Eishockey-Legende

Uwe Krupp startet das Projekt EV Landshut: Ein schwieriger Spagat

Uwe Krupp ist beim EV Landshut mehr als nur Cheftrainer. In ihm bündelt sich die Sehnsucht der Fans nach der eigenen Identität - aber auch nach sportlichem Erfolg. Der 60-Jährige hat eine knifflige Aufgabe zu bewältigen.

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Uwe Krupp hat es sich in der VR-Bank-Landshut-Arena bereits hinter der Bande gemütlich gemacht. Von hier aus soll er beim EV Landshut für neuen Schwung sorgen - auf und neben dem Eis.

Uwe Krupp hat es sich in der VR-Bank-Landshut-Arena bereits hinter der Bande gemütlich gemacht. Von hier aus soll er beim EV Landshut für neuen Schwung sorgen - auf und neben dem Eis.

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Im Video erzählt Johannes Holler aus der Sportredaktion, wie die Geschichte hinter diesem Türchen entstanden ist.

Es ist ein großer Knall, der Eishockey-Deutschland Anfang Mai nach langer Zeit wieder nach Landshut blicken lässt: Uwe Krupp ist neuer Cheftrainer beim EV Landshut (EVL). Ausgerechnet Krupp, eine der strahlendsten Figuren des deutschen Eishockeys - bei einem Zweitligisten, der seine besten Jahre lange hinter sich hat. „Ich habe zuerst gedacht, es ist ein Scherz“, sagt selbst EVL-Kapitän Andreas Schwarz. Vor dem DEL 2-Saisonauftakt an diesem Freitag liegt die Vermutung nahe, dass Krupp den EV Landshut zu altem Glanz führen soll. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit.

Uwe Krupps Verpflichtung soll kein PR-Gag sein, kein kopfloser Versuch, an alte Zeiten anzuknüpfen. „Für mich ist die Zeit in Landshut auch das Projekt Landshut“, sagt er selbst. Wer mit Krupp über seinen Job spricht oder ihn auf dem Eis beobachtet, der spürt: Er ist nicht hier, um seine Trainerlaufbahn locker austrudeln zu lassen.

Uwe Krupp gibt während der Trainingseinheiten unentwegt Kommandos, gestikuliert, bricht Übungen ab. „Ihr habt mehr als nur eine Option an der Bande“, ruft er seinem Team in einer dieser Unterbrechungen auf Englisch zu. Er beobachtet alles genau, führt immer wieder Einzelgespräche mit Spielern. Uwe Krupp soll den EV Landshut umkrempeln - und hat dafür einen genauen Plan. Der Auftakt gegen die Ravensburg Towerstars soll nun nicht weniger als eine Zeitenwende einläuten.

Wird Uwe Krupp zu Landshuts Ass im Ärmel?

Der Verein hat unruhige Jahre hinter sich. Die Leistungen lesen sich zwar vernünftig, wären da nicht auch drei bittere Viertelfinalpleiten, teils biedere sportliche Darbietungen - und ein Graben zwischen Teilen der Fans und Ex-Trainer Heiko Vogler, der am Ende nicht zu überwinden war.

Auf der einen Seite ein junger Trainer, der nach Ansicht vieler Fans aus den Augen verloren hat, wofür der EV Landshut steht. Auf der anderen Seite ein Verein, der vor Stolz nur so strotzt. Stolz auf die Historie und mehr noch auf die eigene Nachwuchsarbeit. Der EVL gilt als Talentschmiede des deutschen Eishockeys, ist einer der wenigen „Fünf-Sterne-Ausbildungsklubs“ und zahlreiche Nationalspieler haben hier das Eishockeyspielen gelernt - darunter der zweimalige Stanley-Cup-Sieger Tom Kühnhackl. Das ist laut EVL-Sportleiter Max Brandl die DNA des Vereins - die es auch Uwe Krupp nicht einfach machen wird.

Denn während bei Ligakonkurrenten wie Kassel oder Krefeld nur der Aufstieg zählt, zählt in Landshut vor allem auch die Art und Weise. Der EVL und seine Fans sehnen sich nach Erfolg, keine Frage - und bleibt der aus, kann es in Landshut ungemütlich werden. Mindestens genauso wichtig ist den Landshutern, wer das EVL-Trikot trägt. In erster Linie Landshuter sollten es sein. Von diesem Weg ist der Verein zuletzt abgekommen.

