Ein Kompass durchs Leben

Das Selbstbild – Und: Warum wir selbst so kritisch mit uns sind


Wie sehe ich aus? Wie bin ich? Und: Wer will ich sein? Mit dem Selbstbild definieren wir uns selbst. Wir schicken es immer wieder auf den Prüfstand und zweifeln oft an der Person, die wir in uns sehen. Denn: Unserem größten Kritiker treten wir gegenüber, wenn wir einen Blick in den Spiegel werfen.

Ein Experiment zum Selbstbild:
Zwei Jugendliche treffen zum ersten Mal aufeinander

Dem Freistunde-Experiment zum Thema Selbstbilder stellten sich die 18-jährige Laura Lorenz aus Obermotzing und der 16-jährige Kilian Schmid aus Mitterfels. Die beiden füllten getrennt voneinander und, ohne sich vorher zu kennen, jeweils vier Blätter aus. Auf dem ersten beschrieben sie sich selbst. Auf dem zweiten schätzten sie die Person, die sie später kennenlernen würden, anhand eines Facebook-Profilbilds ein. Dann stand ein erstes Treffen an: Begrüßung, Händeschütteln, kurzes Vorstellen. Wie sie sich dabei gegenseitig erlebt haben, trugen sie auf dem dritten Blatt ein. Zuletzt stand ein richtiges Kennenlernen an: 15 Minuten Zeit hatten sie, um sich zu beschnuppern. Dabei konnten sie sich das Kichern kaum verkneifen. Wie sie das erlebt haben, beschrieben sie auf dem vierten Blatt.

Lauras Fragebogen

Bestandsaufnahme:
So sieht sich Laura selbst

"Ich bin Laura und wohne in Obermotzing. Ich bin 18 Jahre alt und mache momentan ein Jahrespraktikum in einem Krankenhaus. Ich bin ein offener Mensch und helfe gerne. Meine Figur beschreibe ich eher als normal - nicht zu viel und auch nicht zu wenig. Ich bin für jeden Spaß zu haben und gehe gerne weg zum Tanzen. Dinge, die ich an mir nicht so toll finde, sind zum Beispiel mein Gesicht und meine Oberschenkel. Mein Gesicht finde ich persönlich nicht feminin, sondern eher rund und dick. Meine Oberschenkel finde ich ebenfalls etwas zu dick - könnte schon etwas weniger sein. Dafür bin ich stolz auf meine langen Wimpern. Um die beneiden mich viele. Eine meiner negativen Seiten ist zum Beispiel, dass ich sehr verpeilt bin. Und wenn ich nervös bin oder mir etwas unangenehm ist, lache ich nur und werde rot. Peinlich! Außerdem habe ich ein großes Herz für Tiere. Selbst besitze ich zwei Hunde und zwei Frettchen. Ich style mich gerne und gehe ungerne ungeschminkt aus dem Haus. Aber es gibt Ausnahmen: Wenn ich mal wirklich keine Lust habe, mich zu schminken, gehe ich ab und zu ohne Make-up nach draußen. Zum Thema Kleidung sage ich nur eins: Ich habe nichts zum Anziehen! Typisches Frauenproblem: Viel zu viel, aber nichts passt irgendwie. Am meisten vermisse ich übrigens meine langen Haare. Ich will sie wieder wachsen lassen."

Das sagt Kilian später zu Lauras Selbstbeschreibung: "Ich finde nicht, dass ihr Gesicht rund und dick ist. Und auch ihre Oberschenkel sind nicht zu dick. Sie hat eine schlanke bis normale Figur. Außerdem stehen ihr die kurzen Haare.

Der erste Eindruck:
Laura schätzt Kilian anhand seines Facebook Profilbilds ein

"Ich finde, die Person hat ein sehr symphatisches Lächeln. Er kommt sehr offenherzig rüber und scheint ein freundlicher Kerl zu sein. Seinen Kleiderstil finde ich schlicht, eher sportlich."

Der zweite erste Eindruck:
Laura schätzt Kilian nach einem kurzen Treffen ein

"Mein Eindruck von seinem Profilbild hat sich eigentlich nicht geändert. Er ist sehr freundlich und ging mir sehr offen entgegen. Er lacht gerne und ich kann mich sogar noch an seinen Namen erinnern. Er heißt Kilian. Ich habe bemerkt, dass er einen Verband trägt. Wahrscheinlich treibt er gerne Sport. Vielleicht spielt er Fußball in einem Verein - typischer Männersport eben. Er hat einen lässigen Look und ist sehr sympathisch."

Jetzt zählt's:
So sieht Laura Kilian, nachdem sie sich 15 Minuten kennenlernen konnten

"Ich hätte nie gedacht, dass er erst 16 Jahre alt ist! Er sieht älter aus und verhält sich auch erwachsener. Außerdem ist er nett, lustig und sportlich. Kilian spielt Volleyball und nebenbei noch Fußball. Negative Dinge, die mir nicht so gefallen haben an ihm, gibt es nicht. Er ist nicht zu dick und auch nicht zu dünn. Er hat ein freundliches Erscheinungsbild und ein offenherziges Lächeln. Er hat auf jeden Fall Humor und ich denke, mit ihm kann man sicher sehr viel Spaß haben. Dass er nach der Schule Jura studieren will, finde ich nicht schlimm. Er hätte das erwartet. Zu bemängeln gibt es also nichts."

Kilians Fragebogen

Bestandsaufnahme:
So sieht sich Kilian selbst

"Ich bin viel und gerne unterwegs und habe dementsprechend auch oft Kontakt zu anderen Menschen. Also irgendwo bin ich tatsächlich so kontaktfreudig, wie es jedes Jahr wieder in meinem Zeugnis steht. Neben meinen Hobbys, die ziemlich umfassend sind (Sport, von Fußball über Volleyball bis hin zu Leichtathletik, Theater und Musik, dem Pfeifen als Schiedsrichter oder auch dem Feiern am Wochenende mit Freunden) gehe ich auch noch zur Schule. Ich sitze am Veit-Höser-Gymnasium in Bogen meine letzten beiden Jahre ab. Für meine jungen 16 Jahre bin ich zwar viel außerhalb meines Heimatortes Mitterfels unterwegs, aber Zeit für meine Freunde finde ich immer und auch sehr gern. Wenn ich neue Leute kennenlerne, sind viele überrascht, wo ich überall herum komme und was ich alles mache, diese Frage stellen sich selbst meine besten Freunde gelegentlich - und ich mir auch. Generell bin ich ziemlich offen und extrovertiert, aber auch genauso bodenständig, wie es mein Äußeres vermuten lässt. Dass ich oft der typische ,Jeans und T-Shirt'-Typ bin, heißt auf keinen Fall, dass ich nicht auf mein Äußeres achte. Kurze Locken und ein freundliches Grinsen sind einfach zeitlos elegant. Genauso gehe ich auch offen auf Leute zu und beurteile sie erst dann, wenn ich sie kenne. So kann man auch bei mir auf den ersten Blick schwer feststellen, wer ich wirklich bin."

Das sagt Laura später zu Kilians Selbstbeschreibung: "Mit seiner Selbstbeschreibung hat er sich genau getroffen. Er ist haargenau so wie er sich selbst sieht."

Der erste Eindruck:
Kilian schätzt Laura anhand ihres Facebook-Profilbilds ein

"Das Bild zeigt ein weitgehend ungeschminktes Mädchen mit einem netten Lächeln. Sie stellt sich genauso dar, wie sie vermutlich ist, und wirkt bodenständig und sympathisch. Ihr Lächeln wirkt aber ein bisschen zurückhaltend. Ich glaube, sie ist schüchtern, aber trotzdem eine Liebe."

Der zweite erste Eindruck:
Kilian schätzt Laura nach einem kurzen Treffen ein

"Erste Erkenntnis: Sie geht gerne weg. Laura wirkt außerdem sehr offen und nett, teilweise war ich deswegen sogar überrascht, weil ich sie eher als introvertiert eingeschätzt hatte. Ihre Kleidung war im Gegensatz zu ihrem schlichten Top auf ihrem Profilbild eher auffallend. In unserem extrem kurzen Gespräch stellte ich fest, dass sie wohl doch gerne unter Leute geht. So habe ich sie auf dem Profilbild nicht eingeschätzt. Außerdem hat sie ein nettes Gesicht."

Jetzt zählt's:
So sieht Kilian Laura, nachdem sie sich 15 Minuten kennenlernen konnten

"Sie ist absolut gesprächsoffen und erzählt gerne von sich und aus ihrem Leben. Man kann sich also gut mit ihr unterhalten. Zu ihrem Berufsziel als Krankenschwester passt sie ziemlich gut. Sie ist offen, kann spontan etwas erzählen und so ein Gespräch gut einleiten. Besonders beeindruckend fand ich, dass sie sich auch durch ihre weniger erfolgreiche Laufbahn nicht einschüchtern lässt und weiter positiv nach vorne sieht. Auch bei unserem längeren Gespräch hat sie einen netten Eindruck auf mich gemacht. In Erinnerung sind mir ihre besondere Tierfreundlichkeit und ihr Leben mit zwei Zwillingsbrüdern geblieben."

Fragen und Antworten zum Selbstbild

Dr. Daniela Thron-Kämmerer ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsy-chiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Sie ist Inhaberin einer Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, die sie zusammen mit Renate Bachmayer leitet. Die beiden behandeln und helfen jungen Menschen mit psychischen Problemen. Freistunde hat mit ihr über das Selbstbild gesprochen.

Wie bildet sich das Selbstbild?

Schon in der allerersten Zeit auf der Welt entwickelt sich das Selbstbild. "Direkt bei der Geburt wird schon eine Grundlage gelegt", erklärt Dr. Daniela Thron-Kämmerer, die gemeinsam mit Renate Bachmayer eine Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Landshut leitet. Hier kommt es auf den Empfang an: "Wird das Baby von seinen Eltern erfreut willkommen geheißen und auf seine Bedürfnisse ausreichend und feinfühlig eingegangen, hat das Baby das Gefühl, dass es in Ordnung ist", fügt die Expertin hinzu. Es erlebt: "Du bist gut, so wie du bist!" Auch die sogenannte Selbstwirksamkeit wirkt sich auf das Selbstbild aus. Damit ist gemeint, dass ein Mensch eine Handlung erfolgreich ausführen kann. "Bei Kindern ist ein gutes Beispiel, wenn sie schreien. Dann reagieren die Eltern, indem sie die Bedürfnisse des Kleinen erfüllen, und das Baby fühlt sich selbstwirksam", erläutert Dr. Daniela Thron-Kämmerer. Je älter die Kinder werden, umso wichtiger werden auch andere Menschen außer den Eltern. "Die Rückmeldung der Umgebung zum Beispiel im Kindergarten oder dann in der Schule werden zunehmend entscheidend", sagt die Fachfrau.

Wer oder was kann das Selbstbild beeinflussen?

"Am Anfang natürlich die Eltern. Im Kindergarten zählen dann die Rückmeldungen zur Person von Erziehern und anderen Kindern. Später sind dann die Lehrer wichtig", zählt Dr. Daniela Thron-Kämmerer auf. Bis zum Alter von etwa neun Jahren geht es hier vor allem um Charaktereigenschaften und innere Werte, die von anderen an dem Kind beobachtet und ihm gegenüber benannt werden. "Ab etwa zehn Jahren wird dem Kind selbst dann das eigene Aussehen wichtiger und es vergleicht sich immer stärker mit Gleichaltrigen", sagt die Expertin. Mit ungefähr zwölf Jahren begreifen Jugendliche dann oft, dass Eltern oder Lehrer nicht immer Recht haben. Die Meinung von Gleichaltrigen zählt immer mehr. "Hier beeinflussen vor allem die coolen und beliebten Jungs und Mädchen das Denken über sich selbst", betont Dr. Daniela Thron-Kämmerer. Jungs messen sich oft an körperlichen Eigenschaften. Muskeln und Kraft sind wichtig. Mädchen dagegen definieren sich meist über Aussehen, Gewicht und Kleidung. "In dieser Zeit wirbelt die Pubertät das Selbstbild durcheinander. Im Körper baut sich enorm viel um. Jugendliche haben viele Zweifel an sich selbst", erklärt die Ärztin. Die einen können das besser verstecken als andere. Sie wirken cooler. "Aber jeder hat diese Selbstzweifel."

Wie beeinflussen Stars und Vorbilder das Selbstbild?

"Viele Jugendliche orientieren sich an ihnen, wenn sie in der Pubertät eine Vision von sich kreieren", erklärt Dr. Daniela Thron-Kämmerer. Sie spricht dabei vom sogenannten Ideal-Ich, das sich jeder sucht. Das sei die Antwort auf die Frage: Wo will ich hin und wer will ich werden? "An diesem Ideal messen Jugendliche ihr reales Ich", sagt die Expertin. Außerdem probieren junge Menschen in dieser Zeit viel aus. Sie suchen ihren Platz in der Welt. Je erwachsener sie werden, umso mehr nähert sich ihr Ideal-Ich dem realen Ich an.

Entwickelt sich das Selbstbild immer weiter?

Auf diese Frage gibt es eine eindeutige Antwort: Ja! Dr. Daniela Thron-Kämmerer weiß, wieso das so ist: "Im Leben - auch im Erwachsenenalter - ändert sich immer irgendetwas. Am Selbstbild tut sich also auch immer etwas, meistens nur in einem anderem Tempo als im Jugendalter. Ausnahmen sind stabile Phasen, oft im mittleren Erwachsenenalter, die zum Beispiel auftreten, wenn man eine Familie gegründet hat und etwas zur Ruhe kommt."

In welchen Lebensbereichen beeinflusst uns das Selbstbild?

"Es bildet den Charakter und ist sozusagen ein Kompass, an dem sich der Mensch orientieren kann", beschreibt die Expertin. Anhand Charaktereigenschaften und Selbstbild ordnen sich Menschen selbst ein. Da-raus schließen sie zum Beispiel, was zu ihnen passt und in welche Richtung sie gehen wollen. "Um solche Entscheidungen zu treffen, muss ich wissen, wer ich bin, beziehungsweise wer ich sein möchte", betont die Fachärztin.

Wann ist ein Selbstbild gefährlich?

"Wenn man sich nicht mehr wohlfühlt und an seiner Sicht auf sich selbst leidet", betont die Fachfrau. Dann kann man sich helfen lassen. "Manchmal ist das nur eine Krise im Jugendalter, die vorbeigeht. Es kann aber auch Hinweis auf eine psychische Erkrankung sein."

Wie bildet sich das Bild, das wir von anderen haben?

Bisherige Erfahrungen sind hier entscheidend: "Wir überprüfen unterbewusst in wenigen Sekunden unsere Erfahrungen nach Ähnlichkeiten, wenn wir einen neuen Mensch kennenlernen. Dabei ordnen wir ihn dann ein", erläutert die Psychotherapeutin. Lernen wir die Person näher kennen, kann sich dieser Eindruck auch nochmal verändern. Hier wird auch wieder das Ideal-Ich wichtig. "An diesem misst man sein Gegenüber. Ist er mehr wie das Ideal-Ich, schätzen wir ihn auch positiver ein", erläutert die 53-Jährige. Auch zählt, ob uns die Person mag. "Jemand, der uns mag und uns gegenüber nett und offen auftritt, steigt auf der Beliebtheitsskala."