Freischreiben Der Kampf gegen uns selbst: Merle Mursch tritt ein für Selbstliebe und gegen den Druck, perfekt auszusehen

Merle Mursch fordert jeden auf, mit sich selbst Frieden zu schließen. Foto: ccvision.de

Auf Instagram und Co. wird uns ständig vorgelebt, wie wir zu sein haben. Zu dick oder zu dünn – geht gar nicht! Merle Mursch (19) findet: Wir sollten aufhören, einem unerreichbaren Schönheitsideal hinterherzujagen. Ein Plädoyer für mehr Selbstliebe.

Egal wo, egal wann – wir werden zugemüllt mit diesen Bildern, diesen Ergebnissen der Selbstoptimierung von fremden Personen. Wir fragen uns: Wie haben sie das gemacht und wie bekomme ich das auch hin? Wir bekommen ein schlechtes Gewissen, weil sie es geschafft haben, sich in die vermeintlich beste Version ihrer selbst zu verwandeln und wir gleichzeitig zu sehr in unserem Alltag stecken, um das auch aus uns herauszuholen. Doch was wäre, würde jemand dieses Bild einfach umdrehen?

Die Geschichte einer Frau

Der Dokumentarfilm „Embrace“ erzählt die Geschichte von Taryn Brumfitt. Sie hatte immer ein relativ gesundes Körperbild von sich selbst, doch das verändert sich nach der Geburt ihrer drei Kinder. Sie weint, wenn sie in den Spiegel sieht und fühlt sich nicht mehr wohl in ihrem Körper. Kurz vor ihrer geplanten Schönheitsoperation, die alles wieder „in Ordnung“ bringen soll, bringt der Gedanke an ihre Tochter sie davon ab. Wie soll sie ihr, wenn sie einmal älter wird und in die Pubertät kommt, vermitteln, dass sie perfekt ist, so wie sie ist? Dass mit ihr alles „in Ordnung“ ist, wenn sie es ihr selbst nicht vorleben kann? Ihre Alternative, sich wieder in eine bessere Version von sich zu verwandeln, ist harte Arbeit.

Mit einer befreundeten Fitnesstrainerin bereitet sie sich auf einen bevorstehenden Beauty Contest vor. Sie macht mehrere Stunden täglich Sport. Und fünf Monate später steht sie mit einem gestählten, in der heutigen Gesellschaft „perfekten“ Körper auf der Bühne und ist – unglaublich unglücklich. In den vergangenen Monaten hat sie kaum Zeit mit ihrer Familie oder Freunden verbracht und die Lebensfreude ist verschwunden.

Es kostete sie viel Zeit, Besessenheit und Energie, um auf dieser Bühne zu stehen. In diesem Moment war sie umringt von Frauen, die den Erwartungen der Gesellschaft an den weiblichen Körper mehr als entsprechen sollten. Doch auch sie waren nicht zufrieden. Und wenn sie es nicht sein konnten, wie soll es dann überhaupt irgendwer schaffen?

Autorin Jessica Libbertz beschäftigt sich in ihrem Buch „No Shame“ mit dieser Frage. Sie spricht in diesem Zusammenhang von Scham und definiert sie als „eine schmerzhafte, selbstbewusste Emotion, in der man das gesamte Selbst als fehlerhaft empfindet“. Das eigentlich Bizarre ist ja: Wir sehen uns den ganzen Tag, aber wir erkennen uns nicht. „Beinahe jede Frau schämt sich, weil sie nicht dem bizarren, ausgehungerten Schönheitsideal entspricht. Es gibt Millionen Frauen auf der Welt, die ihren Körper gerne eintauschen würden gegen den eines hyperdürren Supermodels. Aber von dieser Laune der Natur gibt es nur ein paar Handvoll! Auf dem gesamten Erdball!“, schreibt sie.

