Spurensuche
Auf der Suche nach den verschollenen Bierkellern Straubings

Stefan Wintermeier/Alte Romantiksau Fotografie
Ein Gang in der Dietl-Brauerei. Das Gebäude einschließlich des Kellers steht heute unter Denkmalschutz.
Ihre Mauern atmen Geschichte. Es scheint, als klebe in jeder Ritze noch ein Tropfen Bier. Die Bier- beziehungsweise Lagerkeller von Straubing - stille Zeugen einer längst vergangenen Braukultur. Viele dieser unterirdischen Räume sind heute vergessen, verschlossen oder bereits verschwunden. Wir haben einige dieser geheimnisvollen Orte, verborgen unter dem Alltagslärm der Stadt, besucht.
Der Eingang zum historischen Keller des Restaurants Sommerkeller ist unscheinbar. Die Tür, ein flacher Deckel, wie der eines langgezogenen Sargs. Dieser liegt verborgen im Boden, direkt neben der Küche. Ein elektrisches Licht taucht den schmalen, geschwungenen Gang in fahles Gelb. Ein Netz aus Spinnweben spannt sich über den Weg - der Abstieg, ein Hindernislauf in die Tiefe, beginnt.
Jede Stufe, eine Stolperfalle: ungleich, schief, vom Alter gezeichnet. Jeder Schritt bedeutet ein Eintauchen in eine Wolke aus modriger Luft und Feinstaub, der bröckelnden Wand. Jeder Streifen der Wand zeichnet ein Tattoo aus weißem Kalk und einen dünnen Film Wasser auf der Haut. Zwei steinerne Wendeltreppen geht es hinab - immer tiefer in die Unterwelt Straubings.
Ein Zeitzeuge erzählt von der Arbeit in der Brauerei
Von dem Duft aus Malz, der sich einst über Straubing hielt, ist im Sommerkeller nichts mehr zu riechen. „Das ist ein ganz intensiver Geruch“, erzählt Alois Mittermaier. Der 86-Jährige ist der Sohn eines Brauburschen, der 50 Jahre für die Redlbacher-Brauerei gearbeitet hat. Der Vater leistete schwere körperliche Arbeit, um Bier zu brauen. Vor allem die Kälte im Keller sei dabei ein Problem gewesen. Der Temperaturwechsel von draußen nach drinnen erschwerte die Arbeit.
Anders als sein Vater ist Mittermaier nie in einem solchen Keller gewesen. Er war Beobachter des Ganzen. Sein Vater stammte aus einer Großfamilie von einem kleinen Bauernhof. „Er hat natürlich bald einen Beruf erlernen müssen, den des Brauburschen“, sagt er. Nach seiner Kriegsgefangenschaft arbeitete er ab 1945 als Lieferant in der Redlbacher-Brauerei.
Einen Betrieb, den es heute nicht mehr gibt - ihr Bier- und Lagerkeller längst zugeschüttet. Im Jahr 2020 liefen die Abrissarbeiten. Heute ist dort ein Parkplatz. Der Keller längst verschwunden. Nur in Erzählungen lebt dieser weiter.
„Der Redlbacher Keller war der Keller“, sagt Werner Schäfer, dritter Bürgermeister der Stadt Straubing. Ein Ort, den in Straubing viele kannten und den trotz allem ein trauriges Schicksal ereilte: „Die Leute sind nicht mehr hingegangen“, erzählt Schäfer.
Bierkeller diente im Krieg als Luftschutzbunker
Die Keller dienten zumeist einfach als Lagerräume; das Bier wurde in den Brauereien am Stadtplatz gebraut. Diese unterirdischen Räume lägen teilweise zwei Stockwerke unter den Straßen der Stadt. „So viele gibt es ja nicht mehr“, sagt Dr. Stefan Maier, Vorsitzender des Historischen Vereins Straubings. Wofür die unterirdischen Räume heute genutzt werden, darüber kann der Historiker nur spekulieren: „Vielleicht sind sie Lagerräume, vielleicht sind sie ungenutzt.“ Einige Keller seien durch Bauprojekte zugeschüttet worden. Wo heute die Tiefgarage des Theresiencenters ist, war früher der Bierkeller der Brauerei Neumaier. „Das war ein supertoller, ziegelgemauerter Bierkeller“, erzählt er schwärmend.
