Autismus Wie drei Autisten mit den Veränderungen durch die Corona-Krise umgehen

Bunte Puzzleteile sind ein weit verbreitetes Zeichen für Autismus. Sie stehen für viele Aspekte der Störung, wie zum Beispiel den Detailblick von Betroffenen, die Komplexität und die Vielfalt von Autismus. Foto: pixabay

Die Corona-Krise hat unser Leben durcheinander gebracht. Einen normalen Alltag gibt es seit Monaten nicht mehr. Gerade Autisten leiden unter großen Veränderungen. Wir haben mit Betroffenen gesprochen. 

 

Nadine* (16), Schülerin:

„Ich finde die Veränderungen gut“

„Ich kann nun endlich so leben, wie ich es schon immer wollte“, sagt Nadine über die Corona-Krise. „Das, was die Leute jetzt machen müssen, wie Abstand halten und zuhause bleiben, mache ich schon immer gern.“ Die 16-Jährige besucht die elfte Klasse eines Gymnasiums. Dorthin zu gehen, bedeutete für sie immer nur Stress. „Vor Dingen, die ich nicht beeinflussen kann, habe ich Angst“, sagt Nadine. Sie braucht Kontrolle über das, was passiert. Im Schulalltag ist das aber so gut wie unmöglich. Lektüren, Filme, neue Themen oder Lehrer – was für andere normal erscheint, ist für Nadine eine Herausforderung.

Weitere Stressfaktoren sind die Lautstärke und die vielen Menschen. Wenn die 16-Jährige von der Schule nach Hause kam, war sie meist erschöpft und brauchte eine Pause. Während der Beschränkungen konnte Nadine dauerhaft an ihrem Rückzugsort sein – ihrem Zuhause.

Umso schlimmer war es für die 16-Jährige, als sie zurück in die Schule musste. Bereits am Abend vor dem ersten Tag war sie nervös und weinte. Nun hat sie im 14-Tage-Rhythmus Präsenzunterricht. Schon in der ersten Woche war sie blass und gereizt.

Dass das Coronavirus bleibt, wünscht sich Nadine natürlich nicht. Die Veränderungen hingegen findet sie gut: „Die entsprechen eben meinem Lebensstil.“

 

Matthias* (22), Student:

„Manchmal fühle ich mich allein“

Für Matthias waren die Veränderungen schwer. Der 22-Jährige studiert in Regensburg und schreibt an seiner Bachelorarbeit. Vor der Pandemie hat er viel Zeit im Lesesaal verbracht. „Dort habe ich öfter Studienkollegen getroffen“, erzählt er. „Die persönlichen Begegnungen fehlen mir.“ Zwar schreibt Matthias mit manchen über WhatsApp, ersetzen kann das die direkten Kontakte aber nicht. „Wenn ich länger auf eine Antwort warten muss, geht es mir schlecht“, meint er. „Manchmal fühle ich mich allein.“ Neue Routinen und regelmäßige Online-Kurse strukturieren Matthias’ Alltag. Trotzdem: „Ich wünsche mir, bald wieder persönlichen Kontakt zu anderen zu haben und wieder Präsenzveranstaltungen besuchen zu können.“

 

Sophia* (20), Studentin:

„Ich habe mich einfach auf das Positive konzentriert“

„Anfangs bin ich mit den Veränderungen gar nicht klargekommen“, sagt Sophia. Vor ein paar Monaten begann die 20-Jährige ein Praktikum bei einem Autohersteller. Ein neuer Alltag, neue Menschen und eine neue Umgebung. Die Studentin musste sich an die Situation gewöhnen – und das brauchte Zeit. Kraft schöpfte Sophia aus ihrem Hobby, dem Kartfahren.

Wenig später folgte der nächste Einschnitt: die Corona-Krise und die damit verbundenen Ausgangsbeschränkungen. Sophia musste ins Homeoffice. Wieder eine Veränderung. Auch die Kartbahnen mussten schließen. Für die 20-Jährige war das hart, denn eine Routine ist für sie mit das Wichtigste: „Daran sollte sich eigentlich nichts ändern.“ Die außergewöhnliche Situation fiel Sophia schwer. „Ich war ständig müde. Daran habe ich gemerkt, dass es mir langsam reicht.“ Trotz allem blieb sie aber optimistisch. „Ich habe mich einfach auf das Positive konzentriert, was nach der Krise kommt.“

Und das ist mittlerweile eingetreten: Sophia darf nun wieder auf die Kartbahn. „Das ist für mich das Wichtigste. Auch dass ich all die Leute wieder sehen kann, die ich durch mein Hobby kennengelernt habe, ist sehr schön.“ Die 20-Jährige fühlt sich seitdem besser: „Ich bin jetzt auch weniger müde.“

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert. Alle Personen kommen aus unserer Region.

 

Thomas Schneider (33), Autor, Referent:

„Die Situation ist für viele von Unsicherheit geprägt“

„Die Erzählungen der drei Protagonisten vermitteln, wie ähnlich und gleichzeitig unterschiedlich sich Autismus nach außen hin zeigt. Autismus bedeutet, die Welt, die uns alle umgibt, intensiver wahrzunehmen, zu fühlen, zu erleben“, sagt Thomas Schneider. Er kommt aus dem Landkreis Straubing-Bogen und ist selbst Autist. Bemerkt hat der 33-Jährige das erst vor rund fünf Jahren. Seit seiner Diagnose engagiert er sich für eine bessere Aufklärung über Autismus und hat auch ein Buch geschrieben.

In den vergangenen Wochen hatte Thomas Schneider einige Gespräche mit anderen Autisten: „Dabei hat sich gezeigt, dass diejenigen besser durch die Krise gekommen sind, deren Tagesstruktur sich nicht oder nur wenig geändert hatte und deren Interessen weiterhin möglich waren.“ Wichtig sind laut Thomas Schneider hier auch die Angehörigen, die den Alltag der Autisten neu strukturieren. „Struktur gibt Autisten Sicherheit. Das zeigt sich besonders in der aktuellen Situation, die für viele von Unsicherheit geprägt ist.“ Auch bei der Betreuung spielten die Angehörigen eine große Rolle, da viele Einrichtungen geschlossen waren oder unter Quarantäne standen.

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