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Artikel vom 18. January 2013 18:49, 82 mal gelesen

Leitartikel

Keine Abenteuer

Autor: Dr. Gerald Schneider
"Es ist alles im Kriege sehr einfach, aber das Einfachste ist schwierig. Diese Schwierigkeiten häufen sich und bringen eine Friktion (Reibung) hervor, die sich niemand richtig vorstellt, der den Krieg nicht gesehen hat." So schreibt der Kriegsphilosoph Carl von Clausewitz (1780 - 1831) in seinem Werk "Vom Kriege".

Mit anderen Worten: Ein Krieg oder militärischer Einsatz lässt sich bestenfalls bis zum ersten Schuss planen. Auf alles, was folgt, haben die Generäle und ihre Strategien nur begrenzten Einfluss. Dies gilt indes nicht nur für den Verlauf der unmittelbaren Kampfhandlungen.

Was also folgt aus dem Militäreinsatz im westafrikanischen bettelarmen Krisenstaat Mali? Frankreich ist bereits nach wenigen Tagen in einen Bodenkrieg verwickelt, die ersten Soldaten sind gefallen. Die Verbündeten sind zur Hilfe bereit - Deutschland will für den Transport von afrikanischen Soldaten in das Krisengebiet zwei Transall-Flugzeuge zur Verfügung stellen. Andere europäische Nationen planen ähnliche Hilfen. Zudem will die EU bei der Ausbildung der malischen Armee helfen.

Ja, das kann man Unterstützung nennen. Den Verbündeten Frankreich will niemand im Stich lassen. Aber Bodentruppen? Nein, dazu ist kaum ein anderes europäisches Land bereit. So nachvollziehbar und richtig die Beweggründe sein mögen, die François Hollande zum Marschbefehl bewogen haben - eine klare Perspektive für den Wüsteneinsatz vermag offenbar keiner so ganz zu erkennen. Was ist Zweck des Einsatzes? Wie lassen sich diese selbstgesteckten Ziele erreichen? Unter welchen Bedingungen ist ein Abzug möglich - wie also lautet die Exit-Strategie? Die Erfahrung aus Afghanistan lehrt, was trotz hehrer Ziele folgen kann.

Am Hindukusch würden am liebsten alle Nationen ihre Feldlager zusammenpacken und sofort ihre Soldaten nach Hause holen. Offenbar will keiner im Westen so ganz glauben, dass es in Mali anders laufen kann. Wird also Frankreichs Offensive im Saharasand stecken bleiben?

Der Krieg ist in Mali jedenfalls in vollem Gange. Paris will den Einsatz ausweiten und hat die Zahl der Soldaten von zunächst geplanten 750 auf 2 500 erhöht. Schon toben Straßenkämpfe zwischen französischen Truppen und islamistischen Rebellen. Doch zunächst offenbart das französische Eingreifen eines der vielen drückenden Probleme Afrikas: In zahlreichen Ländern existieren keine funktionierenden staatlichen Organisationen.

Für Sicherheit können sie kaum sorgen. Die labilen Systeme geraten dadurch bereits bei kleinsten politischen Erschütterungen ins Taumeln. Das ruft im Falle Malis die frühere Kolonialmacht Frankreich auf den Plan. Offenbar fühlt sich Paris noch immer verantwortlich. Falsch ist die Begründung Frankreichs für das Eingreifen jedenfalls nicht. Wenn es Al-Kaida und anderen Terrorgruppen gelingt, sich in Mali zu etablieren und einen sicheren Rückzugsraum dauerhaft einzurichten, könnte der Terror rasch wieder nach Europa zurückkehren.

Doch Frankreich verfolgt nicht nur dieses Ziel. Im Norden des Wüstenstaates liegen Uranminen, auf die die Atommacht Frankreich bislang Zugriff hatte. Islamistische Kämpfer könnten die Ausbeutung dieser Bodenschätze empfindlich stören oder gar unmöglich machen. Im längst entbrannten Wettrennen um Rohstoffe auf dem schwarzen Kontinent sind einige Nationen offenbar bereit, auch ihre Streitkräfte einzusetzen. Frankreichs strategisches Interesse ist legitim. Doch müssen sich beispielsweise deutsche Soldaten an einem auch so motivierten Einsatz beteiligen?

