Freischreiben Noagerl vs. Uwe: Die Eigenheiten der bayerischen Sprache

Noagerl oder Uwe? Der letzte Schluck Bier hat viele Namen. Foto: Felix Hörhager/dpa

Das Bairische hat so seine Eigenheiten, finden Friederike Hirth (20) und Paula Boden (21). Beide sind vor etwa einem Jahr für ihr Studium nach Regensburg gezogen. Wie sie mit dem für sie fremden Dialekt klarkommen.

Sers, Kollegen! Wir sind’s, die Ausländer, gebürtige Nicht-Bayern, aus dem fernen Osten. Friederike kommt aus Oetzsch (bei Leipzig), Paula aus Berlin. Wir sind beide vor etwa einem Jahr ins bayerische Regensburg gezogen. Mittlerweile haben wir uns an das Meiste hier gewöhnt und sind gar nicht mehr so irritiert. Doch wie aller Anfang war auch unser Start nicht so einfach. Nicht nur ein kleiner Kulturschock, sondern auch eure Sprache, oh man! Was waren wir anfangs verwundert ... Deshoib setzn mia uns im Foigendn auf humoavoie Art und Weise und oana Prise Sarkasmus mid am Vagleich boarischa und houchdeitscha Wörta auseinanda.

Runzlige Maden

Beginnen wir mit „end(s)madig“: In unseren Ohren klingt das nach runzligen, dicken Maden, die sich durch die Gegend schlängeln. Aber lange nicht auf die einfache Schlängelweise, sondern sie kriechen so richtig langsam und schleimig auf uns zu, eben „end(s)madig“. Hinzufügen müssen wir an dieser Stelle, dass das „s“ am Ende des „end“ grammatikalisch einfach nicht korrekt ist (das Thema Grammatik scheint hier generell ein schwieriges Pflaster zu sein). Ist „end“ nicht schon Superlativ genug? Uns scheint, als müsse immer noch eins draufgesetzt werden – genug scheint nie genug. Wir verstehen diese Aussage im verwendeten Zusammenhang. Die Situation, in der du dich da eben beim Professor zu deiner Hausarbeitsnachbesprechung befandest, war leider „end(s)madig“. Wir sagen da viel einfacher: beschissen, nicht geil, blöd gelaufen, schade! Da hat man wenigstens nicht direkt das Bild von verfaultem Obst im Kopf.

„A riesen Fotzerei“

Weiter geht’s mit dem wunderschönen Verb „sich fotzen“ (für alle, die das Wort genauso wenig kannten wie wir: „sich fotzen“ heißt so viel wie „sich prügeln“). Als eine Freundin dieses Wort einst so beiläufig in ihre Erzählung einfließen ließ, konnten wir nicht anders, als sowohl entsetzt als auch fassungslos zu reagieren, gefolgt von hysterischem Lachen. Eine weitere Recherche ergab, dass das Wort „Fotzen“ außerdem genauso gut das Gesicht und den Mund bezeichnen kann. Dass dieser überaus derbe Terminus eigentlich als Schimpfwort fungiert, ist hoffentlich jedem klar. „Wolln ja ned mid na trocknen Fotzen hoam“, sagte letztens eine Freundin beim Weggehen zu uns und bestellte sich einen halben Liter Rotwein. Na klar!

Am Anfang des ersten Semesters erzählte Paulas Mitbewohner ihr dann von einer „riesen Fotzerei“ am Regensburger Hauptbahnhof. Sie dachte sich: „Kann ja gar nicht sein! Da zieh’ ich aus Berlin nach Bayern und als Begrüßung starten sie direkt ’ne Orgie ...“ Bis ihr bewusst wurde, worum es bei der Erzählung ging, verstrichen einige verstörende Minuten, in denen ihr Mitbewohner ausführlich von der blutigen Szenerie berichtete. In unseren Ohren klingeln bei der vulgären Bezeichnung alle Alarmglocken – für uns ist „fotzen“ sexualisiert und enthält frauenverachtende Züge. So mussten wir uns trotz allem mit der Zeit an diesen Ausdruck gewöhnen. Jedoch zuckt’s in uns bei jeder verbalen Verwendung auf unangenehme Weise.

