagd nach den sogenannten „lost places“ fährt die Regensburgerin schon einmal quer durch Deutschland. Im Interview mit idowa spricht sie über einsturzgefährdete Gebäude, Vandalismus und das Gefühl, in die Vergangenheit zu reisen.

Sie fahren regelmäßig viele Hundert Kilometer, um verlassene Orte, sogenannte lost places, zu fotografieren. Warum?

Katharina H.: Es ist wie ein Überraschungsei, du weißt nicht wie es an dem Ort ausschaut, bevor du da hinkommst. Du weißt nicht, ob du reinkommst, wie du reinkommst oder wie lang du drin bleiben kannst. Es ist auf jeden Fall immer ein Abenteuer, ein Eintauchen in die Vergangenheit. Man ist an einem Ort, an dem davor nur ganz wenige waren. Das ist ein echt cooles Gefühl, vor allem in der heutigen Welt, wo es nicht mehr viele solche Orte gibt. Viele Städte sehen solche verlassenen Gebäude als Schandfleck an. Ich möchte mit meinen Fotos zeigen, dass diese Häuser trotzdem schön sind und viele Geschichten erzählen.

Wie sind Sie zu dem Hobby gekommen?

Bei meiner Oma gab es in der Nähe eine verlassene Papierfabrik, da bin ich einmal mit einer Freundin rein. Aber da hab ich noch nicht fotografiert. Mein Interesse wurde wieder geweckt, als mich mein Navi falsch geführt hat. Und dann war da wieder eine verlassene Papierfabrik. Die hat mich dann fasziniert, deswegen bin ich den Weg dann öfter gefahren und irgendwann habe ich auch einmal angehalten. Aber auf dem kurzen Weg vom Auto bis zu der Fabrik waren so viele „Betreten verboten“-Schilder, dass ich mich nicht getraut habe. Dann ist über ein Jahr vergangen und ich habe mich einer Fotogruppe angeschlossen. Irgendwann sind wir dann auch zu der ehemaligen Papierfabrik gefahren und ich dachte mir, krass, du kommst jetzt dann echt da rein. 

Welcher verlassene Ort hat Sie bisher am meisten beeindruckt?

Eigentlich ein Sanatorium in Franken. Das ist nach wie vor ein Ort, an den es mich immer wieder zieht. Das Sanatorium fasziniert mich so, weil das meine erste richtig große Tour war. Wir waren da zuerst einmal im Keller. Dort war es schon gruselig. Dann sind wir ins Erdgeschoss. Da sind noch vereinzelt Waschbecken an den Wänden gehangen. Je länger wir dort waren, desto cooler war es. Und dann standen wir plötzlich in einem Ballsaal. Ich wusste nicht, dass es dort einen gibt und ich war sprachlos, weil der Saal so wunderschön war. Es ist ein Gefühl, das mir immer in Erinnerung bleibt. Inzwischen recherchiere ich vorher natürlich genauer, bevor ich zu einem "lost place" fahre.

Welche Ausrüstung braucht man als Urbexer (Hobbyfotografen, die verlassene Orte erkunden; Anm. d. Red.), wenn man verlassene Orte erkundet?

Ein Pfefferspray – damit hat man einfach ein sichereres Gefühl. Ich habe meins bisher zum Glück noch nicht gebraucht. Aber man weiß nie, auf wen oder auf was man dort trifft. Das können Tiere sein oder es kann natürlich auch sein, dass dort Obdachlose oder Junkies sind. Strom gibt es in den wenigsten Orten, von daher braucht man schon viel Ausrüstung: Verschiedene Taschenlampen, Akkus, Kamera – auch mit Ersatzakku, Blitz oder externe Beleuchtung. Manchmal ist man auch vier Stunden in einem Bunker ohne Handyempfang unterwegs und da sollte man schon ein Erste-Hilfe-Set und natürlich etwas zu trinken dabei haben. Man nimmt auch immer Atemschutzmasken mit wegen dem Schimmel, weil es oft gerade in Bunkern schimmelt. Oder wenn man in einer Fabrik ist, wenn Lacke ausgelaufen sind.

Sie waren ja auch schon in dem unter Urbexern berühmten leerstehenden Haus der Anna L. in Hessen - Wie ist das Gefühl, wenn man in einem Haus steht, in dem noch so viele Besitztümer der verstorbenen Bewohner herumliegen?

War ein tolles Erlebnis. Hab es schöner wahrgenommen, als ich es zuvor auf Fotos gesehen habe. Bei Anna L. habe ich zum Beispiel auch den Lebenslauf des Sohnes der ehemaligen Besitzer und Patientenakten gefunden. Das ist dann schon ein Gefühl von vielleicht sollte ich mir das gar nicht durchlesen, weil es nicht für mich gedacht ist. Es gab auch ein Gästebuch für eine Verlobung, das Urbexer zu einem Gästebuch für sich umfunktioniert haben. Da stand vorne noch die Widmung von den ganzen Leuten drin, die auf der Verlobungsfeier waren. Irgendwie ist das auch ein trauriges Gefühl, weil man sich fragt, was ist in der Familie passiert, dass es niemanden gibt, der sich dafür interessiert oder zumindest dafür gesorgt hätte, dass die Dokumente verwahrt werden. Ich finde das irgendwie verstörend, dass sich da niemand drum gekümmert hat.

Thema Vandalismus: Wie gehen Urbexer damit um?

Es gibt ja diesen Spruch „Take nothing but pictures, leave nothing but footprints“ ("Mache nichts außer Bilder, hinterlasse nichts außer Fußspuren"; Anm. d. Red.). Es gibt diesen Codex unter Urbexern, dass man erstens keine Adressen weitergibt und zweitens an den Orten nichts verändert und natürlich nichts zerstören darf. An letzteres halten sich wohl schon die meisten, an das mit den Adressen und dem nichts umstellen nicht. Ich selber mach das nicht, ich möchte das Gebäude gerne so fotografieren, wie es an diesem Tag auch ist. Vor allem, weil ich manchmal nochmal hinfahre und schaue, was sich so verändert hat.

Sind Sie schon einmal erwischt worden, als Sie eines der Gebäude von innen fotografiert haben?

Von der Polizei bin ich noch nie erwischt worden. Es gab ein paar Situationen, in denen Nachbarn unsere Kennzeichen aufgeschrieben haben. Oder wo wir kurz davor waren in einen lost places reinzugehen und dann gemerkt haben, jemand beobachtet uns. Dann haben wir uns dazu entschlossen, später noch einmal herzukommen.

Begleitet einen die Angst, erwischt zu werden, trotzdem?

Es kommt darauf an. In jedem Gebäude herrscht eine gewisse Atmosphäre. Entweder fühlt man sich dort gut oder nicht. Und wenn du dich gut fühlst, denkst du auch nicht daran, dass da etwas passieren kann. Wenn man sich aber nicht wohl fühlt, dann kann es schon sein, dann kommt in Anführungszeichen Angst dazu, dass man erwischt wird. Wobei ich davor nicht wirklich Angst habe, obwohl ich weiß, dass es passieren kann. Ich habe mehr Angst davor, auf wen ich in den Gebäuden treffen könnte.

Oft sind verlassene Gebäude ja nicht unbedingt gut gesichert. Haben Sie nicht manchmal Angst, dass die Decke über Ihnen einstürzt?

Da ist mir bislang zum Glück auch noch nichts passiert, obwohl ich schon in vielen Gebäuden war, die nicht mehr in einem so guten Zustand waren. Allerdings glaube ich auch, dass ich vorsichtig bin und ich schaue, wo ich hinlaufe. Man hat aber auch bei anderen Hobbys Gefahren. Man muss halt mit Respekt damit umgehen.

Was war bisher die weiteste Strecke, die Sie für Ihr Hobby auf sich genommen haben?

Bisher war ich ja nur in Deutschland unterwegs. Am weitesten entfernt war ein verlassenes Bad, da bin ich etwa 410 Kilometer hingefahren. Aber ich fahre nie nur zu einem lost place, sondern verbinde das immer mit anderen Orten. Bei der längsten zweitägigen Tour sind wir 1.400 Kilometer gefahren, an einem Tag waren es einmal 800 Kilometer. Das war aber grenzwertig. Da war ich dann ziemlich fertig, aber es hat sich gelohnt. Man fährt einiges an Kilometern. Letztes Jahr waren es bestimmt so 18.000 Kilometer insgesamt. Dieses Jahr möchte ich gerne nochmal nach Tschechien und auch mal nach Belgien oder vielleicht auch Frankreich.

Sind Sie schon einmal umsonst so weit gefahren?

Eigentlich nicht, ich fahr nirgendwo hin, wenn ich nicht hundertprozentig weiß, dass es offen ist. Wenn ich es nicht weiß, suche ich mir in der Gegend noch andere Orte, zu denen ich fahren könnte. Man recherchiert das vorher im Internet nochmal nach, ob es gerade offen ist oder fragt andere Urbexer, die vor kurzem dort waren. 

Wie oft sind Sie zu lost places unterwegs?

Mein Ziel ist es, mindestens zweimal im Monat auf Tour zu gehen. Letztes Jahr war ich von August bis Ende Dezember sogar fast jedes Wochenende und manchmal sogar noch unter der Woche.

Drei Eigenschaften, die man als Hobbyfotograf braucht, um lost places zu fotografieren:

Als Urbexer sollte man vor allem furchtlos und abenteuerlustig sein, aber auch einen kühlen Kopf bewahren können, wenn etwas Unerwartetes passiert. Außerdem musst du dich gut mit deiner Kamera auskennen, weil du nicht weißt, wie viel Zeit du zum Fotografieren haben wirst. Auch Angst davor, dreckig zu werden, darf man nicht haben.

Mehr Bilder von Katharina H. finden sich auch auf Instagram und auf ihrer Facebookseite.

 

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