Deutschland hat in der Tat eine tiefe Scharte auszuwetzen. Als eine Koalition unter französischer Führung den libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi aus dem Amt bombte, enthielt sich Berlin. Bei den Alliierten kamen Zweifel an der Bündnisfähigkeit Deutschlands auf. Diesem Vorwurf sollte sich Deutschland nicht leichtfertig erneut aussetzen. Doch ein militärisches Wüstenabenteuer? Auch das kann nicht Aufgabe der Bundeswehr sein.

Die vorsichtige Unterstützung Frankreichs - zumal im Umfeld der Feierlichkeiten zu 50 Jahren Elysée-Vertrag - ist eine kluge Entscheidung. Ein solches Engagement lässt sich später immer noch ausdehnen. Aber ein Rückzug aus einer bereits laufenden Mission, das ist fast unmöglich - siehe Afghanistan.

Wie vernünftig es ist, lieber erst mal abzuwarten, zeigt auch der blutig verlaufene Entführungsfall von Ölarbeitern in Algerien. Eine Strafe für die Kooperation mit Frankreich gegen die islamischen Kämpfer in Mali sollte die Entführung sein. Dies zeigt, wie verfahren, gefährlich und unübersichtlich eine ganze Region ist. Algerien, ebenfalls ehemalige französische Kolonie und nur durch das westliche Mittelmeer von Europa getrennt, droht dauerhaft zu einem Rückzugsgebiet für islamistische Terroristen zu werden oder ist es bereits. Ein Militäreinsatz könnte sich also schnell zu einem Flächenbrand in Westafrika entwickeln.

Bei allem berechtigten Zögern und allen Gefahren können sich die Staaten Europas insgesamt einer Herausforderung nicht verweigern. Sie müssen entscheiden, welche Rolle für die Sicherheit - ihre eigene, ebenso wie die von Nachbarregionen - sie künftig spielen wollen. Europa ist erwachsen geworden. Das erkennen auch die Vereinigten Staaten an, die sich zunehmend strategisch dem pazifischen Raum zuwenden. Ständig darauf zu warten, bis ein Partner die anderen durch Vorpreschen zur Bündnistreue zwingt, kann nicht die Lösung sein. Der EU insgesamt fehlt es aber an einer gemeinsamen Sicherheitsstrategie.

Der Vorschlag des Europa-Abgeordneten Bernd Posselt (CSU), eine gemeinsame europäische Armee aufzubauen, auch um einen Beitrag zu internationaler Sicherheit zu leisten, mag noch sehr unkonkret sein. Es lohnt sich aber, darüber nachzudenken. Dabei darf die Gründung einer solchen Truppe nicht die politische Arbeit ersetzen, Strategien und Taktiken sowie Bedingungen für deren Einsatz zu definieren. Kurz: Europa muss seine Sicherheitsinteressen formulieren. Weder ein ständiges Sich-Heraushalten noch ein allzu rasches Marschieren kann Ziel eines solchen Vorhabens sein. Die EU hat da viel Arbeit vor sich.

Das zeigt sich auch in Mali. Frankreich muss eine gangbare Perspektive für Malis Zukunft präsentieren. Dann kann Paris womöglich auch auf mehr Engagement der zögernden Partner hoffen. Ja, unsere Freiheit wird auch im Wüstensand verteidigt. Das rechtfertigt aber kein leichtfertiges Vorgehen. In jedem Fall sollte allen - Kritikern wie Befürwortern - von vornherein klar sein, worauf wir uns womöglich einlassen. Ein Spaziergang wird ein Einsatz in Mali sicher nicht.

Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Klaus Naumann, warnt in der "Welt": "Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass wir in einem langen Konflikt stecken."

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