Reportage
Letzter Halt Regensburg: Ein Tag mit den Obdachlosen am Bahnhof
Die Enden ihrer Zigaretten glühen im Halbdunkel vor dem Bahnhof. Sie haben sie gerade angezündet, torkeln mit einer neuen Flasche billigem Wodka aus dem Edeka. Einer der drei schwankt, als würde ihm der Alkohol aus der Flasche gerade durch die Handfläche den Arm entlang in die Schultern bis hinter die Augen steigen. Er streicht durch seinen krausen Bart, wippt vor und zurück, sein Gesicht rot und geschwollen, seine Augen leuchten schelmisch. Er hat noch eine Rechnung offen.
„Du wirst uns jetzt dann ’nen Fuffi geben für das Interview“, krächzt er und rückt immer näher. „Doch, sonst nehm’ ich dir die Kamera ab.“ Die Bundespolizei da hinten? Interessiere ihn „an Scheißdreck“. Doch benebelt von Wodka, Drogen und Zigarettenrauch wird er seine Forderung genauso schnell vergessen, wie er sie aufgestellt hat.
Steve, 47, Junkie, ist einer von denen, wegen derer der Park vor dem Regensburger Bahnhof als Problembereich gilt. Fernsehteams waren schon hier, Bürgermeister, einmal der Innenminister, täglich Polizisten. Gerufen von Müll, Lärm, von Drogen und Gewalt. Sie wollen für Ordnung sorgen. Steve will seine Ruhe und eigentlich will er auch hier raus. Dabei braucht er aber Hilfe. Verstehen kann man den Mikrokosmos Regensburger Bahnhof und seine Probleme nur, wenn man mit Leuten wie Steve redet.
Der Park am Peterskirchlein ist seine Wohnung, erzählt Steve wenige Stunden zuvor, etwas nüchterner, etwas weniger high. Die kleine Fläche zwischen Bahnhof und Busbahnhof, die sonst kaum jemanden interessiert, die manche schon aufgegeben haben. Wenn Passanten hier durchhasten, dann mit gesenktem Kopf - Blickkontakt vermeiden.
Im Park sitzen Steves Freunde auf Decken oder Isomatten, ein junger Mann fährt mit dem Fahrrad im Gras Schleifen und rappt dazu. Polizei ist gerade keine da. Für Steve ist der Park Zuhause: Unter den Bäumen sein Wohn- und Schlafzimmer, die ausgetretene Durchgangsfläche, die früher mal grün war, der Flur. Am Peterskirchlein gibt der Hilfsverein Rengschburger Herzen Essen aus. Sechsmal pro Woche sind die Busse des Vereins die Küche.
„Jeden Tag werd’ ich von Verrückten g’weckt“
Steve teilt sich seine Wohnung mit anderen, mit Obdachlosen, Junkies, mit denen, die nicht wissen, wohin sonst mit sich. „Jeden Tag werd’ ich um fünf Uhr von irgendwelchen Verrückten g’weckt“, erzählt er. „Entweder sind sie voll besoffen oder auf Drogen.“ Kein Wunder, dass Steve im Park nicht schlafen kann - die Leute wuseln durcheinander, blaffen sich laut und aufgeregt an. Während „Normalos“, wie Steve sie nennt, nachts mit heruntergelassenem Rollo ihre acht Stunden schlafen, macht er bei sich Zuhause, in der Parallelwelt am Bahnhof, kaum ein Auge zu.
Im Park gelten eigene Regeln. Hier verschwimmen die Grenzen von Tag und Nacht im immerwährenden Licht des Bahnhofs, hier bedroht man sich im einen Moment und liegt sich im anderen wieder in den Armen. Hier spricht man eine andere Sprache als im Rest der Stadt. Die Kumpels hier begrüßen sich mit „Heil Hitler“. Das sind Straftaten und maximale Provokation, wie vieles, was sie so von sich geben. Für sie gehört es aber zum normalen Umgangston.
Dass er nicht nur „Junkie“, sondern auch „schwerer Alkoholiker“ ist, plaudert Steve genauso selbstverständlich aus wie sein Alter. Seit einem Jahr wohnt er schon im Park am Peterskirchlein - seit er aus dem Gefängnis entlassen wurde. Eingesessen habe er „wegen übertriebener Notwehr“, erzählt er. Zwar gebe es für Leute wie ihn die Obdachlosenunterkunft Noah. Doch da habe er Hausverbot, „weil ich einen niedergeboxt hab“. Jemand habe ihn geschubst, er schubste zurück - auf der Straße ganz normal. „Die stecken’s weg und kommen morgen wieder.“ „Normalos“ hingegen würden wegen so etwas gleich zur „Bullerei“ gehen. Wer weiß schon, warum - davon, wie „Normalos“ ticken, habe er sowieso keine Ahnung, sagt Steve.
Überhaupt, die Bullerei. „Das ist wie bei der Stasi hier“, sagt Steve über den Park. Denn mit 23 Kameras überwacht die Polizei jede Bewegung. Beamte sitzen im Präsidium am Minoritenweg vor Bildschirmen und blicken in jeden Winkel von Steves Wohnung. Denn im Park dürfen keine eigenen Regeln gelten. Von überall her würden sie ihn beobachten. Sogar in den Vogelhäuschen seien Kameras installiert.