Die Keller aufzuspüren ist sowohl ein Wettlauf gegen die Zeit als auch eine Herausforderung, weil es kein zentrales Register gibt. Bei der Suche nach diesen verborgenen Orten lauern immer wieder Überraschungen. Der Keller der ehemaligen Krieger-Brauerei diente etwa zunächst als Bierlager und wurde später im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker genutzt.
Eiskeller erfüllten wichtige Funktion
Versteckt unter einem Wohnhaus, dessen genaue Adresse geheim bleiben soll, erstrecken sich die gigantischen Räume. Sie wirken wie eine Lagerhalle, verteilt auf mehrere Kammern, nur eben zwei Stockwerke tief unter den Straßen der Stadt.
In der Luft liegt eine metallische Duftnote. Ursache sind vermutlich die vielen eisernen Elemente, deren Rost bereits bröckelt: der Lastenaufzug, die Wasserpumpe oder die Sprossen an der Wand, über die man einst von der Straße aus direkt in den Bunker gelangte. Wer am Fuß dieser Leiter steht, meint, das Rattern militärischer Fahrzeuge über der Straße und das Surren von Flugzeugen zu hören.
Neben der mehrstöckigen Tiefe der Kellerräume sorgte ein Eisraum für Kälte. Dort lagerten die Brauereien große Eisblöcke. Über einen Schacht oder eine Rutsche befüllten die Brauereiarbeiter den Keller von außen, erklärt Maier. Eine enge Schichtung bewahrte die Kälte möglichst lange und verlangsamte das Schmelzen. Der Raum fungierte so wie eine natürliche Kühlkammer: Die kalte Luft wurde über Schächte oder Kanäle in die benachbarten Lagerräume weitergeleitet.
Diese Technik zur Bierlagerung kam erst ab dem 19. Jahrhundert großflächig zum Einsatz, erklärt Maier. „Mit Eis kann ich dann auch häufiger brauen.“ Denn ursprünglich war das Brauen auf die Wintermonate beschränkt. Zwar gab es Kühlgeräte bereits in den 1880er-Jahren, in Straubing setzten die Brauer weiterhin auf Eiskeller - oft aus Kostengründen.
„Brauereisterben“ setzte ab 1880er-Jahren ein
Das Eis dafür stammte aus dem Eisweiher bei der Dietlbrauerei. Diesen Prozess hat Bürgermeister Schäfer noch als kleiner Junge beobachtet: „Ich kann mich erinnern, als kleiner Bua, dass da immer wieder so Eiszeug durch die Gegend marschiert ist“, erzählt er - in seiner Stimme ein Tropfen an Nostalgie.
Brauereien gab es in Straubing zu Höchstzeiten rund 23 Stück - so die Rede. „Das ist manchmal auch nur Blämpel und Kleinzeugs gewesen“, sagt Maier. Doch dann setzte das sogenannte „Brauereisterben“ ein. Es wurden immer weniger Brauereien. Dieser Prozess begann laut Maier ab den 1880er-Jahren aufgrund der Gewerbefreiheit. Größere Brauereien verfügten so über moderne Kühltechnik und finanzielle Mittel, um kleinere Betriebe aufzukaufen. Die erworbenen Gebäude beinhalteten auch wertvolle Braurechte, die teilweise „auf den Keller gelegt“ - also auf außerhalb der Stadt gelegene Lagerkeller. Dort konnte dann kostengünstig Bier ausgeschenkt werden.
Ein einengendes Gefühl entsteht in keinem der verlassenen Bierkeller - erst recht nicht in dem der ehemaligen Dietl-Brauerei. In der Regensburger Straße verbirgt sich eine der gigantischsten Kelleranlagen: mehrere große Lagerhallen, metergroße, halbmondförmige Vorrichtungen für Bierfässer, die wie vergessene Soldaten aufgereiht sind. Die Luft ist fast angenehm - Filter sorgen für ein konstantes Raumklima - anders als im Sommerkeller.
Die beiden Keller - sie waren einst eine Einheit. Während der Eingang des Sommerkellers das Gefühl eines Sargs anklingen lässt, imponiert der geräumige Eingang des Nachbargebäudes: Hier wird deutlich, dass die Braukultur und ihre Keller einst prächtig waren. Heute liegt diese verborgen unter einer Staubschicht.
Weiters Bildmaterial...
... und noch mehr Keller sowie eine interaktive Website kann unter https://straubings-unterwelt.pageflow.io/bierkeller abgerufen werden.



