„Unten wird’s eklig!“

Führen wir unsere Diskussion weiter mit dem Terminus „Noagerl“. Wir sagen „Uwe“ für „Unten wird’s eklig!“. Das ergibt Sinn und beinhaltet wahren Konsens. Wir sind uns doch wohl einig, dass der Spuckschluck am unteren Ende der Mass nicht sehr einladend schmeckt und niemandem so wahrlich mundet. Und was soll uns „Noagerl“ mitteilen? Außer dem süßen und schnuckeligen Klang des Wortes steckte für uns da leider nichts dahinter. Ein Freund hat dann aufgeklärt: „Noagerl“ kommt von „neigen“, da man den letzten Rest im Masskrug erst gut sieht, wenn man das Glas schräg hält. Das Wort ist also nicht nur süß und schnuckelig, sondern ganz praktischen Ursprungs.

Kommen wir zum „Schmusen mit dem Gspusi“. Is des liab! Wir machen oder hauen rum, mit Freund, Affäre oder One-Night-Stand, aber „schmusen mit unserem Gspusi“ machen wir viel lieber. Vielmehr würden wir das eher tun wollen, nur dass wir diesen Ausdruck wohl kaum bei uns zu Hause verwenden können, ohne auf Verwunderung und Gelächter zu stoßen. Vorstellen können wir uns, dass unsere Eltern sich über diese verbale Expression freuen würden ... Ist doch angenehmer, vom „Gspusi“ der Töchter zu hören, als vom Typen, mit dem die eigene Tochter „was am Laufen hat, sich herumtreibt, schläft, bumst, ins Bett geht oder ins Bett steigt“. Klingt schließlich auch irgendwie unschuldiger. Nichtsdestotrotz waren wir ziemlich verwundert, dass dieser Ausdruck wirklich in ernsthaften Kontexten von Mitte Zwanzigjährigen verwendet wird, da er, unserer Ansicht nach, auch von einem Kleinkind kommen könnte, das gerade mit dem Stofftier kuschelt. Naja, süß ist’s trotzdem!

Ein Artikel vorm Namen

Was wir auch noch als ganz interessant und erwähnenswert empfinden, ist die häufige Verwendung von Artikeln, euren Vornamen vorangestellt. Obwohl diese natürlich keinerlei Zweck erfüllen und die Person so irgendwie mit einem Objekt gleichgestellt wird, haben wir diese Angewohnheit schon relativ gut in unserem Sprachgebrauch etabliert. Schwierig wird’s wahrscheinlich, wenn man hier beispielsweise Jana heißt. Da kann schon mal die ein oder andere Verwechslung mit dem Namen Diana auftreten. In Kombination mit den Substantiven „Mama“ oder „Papa“ klingt die Verwendung jedoch wieder zauberhaft und gleich viel sympathischer: „Do hom d’Mama und da Bapa mid mia beim Wurstkuchl in Rengschburg gessn!“ Definitiv ein musikalischerer Klang als bei „da haben Mama und Papa mit mir in der Wurstküche in Regensburg gegessen“.

Alles andere als vegetarisch

Gehen wir unsere gedankliche Liste der aufgereihten bairischen Wörter weiter, so stoßen wir auf „frägt“. An dieser Stelle fügen wir eine kurze Sequenz unsachlicher Erörterung ein – und rupfen mit euch ein Hühnchen! Grammatikalisch ist dieser Ausdruck falsch. Da prahlt ihr immer mit eurem bayerischen Abitur, aber strauchelt bei der einfachsten Konjugation. Gehen wir die singuläre Indikativbildung des schwachen Verbs „fragen“ einmal durch: Ich frage, du fragst, er/sie/es fragt. Wo um alles in der Welt denkt sich da ein Teil in euch „Füge ich doch einfach noch Ä-Tüpfelchen hinzu“?! Das klingt blöd, gewöhnt euch das lieber ab. In Restdeutschland hört das niemand gern.

Zu guter Letzt haben wir noch ein wahres Pralinchen aus dem Repertoire des bairischen Wortschatzes: „Fleischpflanzerl“. Klingt vegetarisch, ist es aber nicht. Gemeint ist damit nämlich die Frikadelle oder auch die Boulette. Uns kommt da zuallererst die Assoziation von schlecht gewordenem Fleisch, das sich langsam aber gekonnt schimmelig zu einer Pflanze entwickelt. Der Name mag zu Verwirrung führen, denn es handelt sich eben nicht um einen veganen oder vegetarischen Fleischersatz, sondern um verarbeitetes Hackfleisch. Wir fragen uns deshalb: Wo kommt das „Pflanzerl“ her? Diese Frage wird wohl zunächst unbeantwortet bleiben, zusammen mit vielen weiteren Begriffen dieses schönen und immer wieder verblüffenden Bundeslandes Bayern.

Dieser Text stammt aus der Campuszeitschrift Lautschrift der Universität Regensburg, die von Studierenden verschiedener Studiengänge veröffentlicht wird. Mehr Infos: www.lautschrift.org

 

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