Aussichtsreiche Talente wanderten ab. Uwe Krupp ist gefragt. Laut EVL-Beiratsvorsitzendem Michael Imhoff wird er sich daran messen lassen müssen, inwiefern er es schafft, den Nachwuchs stärker im Profibereich zu integrieren. „Ich verspreche mir einiges von Uwe Krupp, vor allem was den Nachwuchs betrifft“, sagt auch Andreas Hilz, Vorstand des Fanclubs Hallertau - und spricht damit wohl vielen EVL-Anhängern aus der Seele.

Uwe Krupp ist schließlich eine der schillerndsten Persönlichkeiten in Eishockey-Deutschland. Über 800 Spiele machte er in der nordamerikanischen National Hockey League (NHL) - der besten Liga der Welt. Dort avancierte er bei den Colorado Avalanche zur Vereinslegende und holte zweimal den Titel. Als Bundestrainer führte er das Nationalteam 2010 ins WM-Halbfinale, stand als Coach mit Köln und Berlin dreimal im DEL-Finale und wurde 2013 sogar zum DEL-Trainer des Jahres gewählt.

Mit seiner Strahlkraft kann Uwe Krupp für den EVL zum Ass im Ärmel werden. Sei es, wenn es darum geht, Nachwuchsspielern eine Perspektive aufzuzeigen, oder als Türöffner für potenzielle Neuzugänge - wie im Fall von Stanislav Dietz, der im Sommer aus Iserlohn kam - und Krupp als „ein Hauptargument“ für seinen Wechsel bezeichnet.

Bei den Colorado Avalanche avancierte Krupp mit seinem Siegtreffer zum NHL-Titel im Jahr 1996 zur Vereinslegende. 

Bei den Colorado Avalanche avancierte Krupp mit seinem Siegtreffer zum NHL-Titel im Jahr 1996 zur Vereinslegende. 

Zwischen Romantik und sportlichem Anspruch

Auf dem Papier klingt das alles nach purer Eishockey-Romantik. Von Luft und Liebe kann sich aber auch der EV Landshut nichts kaufen. Seit der Renovierung des Stadions rennen die Fans dem Verein sprichwörtlich die Bude ein. Knapp 1.500 Dauerkarten wurden vor der Saison verkauft - 300 mehr als im Vorjahr - und der Zuschauerschnitt stieg seit 2022 um über 800 Besucher. Im Sommer hat der Klub zum zweiten Mal die Bürgschaft für den DEL-Aufstieg hinterlegt und seine Ambitionen damit unterstrichen. Der Verein hat Momentum - das er aber auch sportlich früher oder später nutzen muss. Aber bitteschön zu Landshuter Bedingungen.

Mit drei weiteren Jahren, in denen im Viertelfinale Schluss ist, wird sich keiner mehr zufriedengeben. „Das war nicht mein Anspruch, als ich nach Landshut gekommen bin“, stellt auch Kapitän Schwarz klar. Uwe Krupp muss es beim EVL schaffen, Eishockey-Romantik und sportlichen Anspruch unter einen Hut zu bringen. „Das ist immer ein Spagat“, weiß auch er.

Dass sich Krupp für diese undankbare Aufgabe begeistern lassen hat, kam überraschend. Vor allem weil der EVL eben nicht mehr den Glanz alter Tage versprüht. Das sieht Krupp anders: „Der Stellenwert des Eishockeys in Landshut und was Landshut für das deutsche Eishockey bedeutet, ist immer noch sehr hoch. Das ist einer der Gründe, wieso ich hier bin.“

In seiner neuen Wahlheimat hat sich Krupp bereits in die Arbeit gestürzt. Die Eishalle ist aktuell Krupps zweites Zuhause. „Wir sind von morgens bis nachmittags in der Halle. Bei mir kommt dazu, dass die Kinder beide Eishockey spielen.“ Sohn Thomas James geht für die U 13 des EVL aufs Eis, Krupps um ein Jahr jüngere Tochter Isabelle spielt ebenfalls. Auch beim Training anderer Nachwuchsteams sieht man Krupp auf den Rängen sitzen oder im Spielertunnel stehen, von wo aus er interessiert zuschaut. Er macht den Eindruck, als wäre er schon jahrelang da - als hätte er verstanden, worum es in Landshut geht.

