Der Weg zurück Wie Cathrin Jonas mit ihrer Depression lebt

Cathrins Leben ist eine Auf und Ab. Die Krankheiten geben den Rhythmus vor. Foto: Julia Maier

Mit 14 Jahren rutscht Cathrin Jonas in ihre erste Depression. Nach unzähligen Klinikaufenthalten kommt die heute 24-Jährige mit ihrer Krankheit zurecht. Ihre Geschichte.

Da war nichts mehr. Keine Gefühle, weder Freude noch Trauer – nur Leere. „Eine unendliche, alles auslöschende Leere.“ So beschreibt es Cathrin Jonas. Als die junge Frau 2009 in ihre erste depressive Episode rutscht, ist sie 14 Jahre alt. Sie lebt mit ihrer Familie im oberbayerischen Bernau, Landkreis Rosenheim und fühlt sich nach einem Schulwechsel zunehmend unwohl. „Nach den Sommerferien wurden die Klassen neu zusammengestellt und ich hab‘ einfach nicht reingepasst, weil ich in manchen Dingen anders bin als andere“, erzählt Cathrin, die inzwischen in Landshut wohnt.

„Dann ging’s mit dem Mobbing los. Es kamen viele blöde Kommentare. Ständig Sticheleien. Sie haben sich über meinen Kleidungsstil und über mein Aussehen lustig gemacht. Irgendwann bin ich einfach nicht mehr hingegangen und irgendwann morgens kaum mehr aufgestanden.“

Cathrins Veränderung fällt auch den Eltern auf: „Das kann nicht bloß die Pubertät sein“

Die mittlerweile 24-Jährige sitzt im Esszimmer der elterlichen Wohnung. Während sie die Situation schildert, wirkt sie ruhig. Ihre Stimme klingt fest. Zwischendurch nimmt sie einen Schluck Tee aus einer dampfenden Tasse und streicht ihrem Kater Leopold über den Kopf. Nur das Kratzen an der roten Lackschicht auf ihren Fingernägeln könnte man als Zeichen deuten, dass sie der Blick zurück bewegt. Cathrins Veränderung bleibt ihrer Mutter Susanne nicht verborgen. Allerdings fällt es ihr schwer, den Zustand der Teenagerin einzuordnen. „Man hat gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Wenn aus einem fröhlichen Kind plötzlich eine Einzelgängerin wird, es plötzlich Hobbys aufgibt und aggressiv wird – das kann nicht bloß die Pubertät sein.“ Cathrins Eltern wenden sich erst an den Kinderarzt, dann an den Schulpsychologen. Beides ohne zufriedenstellendes Ergebnis. „Zwei Ärzte, drei Befunde, nix Brauchbares.“

Die Pubertät erschwert laut Dr. Daniela Thron-Kämmerer die Diagnostik, weil es in dieser Phase ganz normal ist, sich mehr zurückzuziehen, sich abzugrenzen und Stimmungsschwankungen zu haben. Die Landshuter Kinder- und Jugendpsychiaterin rät Eltern daher, im Zweifelsfall einen Experten zurate zu ziehen.

Genau das tut Familie Jonas und sucht professionelle Hilfe – bei vielen Ärzten. „Erst in der Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee haben wir erfahren, was Cathrin eigentlich hat: eine Borderline-Störung und Depressionen. Das war natürlich ein Schock“, erinnert sich Cathrins Mutter. Es folgt jedoch bald eine Art Erleichterung. „Nach sechs Jahren konnte ich endlich verstehen, warum Cathrin so ist, wie sie ist. Und warum sie in manchen Situationen überreagiert.“

Mit ihrer Krankheitsgeschichte ist Cathrin Jonas keine Ausnahme. Wie eine Studie des Robert-Koch-Instituts belegt, haben rund 20 Prozent der unter 18-Jährigen in Deutschland ein erhöhtes Risiko für psychische Auffälligkeiten. Das entspricht rund 400 000 Betroffenen allein in Bayern. Nach Entwicklungsstörungen und ADHS wird am häufigsten die Diagnose Depression gestellt. Durchschnittlich leiden zwei Schüler pro Klasse daran – Mädchen sehr viel häufiger als Buben.

