Landkreis Straubing-Bogen

Trauer um Ali: "Er hätt's mit Sicherheit g'schafft"


Ali wurde am Freitag in Bagdad begraben.

Ali wurde am Freitag in Bagdad begraben.

Jeden Tag bis zum Jahresende veröffentlicht die Lokalredaktion des Straubinger Tagblatts einen ihrer Lieblingstexte aus dem Jahr 2018. Christoph Urbans Artikel vom 23. Juni erzählt die tragische Geschichte von Ali, einem jungen Mann, der als Flüchtling nach Straubing kam und im Juni 2018 in der Donau ums Leben kam.

Und dann war er einfach weg. Am Morgen vor seinem 21. Geburtstag, mitgerissen von der Strömung, unter Wasser, weg.

In der Zeitung zwei Meldungen, "Mann nach Baden in der Donau vermisst" und, zwei Tage später, "Vermisster Schwimmer tot".

Alis Abschied - Trauerandacht an der Donau bei Straubing

Als Flüchtling war Ali vom Irak nach Straubing gekommen. Im Sommer 2018 kam er in der Donau ums Leben. In einer Trauerandacht an der Donau nahmen seine Betreuer, Lehrer und Freunde an der Donau Abschied.

Christoph Urban

An der Donau, am Tag der zweiten Meldung, sieben Freunde in Trauer, ein kleines Boot mit Kerze, das langsam im Abenddunkel donauabwärts treibt. Kevin, sein bester Freund: "Da sagst noch zu ihm, pass auf di auf." Als der Anruf kam, hat er am ganzen Körper gezittert.

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Freitagmorgen an der Donau. Ein Boot in Grün, Weiß und Rot für den Irak, eines in Schwarz, Rot, Gold.

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Freitagmorgen an der Donau. Ein Boot in Grün, Weiß und Rot für den Irak, eines in Schwarz, Rot, Gold.

Die Tage danach, die Trauer mit Scherzen überspielen, in der Stammbar Blicke über die Schulter, vielleicht kommt er doch noch nach.

Am Tag des Herzogstadtlaufs, Sonntagmorgen, ist Ali in der Donau gestorben. Zu dritt waren sie an der Donau, zur Abkühlung nach einer langen Nacht. Zu zweit mussten sie hilflos zusehen, wie sich das Wasser über ihrem Freund schloss, einen brachte der Schock ins Krankenhaus.

"Servus" mit Hemd, Weste und Fliege

Die Nachricht von seinem Tod hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Ali bediente beim Burgerwirt, im Gasthaus Wenisch, im Café Steiningers, war Stammgast im Irish Pub, Eiscafé Cortina und im Valentino. "Oh, eitz hat's an Ober", haben die Gäste von Conny Steininger gelacht, als sie Ali zum ersten Mal mit seinem weißen Hemd, schwarzer Weste und Fliege kellnern sahen. "Er hätt's mit Sicherheit g'schafft", sagt Conny Steininger. "Wenn's nur alle so wären wie der Ali."

Auch in ihrem Café haben die Gäste über Flüchtlinge diskutiert, einige wohlwollend, manche skeptisch, manche ablehnend. "Die hat der Ali umdraht", sagt Conny Steininger mit einem Schmunzeln. Mit seinem "Servus" mit Fliege und seinem "Üatyp" von der Karmelitenbrauerei, das er den Gästen schwungvoll servierte. "Trinkgeld hat er schon viel bekommen", sagt Conny Steininger und lacht.

Lesen Sie im zweiten Teil mehr über Alis Lebensgeschichte und über den traurigen Abschied an der Donau.

Mit dem Boot über die Ägäis nach Deutschland

Ali stammt aus Mossul, Irak, an der Grenze zu Syrien. Eine dieser Städte, deren Namen man aus den Nachrichten kennt, die Bilder braun, grau, rot von Feuer und Blut, die Berichte erzählen von Vormarsch, Belagerung, Eroberung, Rückeroberung - Vokabeln, die einen seltsam kalt lassen, weil sie, 2018 in Straubing, so fremd und unvorstellbar klingen, wie aus einer anderen Welt.

Ali hat diese Welt verlassen, Ende 2015, durch die Türkei nach Griechenland, in einem Boot über die Ägäis und weiter nach Deutschland. Seine Mutter und sein kleiner Bruder, heute 15, sind noch im Irak, Verwandte versprengt über London, Nürnberg, Schweden. Darüber hat er selten gesprochen. Er war jetzt hier, und er war angekommen. Und dann war er einfach weg.

"Wenn das Wasser bis über die Knie geht", sagt Heribert Thöne von der Wasserwacht, "kannst du dich eigentlich nicht mehr halten." Er und seine Kollegen haben an jenem Sonntagmorgen nach Ali gesucht, haben ihn erst am Dienstag bergen können. Wahrscheinlich hing Alis Körper unter Wasser fest, meint Thöne. Erst als Starkregen den Pegel steigen ließ, gab die Donau ihn wieder frei. Gestern, am Freitag, ist Ali in Bagdad angekommen. Dorthin wurde er auf Kosten seiner Angehörigen überführt, dort wird er begraben.

Vier Tage lang hat der "Verein für Friede und Freundschaft" an der Bernauergasse für Ali Trauer gehalten. Dort, in einer ehemaligen Shisha-Lounge, treffen sich seit gut einem Jahr arabischstämmige Straubinger, spielen Karten und trinken Kaffee. Marwan, ein Libanese, war Alis Vermieter, Eamd, Syrer, sein Nachbar. Der Vorsitzende, Wael, hat ihn identifiziert, den Cousin in Nürnberg angerufen. "Zu Eamd hat er am Morgen gesagt, er geht jetzt schwimmen", erzählt Marwan. Eamd hält den Kopf in den Händen und blickt leer vor sich hin. "Papa" nannte Ali ihn.

Abschied an der Donau

Gestern, am Freitag, ließen Freunde noch einmal zwei Boote für Ali die Donau hinabtreiben. Eines in Grün, Weiß und Rot für den Irak, eines in Schwarz, Rot, Gold. Ehemalige Kollegen in einer Integrationswerkstatt haben sie geschreinert. Alis ehemalige Betreuerin war da, Conny Steininger, die Leiterin des Integrationsamts, Vertreter des Arbeitsamts. "Er hatte so eine gewinnende Persönlichkeit", sagte seine ehemalige Betreuerin, da habe man ihm manchen Jux verziehen.

Zuletzt hatte Ali eine Ausbildung zum Hotelfachmann im Herbst in Aussicht, sagen sie. Das sei immer sein Traum gewesen, in Bagdad habe er ein Jahr lang an der Rezeption eines großen Hotels gearbeitet.

Seinen Freunden bleiben die Erinnerungen an ihn in Hemd, Fliege und Weste. Als sie spätabends im Irish Pub um zehn Euro wetteten, Ali würde nicht nackt um den Block laufen, und Ali sich, unter Applaus, zehn Euro verdiente. Als er dachte, in Bayern gebe es für jede Jahreszeit ein Bier und sich statt eines "August" ein "Oktober" bestellen wollte. Dass man ihn, wenn er schlecht drauf war, immer an seinem eigenen Plätzchen an der Donau sitzend fand. Der Stammtisch im Steiningers sagt immer noch "Üatyp".