Die Integration der Jugend sei „schon im vollen Gange“, bestätigt Krupp. „Bei den Trainingsspielen füllen wir den Kader mit sechs oder sieben Spielern aus dem Nachwuchs auf. Die Besten bekommen ihre Chancen bei uns.“ Vor der Saison hat der EVL fünf Eigengewächse mit Profi-Verträgen ausgestattet. Auch der erste Eindruck in der Mannschaft ist gut: „Trainer und Team verstehen sich gut. Er ist sehr sympathisch und hat eine klare Linie. Das tut dem Verein und uns als Team sehr gut“, bestätigt EVL-Stürmer Jakob Mayenschein. Krupp scheint angekommen zu sein.

Die Uhren ticken in Landshut anders

Womöglich auch, weil Landshut für Uwe Krupp kein neues Pflaster ist. Während die NHL in der Saison 1994/95 wegen Tarifstreitigkeiten monatelang pausierte, absolvierte er fünf Spiele für den EVL. Mehr als 30 Jahre später lebt Krupp mit seiner Familie am Stadtrand. „Von Köln nach Landshut ist schon ein großer Umzug für die Familie. Aber es hat durch die Bank gut geklappt“, erzählt er und freut sich über ein Detail besonders: „Wir haben Kühe vor der Tür. Das ist schon anders als in Köln.“

Anders als in Köln ist wohl so ziemlich alles in Landshut. Während Uwe Krupp als Coach der Kölner Haie einen der höchsten Etats der DEL zur Verfügung hatte, sind die Kassen in Landshut nicht so prall gefüllt. Zwar hat der EVL interessante Neuzugänge an Land gezogen - mit der Ligaspitze kann der Verein finanziell aber nicht mithalten. Die Uhren ticken in Landshut eben anders als in der Großstadt.

Zu Prognosen will sich Krupp - vielleicht gerade deshalb - nicht hinreißen lassen. „Wir wollen uns so weit wie möglich nach oben orientieren. Bevor aber kein Spiel gespielt ist, brauchen wir nicht darüber reden, wo wir am Ende stehen.“

Die wechselhafte Historie des EV Landshut

Nur 15 Jahre dauert es, bis der EV Landshut nach seiner Gründung 1948 in die erste Liga aufsteigt. Dort avanciert der Verein ab 1963 zum Topteam. Die 1970er-Jahre sind die wohl erfolgreichsten der Vereinshistorie. In dieser Zeit tragen Alois Schloder und Erich Kühnhackl das EVL-Trikot – beide Mitglieder der IIHF Hall of Fame.
1970 feiert der EVL seine erste deutsche Meisterschaft, wird 1974 und 1976 zweimal „Vize“. 1983 springt der zweite Meistertitel heraus, im Folgejahr immerhin eine weitere Vizemeisterschaft.
Danach wird der Klub von den Großstadtvereinen finanziell abgehängt – und rutscht ins Mittelmaß ab. Ab 1990 muss der Verein viermal in die Abstiegsrunde und steigt 1992 ab – bleibt aber in der Liga, weil sich Rosenheim zurückzieht.
Danach bäumt sich der EV Landshut noch mal auf, stürmt 1995 ins Finale – verliert dort allerdings gegen die Kölner Haie. Es folgen drei weitere Halbfinal- und eine Viertelfinalteilnahme. 1999 dann der große Knall. Der EVL ist pleite. Es folgt der Zwangsabstieg in die drittklassige Oberliga.
2002 gelingt der Aufstieg in die zweite Liga, wo der EVL 2004 und 2008 bis ins Finale kommt und 2012 den Titel holt – allerdings aufgrund der damaligen Regelung nicht aufstiegsberechtigt ist. 2015 folgt die zweite Insolvenz und der erneute Rückzug in die Oberliga.
Seit der Rückkehr in die DEL2 im Jahr 2019 hat sich der EV Landshut in den vergangenen Jahren wieder vom Abstiegskandidaten zum Playoff-Team entwickelt – und wäre dank der hinterlegten DEL-Bürgschaft mittlerweile auch wieder aufstiegsberechtigt.    

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