Eine Depression hat nicht nur eine einzige Ursache. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen. Zu ihrer Entstehung können psychosoziale und biologische Aspekte beitragen. So war es wohl auch bei Cathrin: Zum belastenden Schulalltag kam eine genetische Veranlagung. Ihr Großvater, Vater und ein Onkel hatten und haben mit der Krankheit zu kämpfen. Laut Psychiaterin Dr. Thron-Kämmerer müssten Menschen mit einer genetischen Vorbelastung mehr darauf aufpassen, im seelischen Gleichgewicht zu bleiben. Obwohl das Krankheitsbild bei Cathrin im Familienkreis vorkam, wurde darüber stets geschwiegen.

Dass Cathrin so offen über ihre Erfahrungen spricht, ist vielleicht ihre persönliche Rebellion gegen diese Tabuisierung. Auf den ersten stationären Aufenthalt vor gut zehn Jahren folgte eine Odyssee durch Kliniken, Therapie-Einrichtungen und Selbsthilfegruppen. Seither ist das Leben der jungen Frau ein Auf und Ab. Die Krankheiten geben den Rhythmus vor. Das liegt weniger an der Depression, als vielmehr am Borderline. Die Persönlichkeitsstörung, für die Stimmungswechsel und ein schwankendes Selbstbild typisch sind, macht es ihr schwer, ihre Gefühle zu kontrollieren oder ihre Reaktionen abzusehen. Eine tickende Zeitbombe sei sie gewesen, bevor man sie medikamentös eingestellt habe. „Ich merke es auch jetzt noch sofort, wenn ich die Morgentabletten vergesse. Dann werde ich laut, flippe aus“, gesteht Cathrin. Glücklicherweise komme das selten vor. Insgesamt habe sie den Eindruck, hier in Landshut psychiatrisch gut versorgt zu sein, woanders dagegen sei das nicht so gewesen.

Patienten fahren oft hundert Kilometer weit zu Psychiaterin Dr. Thron-Kämmerer

Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns ist die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgungslage im Freistaat regional sehr unterschiedlich. Im Großraum Landshut ist sie gut, in den Landkreisen Straubing-Bogen und Deggendorf noch ausbaufähig. Das spürt auch Dr. Daniela Thron-Kämmerer: „Wir haben ein großes Einzugsgebiet. Die Menschen, die zu uns kommen, wohnen zum Teil hundert Kilometer weit weg.“ Als „eine Brücke, bis man einen Platz bekommt“, versteht sich das Angebot des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Landshuter Diakonie. „Wir versuchen, schnell zu helfen. In der Regel erhalten Ratsuchende bei uns innerhalb einer Woche einen Termin“, sagt Diplom-Sozialpädagogin Barbara Hausmann. Sie und ihre Kollegen kümmern sich um Betroffene ab 18 Jahren. Die meisten Hilfesuchenden müssten sich zum ersten Schritt regelrecht überwinden. „Es ist schwer, sich einzugestehen, dass man Unterstützung braucht. Das ist für viele eine riesige Hürde. Der Vorteil an unserem Angebot ist, dass es nicht bekannt wird, dass man eine Beratung in Anspruch genommen hat und dass es nicht in der Krankenakte auftaucht.“

Cathrin nimmt nun an einer Berufsvorbereitung teil: „Verkauf taugt mir“, sagt sie

Dass diese Diskretion vielen so wichtig ist, zeigt vor allem eins: Psychische Erkrankungen gelten nach wie vor als Makel. Für Barbara Hausmann ist es entscheidend, ihren Gesprächspartnern Hoffnung zu geben und konkrete Perspektiven aufzuzeigen. Bei Cathrin scheint ihr das gelungen zu sein. Sie nimmt seit einigen Wochen an einer berufsvorbereitenden Maßnahme des Berufsbildungswerkes in Abensberg teil. „Verkauf taugt mir auf jeden Fall, weil ich gerne mit Leuten zusammen bin“, stellt Cathrin fest. Ein vorsichtiges Lächeln umspielt ihre Lippen. „So ein Bürojob, das wär‘ nix für mich. Ich brauch‘ Abwechslung.“ Die Leere ist also einer Lust auf neue Eindrücke gewichen. „Es muss sich ein Schalter umgelegt haben“, sagt sie und streichelt Kater Leopold noch einmal übers Fell.

 
 

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