Egal ob dick oder dünn

Wir sehen jeden Tag Dutzende Frauen in unserem Umfeld – sei es im Bus, in der Uni oder in der Sauna. Wir sehen das Äußere von ganz normalen Frauen jeden Alters. Aber wir erkennen nicht, dass wir gut sind, so wie wir sind. Dass es in Ordnung ist, dass wir dick, dünn oder anders sind. Taryn Brumfitt hat es in dem Moment, in dem sie auf der Bühne stand, erkannt und fing an, wieder ein normales und gesundes Leben zu führen. Einige Zeit später postete sie auf Facebook ein Bild von sich. Sie posiert nackt und strahlt in die Kamera. Sie stellt es neben ein Bild, welches auf dem Beauty Contest von ihr entstanden ist.

Diese Umkehrung der Selbstoptimierung stößt auf viel Aufmerksamkeit – positive wie negative, aber vor allem auf tragische. Sie wagt es, sich in ihrem Körper wohlzufühlen, obwohl es nicht dem Ideal entspricht. Es erreichen sie Nachrichten von Frauen weltweit.

Frauen, die nicht mehr mit ihren Kindern an den See gehen wollen. Frauen, die keine Intimität mit ihrem Partner zulassen können. Frauen, die sich selbst abstoßend finden, weil sie sich schämen. Aber auch Frauen, die diesen Teufelskreis durchbrochen haben.

Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum so viele Menschen ihre Körper hassen, beginnt für Taryn Brumfitt eine Reise um die Welt. Viele der Frauen, die sie dabei trifft, haben einschneidende Geschichten erlebt, die sie zu dem Punkt gebracht haben, diesen Wahnsinn zu hinterfragen.

Ist eine Frau nicht mehr als ihr Aussehen? Ist es für uns immer noch das größte Ziel, schön zu sein? Unser Körper ist kein Schmuckstück, sondern ein Instrument. Und wir müssen uns um diesen Körper kümmern und ihn wertschätzen für das, was er alles kann.

Warum hassen wir unseren Körper?

Jessica Libbertz spricht in ihrem Buch von erschreckenden Zahlen. 91 Prozent der Frauen hassen ihren Körper. „Hass“ ist ein hartes Wort, aber genauso wird es beschrieben. Warum hassen wir den teuersten Diener unseres Lebens so sehr?

Das Gesetz spricht von der Unantastbarkeit der Würde des Menschen. Warum greifen wir dann selbst andauernd unseren Körper an? Wir sind zwar davor geschützt, dass andere unsere Würde angreifen, doch wir sollten dabei auch lernen, sie selbst zu schützen. Niemand ist gegenüber unseren Körpern so kritisch wie wir selbst. Alle sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass gar keine Zeit bleibt, sich über das Aussehen anderer Gedanken zu machen.

Niemand würde mich mehr oder weniger mögen, wenn ich endlich mein Wunschgewicht erreichen oder zehn Kilogramm mehr wiegen würde. Die einzige Person, deren Zuneigung für meinen Körper sich verändern würde, wäre ich selbst. Also warum nicht jetzt damit anfangen? Warum warten, bis ein einschneidendes Ereignis kommt, das meine Sicht auf mich und meinen Körper verändert? Warum nicht die Energie, die ich in diesen kleinen Teil von mir stecke, in Selbstliebe, Kreativität und Dankbarkeit investieren? Warum nicht einfach diesen Scheiß hinter sich lassen?

Es ist, wie es Taryn Brumfitts Mann sagt: Er hat seine Frau nicht wegen ihres Körpers geheiratet, sondern weil sie eine humorvolle, lebenslustige Powerfrau ist. Wir müssen endlich aufhören, einen Krieg gegen uns selbst zu führen, den wir nicht gewinnen können.

Dieser Text stammt aus der Campuszeitschrift Lautschrift der Universität Regensburg, die von Studierenden verschiedener Studiengänge veröffentlicht wird. Mehr Artikel von ihr findest du hier

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading