Corona-Studie zu Gehirnschäden „Da kommt noch einiges auf uns zu“

Hat sich mit Auswirkungen von Corona auf das Gehirn beschäftigt: Prof. Dr. med. Sven Matthias Wellmann Foto: Archiv Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg

Professor Dr. Sven Matthias Wellmann ist Chefarzt und Klinikleiter Neonatologie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin St. Hedwig in Regensburg. Zusammen mit seinen Kollegen in Regensburg und mit Ärzten aus Basel hat er eine Studie zu den möglichen Auswirkungen einer Corona-Erkrankung auf das Gehirn von Patienten durchgeführt. Die Ergebnisse lassen aufhorchen.

Herr Professor Wellmann, über die vergangenen Monate sind etliche Studien zum Thema Corona öffentlichkeitswirksam diskutiert worden, teils mit konträren Ergebnissen. Aktuell merkt man eine Müdigkeit in Teilen der Öffentlichkeit, sich noch mit Studien zu beschäftigen, teils werden sie auch rundheraus abgelehnt. Was sagen Sie den Menschen, die mittlerweile Studienergebnisse per se in Frage stellen?

Professor Sven Matthias Wellmann: Die Corona-Pandemie hat uns wie ein Erdbeben erreicht. Davon erleben wir nach und nach die Tsunami-Welle, also das, was durch das Erdbeben ausgelöst wurde. Es ist schlicht Psychologie, dass man zunächst schockiert ist und vielleicht gar nicht richtig reagiert. Wenn man dann merkt, dass man ja noch lebt und dass man sich damit arrangieren kann, kommt man in eine zweite Phase. Vielleicht verdrängt man dann, vielleicht hinterfragt man dann verstärkt. Vielleicht achtet man auch verstärkt wieder auf seine persönlichen Interessen. Es gibt viele verschiedene Reaktionen. Psychologisch betrachtet finde ich das verständlich. So reagieren Menschen auf solche neuen, überraschenden Ereignisse. Was ich zu den Menschen aber sage, ist, dass es sich bei der Pandemie nicht um eine normale Grippewelle handelt. Wir haben es mit einer Viruserkrankung zu tun, die glücklicherweise in den meisten Fällen harmlos verläuft. Aber es gibt auch möglicherweise Folgen beziehungsweise weitere beteiligte Organe, über die wir noch gar nicht so viel wissen. Deshalb ist das, was und das Ministerium vorschlägt – Abstände und Maskenpflicht – , absolut vernünftig.

Und folglich sind auch wissenschaftliche Studien entsprechend wichtig, um mehr über diesen Krankheitserreger zu erfahren …

Wellmann: Ja, natürlich. Die ersten Ergebnisse waren vielfach Einzelbeobachtungen. Alles was berichtet wurde, war überraschend und neu. Mittlerweile haben wir einen gewissen Abstand und größere Patientenzahlen, die wir miteinander vergleichen können, sodass auch weitere, gründlichere Studien stattfinden können.

"Zwei andere Arbeiten, die im Grunde das Gleiche zeigen"

Ihre eigene Studie zum Thema COVID-19 Auswirkungen auf den Körper hatte 100 Teilnehmer. Können Sie kurz erläutern, ab welcher Teilnehmerzahl man in der Wissenschaft von validen Ergebnissen ausgeht?

Wellmann: Es gibt verschiedene statistische Tests. Man vergleicht unterschiedliche Gruppen miteinander, um festzustellen, ob ein jeweiliger Unterschiede signifikant, also deutlich ist. Wenn der Unterschied zwischen den Testgruppen nur ein geringer ist, dann braucht man verhältnismäßig große Gruppen, um einen kleinen Unterschied signifikant beschreiben zu können.

In Ihrer Studie trat also ein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Testgruppen, eine mit positiv auf Corona getesteten Patienten und eine mit negativ getesteten, zu Tage, und deshalb brauchte es keine größere Testgruppe.

Wellmann: Richtig. Wir haben einen signifikanten Unterschied gesehen. Es gibt viele andere Beispiele in der Wissenschaft, wo auch mit relativ wenigen Fällen schon ein klarer Unterschied dokumentiert wurde. Wir haben das Ergebnis sehr vorsichtig beschrieben und diskutiert. Es ist klar, dass es auch immer von anderen Orten und aus anderen Populationen Untersuchungen braucht, die die eigenen Ergebnisse unterstützen. Und diese Ergebnisse haben wir. Es gibt mittlerweile zwei andere Arbeiten, die im Grunde genau das Gleiche zeigen.

In Ihrer Studie stellen Sie einen Zusammenhang zwischen einer Corona-Infektion und möglichen Gehirnschäden her. Können Sie erläutern, welche Belege Sie für diese These haben?

Wellmann: Das Gehirn besteht aus vielen Neuronen, die im Volksmund auch als Nervenzellen bezeichnet werden. Diese Nervenzellen haben viele lange Ausläufer, um untereinander Kontakt zu halten. Wenn diese Ausläufer kaputtgehen, geht die Nervenzelle kaputt. Und dann werden in das Hirnwasser und dann in das Blut die Bestandteile der Nervenzellen ausgespült. Und diese Bestandteile kann man ganz spezifisch messen, mit dem Neurofilament. Es ist in den vergangenen Jahren etabliert worden, dass bei Erkrankungen, bei denen Gehirnzellen kaputtgehen, das Neurofilament messbar im Blut erhöht ist.

Sie messen also vereinfacht gesagt den Anteil abgestorbener Bestandteile von Nervenzellen im Blut.

Wellmann: So ist es.

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