Chemotherapie Kopfhautkühlung kann Haarausfall verhindern

Diese Patientin trug schon 2015 in Hannover eine Haube zur Kopfhautkühlung. Doch noch immer ist das Verfahren in Deutschland weitgehend unbekannt. Foto: Peter Steffen/dpa

In den USA ist die Kopfhautkühlung während einer Chemotherapie längst üblich. Auch in Deutschland ist bekannt, dass das Verfahren den Haarausfall bei der Krebsbehandlung verhindern oder reduzieren kann. Schon 2017 stand im Ärzteblatt "Chemotherapie: Kühlkappen bremsen den Haarausfall". Dennoch ist die Kopfhautkühlung unter deutschen Krebspatienten weitgehend unbekannt und wird nur in wenigen Kliniken angeboten.

Eine Haube zur Kopfhautkühlung sieht ähnlich aus wie die beim Friseur, wenn nach dem Färben die Haare abgedeckt werden, damit das Mittel richtig einwirken kann. Nur hat die Kühlhaube ein Band am Kinn, damit sie auch sicher fest sitzt und um die Haare herum dicht abschließt. Die sensorgesteuerte Haube kühlt die Kopfhaut herunter. "Auf unter 19 Grad Celsius zumeist eine Stunde vor, während und - abhängig vom Medikament - bis drei Stunden nach jeder Chemotherapiebehandlung", sagt Dr. med. Martin Müller-Stahl, Chefarzt der Veramed Fachklinik für internistische Onkologie und Naturheilverfahren in Brannenburg, Oberbayern.

Kein Einfluss auf die Krebsbehandlung

Die Klinik arbeitet seit 2017 mit dem Verfahren. Der Chefarzt versteht nicht, dass dieses in Deutschland noch nicht weiter verbreitet ist. Er sagt: "Nachdem seit den 70er Jahren Versuche unternommen wurden, die Haare unter Chemotherapie mittels Kopfhautkühlung zu erhalten, stellt die aktuell eingesetzte Methode einen Durchbruch dar. Das Verfahren hat die Onkologie revolutionär verändert. Ich bin seit den 1990er Jahren in der Onkologie tätig und empfinde das Verfahren als einen der größten in dieser Zeit erzielten Fortschritte zur Verbesserung der Verträglichkeit von Chemotherapie."

Dabei hat die Kältetherapie auf die Wirksamkeit der Chemotherapie und die Krebskrankheit selbst keinerlei Einfluss. Die Kühlung kann bei richtiger Indikationsstellung aber den Haarausfall verhindern oder mildern. Ohnehin führt nicht jede Behandlung mit einem Medikament zur Chemotherapie zum Haarausfall. Medikamente wie Paclitaxel, Docetaxel und Epirubicin jedoch enthalten sogenannte Taxane oder Anthracycline. Diese bekämpfen die Krankheit, indem sie die sich teilenden Krebszellen zerstören. Doch leider machen sie auch vor den Zellen der Haarwurzeln nicht Halt - die Haare fallen aus.

Das kann durch Einsatz der Kopfhautkühlung verhindert werden, wenn sie von der ersten Behandlung an konsequent eingesetzt wird. Das durch die Haube fließende Kühlmittel senkt die Temperatur der Kopfhaut auf unter 19 Grad. So wird das Gewebe, inklusive der Haarwurzeln, hier schlechter durchblutet und das Medikament erreicht die Haarwurzeln nicht in voller Dosis.

50 bis 75 Prozent der Haare können erhalten werden

Zahlreiche internationale Studien belegen, dass bei korrekter Indikationsstellung und Anwendung ein Haarerhalt von 50 bis 75 Prozent erzielt werden kann. Deutlich mehr als die Hälfte aller Patienten behalte immerhin so viele Haare, dass einem Außenstehenden der Haarverlust nicht auffalle, meint Müller-Stahl.

Leider gebe es auch Medikamente, die weiterhin einen vollständigen Haarausfall auslösen. Die Wirksamkeit werde unter anderem von Faktoren wie Alter, Beschaffenheit der Haare und Haarwurzeln und weiteren Erkrankungen beeinflusst. Aber die allermeisten Patienten könnten heute von der Methode profitieren: "Noch nicht sicher wissenschaftlich belegt ist, dass die Haare - sollten sie trotz Kopfhautkühlung ausfallen - nach Beendigung der Chemotherapiebehandlung schneller wieder wachsen", sagt Müller-Stahl.

Für Patienten mit offenen Wunden am Kopf oder mit bereits bestehenden Metastasen in der Kopfhaut, ist die Methode nicht geeignet. "Nennenswerte Risiken" entstehen durch die Kopfhautkühlung nicht, meint Müller-Stahl. Nur in seltenen Fällen könnten Kopfschmerzen oder Unwohlsein auftreten, wenn die Kühlung nicht toleriert werde. Auch die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) stellte 2019 fest: "Die Kopfhautkühlung ist nach Einschätzung der AGO Kommission ein sicheres Verfahren, das zur Verhinderung von chemotherapie-induziertem Haarverlust angeboten werden kann."

Brustkrebspatientinnen stark betroffen

Für die Patienten - meist Frauen, da die Taxane enthaltenen Medikamente häufig bei Brustkrebs eingesetzt werden - bedeutet das Verfahren die Hoffnung auf den Erhalt des eigenen Kopfhaars, ein vor allem psychologisch nicht zu unterschätzender Faktor. "Denken Sie nur daran, wie groß das öffentliche Aufsehen war, als die Friseure während des Lockdowns geschlossen wurden!", sagt Müller-Stahl - und da ging es nicht gleich um Haarverlust, sondern nur um einen simplen Haarschnitt oder eine gewohnte Färbung.

Weil auch die Krankenkassen wissen, wie viel Lebensqualität eine Frisur bedeuten kann, mit der man sich wohlfühlt, zahlen sie Hunderte bis über tausend Euro für eine Perücke aus Kunst- oder Echthaar. "Die Kosten für die apparative Ausstattung und die Durchführung des effektiven Haarerhalts werden jedoch trotz überzeugender Datenlage, vielfacher Empfehlungen onkologischer Fachgesellschaften und nun schon langjähriger erfolgreicher Anwendung nicht getragen", schimpft Müller-Stahl. Seine Klinik bietet die Kopfhautkühlung daher kostenlos an. Bei anderen Anbietern reicht die Kostenspanne von null bis über 100 Euro pro Behandlung.

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