Frankreich Toulouse macht das, was es will

Gerade bei Nacht versprühen die beleuchteten Backsteinhäuser im südfranzösischen Toulouse ihren Charme. Foto: Sebastian Geiger

Die stolzen Einwohner der viertgrößten französischen Stadt besinnen sich auf ihre Geschichte.

Airbus, vielleicht noch Antoine de Saint-Exupéry und der Point Neuf. Danach hat es sich aber schon mit den Assoziationen, die der Name Toulouse weckt. Dabei hat die mit fast 500.000 Einwohnern in der Kernstadt viertgrößte Stadt Frankreichs noch viel mehr zu bieten. Genug, dass das EuroScience Open Forums (ESOF) die Stadt an der Garonne 2018 zur Hauptstadt der Forschung machte.

Den Touristen präsentieren sich die Toulouser als stolzes, unabhängiges Volk. Oder, wie es eine Stadtführerin in einer Pause ausdrückt: Paris macht, was Paris will - und Toulouse das, was Toulouse will. Quasi unter der Nase der Pariser Zentralregierung haben beispielsweise die Okzidanier ihre Traditionen aufleben lassen. Ihre Sprache, die an eine Mischung aus Französisch und Spanisch erinnert, wurde früher in der gesamten Region gesprochen. Bis Paris kam und die okzidanische Sprache und Lebensart verbot. Die aktuelle Generation besinnt sich auf die Traditionen der Vorfahren und mittlerweile lernen sogar Kinder die Sprache wieder in der Schule.

Rostrote Backsteinhäuser

Dabei ist das Okzidanische nur ein Beispiel dafür, wie die Bewohner von Toulouse ihre Stadtgeschichte wieder für sich entdecken. Die rostroten Backsteinhäuser der Innenstadt sind ein weiteres. Das Pink, in dem die Häuser am Morgen erstrahlen sollen ist sogar eine der drei Farben, mit denen die Stadt Werbung macht. Im 19. Jahrhundert waren die Backsteinbauten dagegen noch verpönt, erklärt Marine Esch vom Toulouser Tourismusbüro. "Zu dieser Zeit wollte jede Stadt sein wie Paris", sagt sie. Wer es sich leisten konnte, verkleidete die roten Backsteinfassaden so gut es ging mit weißem Stein. Erst im 20. Jahrhundert entdeckten die Bewohner der Stadt den historischen Schatz ihrer Gebäude für sich. Inzwischen hat die Stadtverwaltung Regeln erlassen, was man an den Gebäuden verändern darf und was nicht.

Pastellblau und Veilchenlila

Neben dem Rostrot, wahlweise Pink der Stadtmauern sind Pastellblau und Lila zwei weitere Farben, die Toulouse prägen. Pastellblau war lange Zeit die Grundlage für den Wohlstand der Stadt. Von 1450 bis 1550 zählte die Stadt dank der Pastellpflanze zu den reichsten Städten Frankreichs. Die kalkhaltigen Böden südöstlich von Toulouse waren für die Pastellpflanze - die einzige Möglichkeit zur damaligen Zeit, einen beständigen blauen Farbton zu gewinnen - perfekt. Wie reich die Pastellhändler durch diesen Zufall wurden, sieht man heute noch an Bauten wie das Hôtel d'Assézat oder das Hôtel de Bernuy. Erst das Indigo, das portugiesische Händler ab Mitte des 16. Jahrhunderts aus ihren Kolonien importierten, brach die Vorherrschaft der Pastellhändler.

Die lila Blüten der Winterveilchen komplettieren den Toulouser Farbreigen. Ursprünglich dienten sie ab 1854 den Gemüsegärtnern im Norden von Toulouse als Bepflanzung für die kalte Jahreszeit, die sie als Zierpflanze aber auch für die Körperpflege verkauften. Erst 1956 endete die Zucht der Veilchen. Durch den langen Winter gaben die meisten Gemüsegärtner die Zucht auf. Das Veilchen, das seit 1986 wieder angebaut wird, ist im Grunde nicht mehr die Originalpflanze. Trotzdem erfreut sich die violette Blume in vielen Varianten, unter anderem als Veilchenwasser, Praline oder sogar als Likör, gerade bei Touristen wieder großer Beliebtheit.

Mehr noch als Farben und Stadtgeschichte unterstreicht aber das Wesen der Toulouser die Eigenheit der Stadt. Knapp zwei Autostunden von Nizza entfernt ist die Atmosphäre der Stadt mediterran, wer Zeit und Geld hat, geht auf dem Markt einkaufen und abends tummeln sich Bewohner und Touristen in Cafés und Restaurants. Oft trifft man beim abendlichen Umtrunk auf Studenten, sie machen etwa ein Viertel der Bewohner der Kernstadt aus. Farbtupfer im Nachtleben, die Toulouse genauso bunt machen wie die Farben der Stadt.

Weitere Informationen:

Anreise: Mit dem Flugzeug braucht man von München nach Toulouse zwei Stunden.

Sehenswürdigkeiten: Place du Capitole: Rathausplatz, auf dem oft Märkte und Feste stattfinden;

Pont Neuf: älteste noch erhaltene Brücke über die Garonne;

Canal du Midi: Das Unesco-Welterbe verbindet Toulouse mit dem Mittelmeer.

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