Interview Autor Dennis Gastmann im Gespräch über das Land Japan

Dennis Gastmann lebt in Hamburg und reist als Auslandsreporter rund um den Globus. Sein neues Buch „Der vorletzte Samurai“ ist bei Rowohlt Berlin erschienen. Foto: Dennis Gastmann/Rowohlt

Dennis Gastmann hat auf einer langen Reise Japan erkundet. Mit uns hat er über seine Erlebnisse gesprochen.

Wer sich noch nie mit Japan beschäftigt hat, der kann nicht viel dazu sagen. Klar, einige Schlagworte wie Manga, Cosplay, Sushi, vielleicht noch Sony und Panasonic oder überfüllte U-Bahnen. Ansonsten ist das Land für uns ein rätselhaftes Inselreich.Worin liegt für Sie die Faszination Japan?

Dennis Gastmann: Es ist das Schleierhafte, das Unklare, das Verborgene, das Reden ohne Worte. Japan ist ein Land der verschlossenen Türen, doch manchmal, ganz unverhofft, öffnen sie sich plötzlich. Dann, wenn man sich traut, die Schiebetür einer kleinen Bar in Kagoshima beiseite zu drücken. „Das gibt es nicht!“, rief einer der Männer an der Theke, der sich hinter Sake-Flaschen verschanzt hatte, „da sitzen wir dreißig Jahre an diesem Tresen, und zum ersten Mal schaut ein Ausländer vorbei!“. Ich dachte, Japaner seien zurückhaltend, doch in den Nächten dreht sich manchmal alles um. „Er ist so heiß!“, entfuhr es einer Angesäuselten, als ich den Raum betrat, „da möchte man es gleich machen!“ Sie hielt mich wohl für einen Star aus dem Westen und entschuldigte sich vielmals bei meiner Frau. „Japanerinnen sind nicht so. Nur ich.“

Über Ihre Frau Natsumi, deren Mutter Japanerin ist, hatten Sie auf Ihrer gemeinsamen Reise einen intensiven Zugang zur Kultur des Landes und zu den Menschen. Wie kann sich aber ein Gaijin, also der ahnungslose Fremde, am ehesten in Japan zurecht finden?

Gelegentlich bin ich sehr deutsch. Ich neige dazu, mich doppelt und dreifach auf eine Reise vorzubereiten, manchmal viel zu viel. So ist es mir in Japan passiert. Irgendwann sagte Natsumi zu mir: „Komm, leg Deine Ratgeber und Handbücher beiseite und lass das Land einfach auf Dich wirken.“ Dazu würde ich inzwischen jedem Gaijin raten. Einer der Texte, die allesamt von Westlern geschrieben waren, riet zum Beispiel, man solle einfach darüber hinwegsehen, sollte mal jemand in einer japanischen U-Bahn onanieren. Das sei im Land der Manga und Schulmädchenpornos ganz normal. Natsumi hasste solche Textstellen und fühlte sich verletzt. „Das ist Unsinn. Diese Ratgeber beschreiben uns immer wie Affen im Zoo“, sagte sie. Kurz gesagt: Ein kleiner Reiseführer mit funktionalen Hinweisen – Sprache, Sehenswürdigkeiten, U-Bahn-Plan – reicht erstmal. Den Rest regeln Neugier und Intuition.

Wie haben Sie die japanische Gesellschaft wahrgenommen?

Vergiss dein Ego. Halte dich zurück. Sei geduldig. Kümmere dich erst um andere, dann um dich selbst. Behandele jeden mit Respekt, auch wenn es schwer fällt. Fahr nicht aus der Haut, schlucke den Ärger hinunter. „Geduld ist die Kunst, nur langsam wütend zu werden“, heißt es im Japanischen.

"Was ich an Japan am meisten liebe, sind die Nächte in den Millionenstädten. Dann, wenn das Neonlicht aufflackert, das Leben aus den Häusern auf die Straße kriecht und man das Gefühl hat, durch die Kulissen von Bladerunner zu ziehen. Wirf Dich hinein! Verliere Dich in diesen magischen Nächten! Aber besuche niemals, wirklich niemals das „Robot Restaurant“ im Tokyoter Rotlichtviertel Kabukicho. Ich war dort und habe darüber geschrieben. Das reicht."

Und ihr bewegendstes Erlebnis?

Vielleicht das Treffen bei einer Tante in Kobe. Sie und ihr Ehemann hatten einige Gruppenreisen in den Westen unternommen – Europa in drei Tagen – und so hatten sie London, Rom und Wien erlebt, aber auch Lübeck oder Hamburg. All diese Orte hatten sie mit einem Kugelschreiber auf Landkarten eingekreist, die an den Wänden ihres Häuschens hefteten. Einer dieser bläulichen Kringel zog sich auch um meine Heimatstadt. „Deine Verwandten waren in Osnabrück?“, fragte ich Natsumi. Ich konnte es kaum glauben. „Natürlich nicht!“, lachte sie, „was will man denn da?“. Nein, erklärte sie mir, Tante und Onkel hätten meine Heimatstadt nur für mich eingekreist. Nur um mir zu zeigen, dass ich jetzt zur Familie gehöre.

Über Ihre Japan-Reise haben Sie ein Buch mit einem mysteriösen Titel geschrieben: „Der vorletzte Samurai“. Verraten Sie uns, wer das ist?

Tja, das ist das große Geheimnis, das ich tatsächlich erst auf der vorletzten Seite meines Buches lüfte. Nur so viel sei gesagt: Am Ende einer abenteuerlichen Reise durch Japan begegne ich dem Samurai auf der Insel Kyûshû, ganz im Süden, auf japanisch Feuerland – an einem Ort, der für seine „sieben Höllen“ bekannt ist: Siedend heiße Quellen, die mal rot, mal weiß und mal milchig blau schimmern.

Am Donnerstag, 8. März 2018, sind Sie ab 19.30 Uhr bei Bücher Pustet in Straubing zu Gast. Was erwartet die Besucher?

Die Furcht der Leute vor der klassischen Wasserglas-Lesung ist groß, das weiß ich. Da verschanzt sich der Autor hinter seinem Schreibtisch, hadert mit sich, seinem Text und dem Universum und verwechselt die Veranstaltung mit einer juristischen Vorlesung einer Universität. Hoffen wir, dass der Abend in Straubing etwas unterhaltsamer wird. Ich habe Filme und Fotos von unterwegs im Gepäck, erzähle aus dem Nähkästchen und ja, manchmal lese ich auch ein wenig. Und wenn das alles nicht hilft, singe ich vielleicht den Sukiyaki-Song, den Lieblings-Schlager meiner Frau.

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