200. Ausgabe der Freistunde-Zeitung Marie Klostermeier über das Ende des Wünschens

Mit dem Onlineshopping hat sich unser Wünschen verändert. Foto: Illustration Sofia Schiller

Mit dem Onlineshopping hat sich unser Wünschen verändert. Deshalb ist es Zeit für ein Umdenken, findet Marie Klostermeier.

„Heute bestellt, morgen da“, „Ein-Klick-Kauf“, „Expressversand“ und der Klassiker „SALE“ – das sind nur einige der Versprechen des Onlineversand-Geschäfts, mit dem Kunden angelockt werden. Sich ein solches Kaufverhalten leisten zu können, das ist vor allem eins: privilegiert.

Wir leben in einem Teil der Welt, in dem alles rund um die Uhr verfügbar ist. Sowohl im realen Leben, aber überwiegend im Onlinehandel. Das hat Vorteile, ganz klar. Nicht stundenlang durch Geschäfte rennen zu müssen, wenn das ideale Angebot nur einen Klick entfernt ist. Vieles wird einfacher. Oft fehlen die Zeit, das Geld, die Motivation oder die Möglichkeit, auf den Onlinehandel zu verzichten. Doch was geht dadurch verloren? Was bleibt, wenn das Haus mit immer neuen Staubfängern und die Mülltonne mit Versandschachteln vollgestopft wird?

Die Vorfreude geht verloren

Eines kann man sich nicht in den Warenkorb legen: das Gefühl, vor dem Schaufenster zu stehen oder einen Wunschzettel zu schreiben; die Spannung, ein Geschenk auszupacken. Ein Sprichwort lautet nicht umsonst: Vorfreude ist die schönste Freude. Das, was uns an Materiellem oft am besten gefällt, ist, dass man sich darauf freut, daran denkt, daraufhin fiebert, bis man es bekommt. Kurzgesagt: Wir wünschen es uns.

Und wie das Wort „Vorfreude“ selbst schon verrät, braucht das Wünschen Zeit vor dem Kauf. Die Spannung steigt, je länger wir warten. Diese Freude wird aber durch Spontankäufe, an denen das Vergnügen im Nachhinein oft so schnell abflacht, wie der Wunsch danach gekommen ist, zerstört.

Das Ethos der Generation Onlinehandel scheint es geworden zu sein, dieses Privileg voll auszunutzen. Doch es gab eine Zeit vor dem Internet. Vor dem heute oft praktizierten „think less, buy more“ lag der Fokus noch mehr auf der Qualität statt auf der Quantität und somit auch mehr auf dem Wünschen.

Das Gut der Vergangenheit

Meine Großmutter hat, als sie jung war, auf einen Rock gespart, von dem sie heute noch schwärmt. Unbeschreiblich war das Glücksgefühl für meinen Großvater, als er sich mit 15 Jahren seine ersten neuen Stollenschuhe für die Jugendmannschaft gekauft hat. Das ist echtes Wünschen. Ich finde: Nur ein Produkt, das nachhaltig solch eine Freude verspricht, wird wirklich gebraucht. Vielleicht liegt der Fortschritt hier im Rückschritt. Wir sollten umdenken und zum sorgfältigen Abwägen zurückkehren. Ich versuche deshalb, immer aufzupassen, dass meine Wünsche nicht in Gier enden. Damit ich jene, die übrig bleiben, auch wirklich auskosten kann. Dabei habe ich auch immer im Hinterkopf, dass das Geld, das wir uns sparen, Natur und ausgebeutete Arbeitskräfte teuer bezahlen müssen. Es gibt leider nicht jedes Produkt in der regionalen oder der Fairtrade-Version. Umso mehr müssen uns die Folgen unseres Konsums bewusst sein.

Ich kann verstehen, wenn man sich ab und an einen bedenklichen Kauf gönnen möchte. Diese werden aus meiner Erfahrung aber noch schöner, wenn man willig ist, sich gegen Spontankäufe zu entscheiden. Manchmal ist es gut, zwei Nächte über die Kaufentscheidung zu schlafen. So verhindern wir Fehlkäufe. Aber vor allem bekommen wir einen Teil des Wünschens zurück.

 

Marie Klostermeier (16, aus Parkstetten):

Mein größter Wunsch ist es, zukünftigen Generationen eine Welt zu hinterlassen, in der sie mindestens so gut leben können, wie wir es durften.

Das betrifft Umweltschutz genauso wie sozialen Frieden und Chancengleichheit.

 

Hier findest du alle Texte aus der 200. Ausgabe der Freistunde-Zeitung.

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