Vergangenes Jahr mehr als 100 Körperverletzungen
Dass die Kameras nötig sind, kann man an den vielen Straftaten ablesen, die die Polizei im Bahnhofsviertel erfasst. 2024 waren es 107 Körperverletzungen, 191 Diebstähle. Oder an Geschichten wie der eines Passanten, der am Park auf seinen Bus wartet und seinen Namen nicht nennen möchte. Einmal habe er das Bahnhofsgelände nicht mit dem Bus, sondern mit dem Krankenwagen verlassen - er wurde überfallen. Ein Kumpel sei vor ein paar Monaten mit zweifach gebrochenem Kiefer in der Zeitung gestanden. Auch am Bahnhof passiert.
Während Steve noch auf all die Stellen in den Bäumen deutet, wo er Kameras vermutet, schält sich aus einer Gruppe etwas entfernt ein Mann heraus. Unter der Decke in seiner Hand hält er eine Spritze versteckt, sorgfältig eingewickelt. Steve weiß sofort, was los ist und kann seine Freude kaum verbergen.
Dass der Mann auf ihn zukommt, kann nur eins bedeuten. „Ey, hast du meins dabei?“ Steve nimmt dem Mann die Spritze ab, hält sie wie einen Preis in die Höhe, fuchtelt damit herum. „Willst du real Street-Fuck-Junk sehen?“ Dann geht er wie von einem Zimmer ins andere, weg von den Kameras.
Laut der Polizei wurde 2024 im Bahnhofsviertel insgesamt 201 Mal gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen. Ein deutlicher Rückgang, der auf die Cannabis-Teillegalisierung zurückzuführen sei. 41 der Verstöße betreffen Drogenhandel.
Steve fühlt sich am Bahnhof die meiste Zeit zwar beobachtet. Aber nicht gesehen. „Ihr helft’s ned. Mir wird ned g’holfen“, sagt er. Und: „Ich pack des einfach nimmer.“ Steves Stimme klingt, als hätte er den Satz schon unendlich oft gedacht oder ausgesprochen. Das, was er nicht mehr aushält, ist nicht die Überwachung, sondern die Situation im Park, die Obdachlosigkeit. Warum gibt es scheinbar nirgendwo ein Zuhause für jemanden wie ihn?
Taktgeber: Alkohol, Drogen, Gefängnis
Er ist bei Weitem nicht der einzige, der gesehen werden will. Sobald die Menschen hier merken, dass sich jemand für das interessiert, was sie zu sagen haben, wollen alle zu Wort kommen.
Gökhan trägt seine Habe auf dem Rücken und in Tüten mit sich herum. „Weggeschmissen“, sagt er, habe er sein Leben mit siebenundzwanzigeinhalb. Drogen und Gefängnis, wie die meisten im Park. Er hat einen Sohn. Elf Jahre alt. Die Mutter habe sich vor sechs Jahren das Leben genommen. Kontakt zum Sohn hält er nur am Telefon. „Wie soll ich mich auf Drogen noch um ihn kümmern?“, bricht es aus ihm heraus. Einer seiner Freunde bremst ihn: „Das wollen die gar nicht wissen.“ Gökhan solle lieber erzählen, dass er für seinen Sohn versuche, clean zu werden. Das wollen die Leute doch hören, nichts von Drogen und Gefängnis. Ansonsten besser nicht zu viel preisgeben.

Romina Schmid
Was die Leute wirklich wissen wollen, ist dass er versucht für seinen Sohn clean zu werden, wird Gökhan (links) von einem Freund erklärt.
Vitali erzählt mit russischem Akzent davon, dass er bald ins Gefängnis müsse. Zwölf oder 18 Monate, irgend so was. Seine Augen sind glasig, sein Gesicht gerötet. Taktgeber in seinem Leben waren drei Dinge: „Alkohol, Drogen, Gefängnis.“ Denn es ist nicht dass erste Mal, das er rein muss. Aber, sagt er bedächtig: „Ich bin stolz auf diese Stadt.“ In dem Regensburg, das er kenne, gebe es, abgesehen von der gelegentlichen Schlägerei, Zusammenhalt.
„Wir wissen, dass es Menschen gibt, die im Freien schlafen“, sagt die Regensburger Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer zur Lage am Bahnhof. Es gebe aber auch Hilfsangebote: „Niemand wird abgewiesen, wenn er ein Dach über dem Kopf sucht.“
Rund um den Bahnhof wird es langsam dunkler, Taxis stehen Schlange, um Nachtschwärmer aufzugabeln. Busse fahren ab, E-Scooter schießen an Passanten vorbei. Im Fürst-Anselm-Park gegenüber Steves Park patrouillieren im grellen Licht Polizeibusse. Der Park am Peterskirchlein ist dunkel. Um elf Uhr steht Steve schwankend am Bahnhofsvorplatz und beharrt auf seinen 50 Euro, Bundespolizei hin oder her.

Matthias Antholzer
50 Euro oder Kamera weg: Steve wird für einen Moment aufdringlich gegenüber einem Reporter.
Doch plötzlich abgelenkt, fängt er an, von seinem „Liebchen“ zu schwärmen, von Giuseppe. Giuseppe steht neben ihm und wirkt völlig weggetreten. „Den lieb ich“, erklärt Steve heiser und gibt Giuseppe einen Kuss auf den Kopf. Wie der Abend für Steve weitergeht? „Ich trink jetzt erst einmal noch ’ne Flasche Wodka und häng mit meine Leit ab.“ Geschlafen wird wie immer nicht viel: „Ich schlaf vielleicht zwei, drei Stunden und dann bin ich schon wieder auf die Beine.“ Mit seiner Truppe torkelt er Richtung Park und verschwindet in der Dunkelheit zwischen den Bäumen.






















