Kunst des Vandalismus

Illegale Graffiti in Regensburg: Einem Sprayer auf den Fersen

Er malt im Verborgenen, doch seine Bilder sieht die ganze Stadt. Unterwegs mit einem Sprayer durch Regensburg, der für ein Graffiti auf der Garagenwand seine Zukunft aufs Spiel setzt.

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Max trägt dunkle Kleidung, über dem Gesicht eine FFP2-Maske. Er will unerkannt bleiben. Doch im Licht der Straßenlaternen kommt selbst der kleinste Farbklecks auf der buttergelben Wand zum Vorschein.

Max trägt dunkle Kleidung, über dem Gesicht eine FFP2-Maske. Er will unerkannt bleiben. Doch im Licht der Straßenlaternen kommt selbst der kleinste Farbklecks auf der buttergelben Wand zum Vorschein.

Die schwarze Gestalt kommt, wenn Regensburg das Licht ausknipst. Auch in dieser Samstagnacht. Es ist kurz nach halb drei, der Weinweg schläft - nur hinter einem Fenster brennt Licht. Ein Mann steht in seiner Küche und schnippelt. Draußen drückt der Maskierte mit seinem Finger auf eine Spraydose. Orangefarbener Nebel presst sich mit einem Zischen aus der Dose und verfärbt die buttergelbe Garagenwand neben dem Mietshaus. Der Maskierte heißt Max (Name von der Redaktion geändert). Und wird jetzt wieder zum Straftäter.

Was für den maskierten Sprayer Kunst ist, ist für den Rechtsstaat ein Delikt: Sachbeschädigung, Vandalismus, sogar Hausfriedensbruch - jedenfalls, wenn das Graffiti auf einem Privatgrundstück ist. Dazu kommen Strafen und Schadensersatzforderungen, wenn der Sprayer ertappt wird.

Wie schwer das für die Polizei ist, zeigt sich auch in dieser Nacht: Der Mann in der Küche wäre der perfekte Zeuge - schaut er nach rechts aus seinem Fenster Richtung Straße. Doch er starrt auf seinen Herd, während Max die Garagenwand besprayt. Sie sind keine zehn Meter voneinander entfernt, doch begegnen sollen sie sich in dieser Nacht nicht.

Früher malte er Zeichnungen mit Bleistift. Heute ist es Sprühfarbe

Max ist den Ermittlern schon oft entwischt, die Polizei hat ihn wohl nicht auf dem Schirm. Er führt ein unverdächtiges Doppelleben: nachts Sprayer, tagsüber Student. Der Mittzwanziger hat einen Job, eine Freundin. Für Kunst interessiert er sich schon als Kind, am liebsten malt er Bleistiftzeichnungen. Bis er als Jugendlicher zum ersten Mal eine Spraydose in die Hand nimmt. Ein Freund überredet ihn, gemeinsam Sprayen zu gehen. Erst sind es Holzplatten, bald werden die legalen Flächen uninteressant. Die Wand eines Regensburger Sportplatzes ist sein erstes Ziel. Heute sind seine Graffiti in ganz Regensburg zu finden.

Graffiti-Kenner führt zu seinen Lieblingsspots in Regensburg

Seit er sprayt, schaut Max mit einem anderen Blick auf Regensburg. Malt er nicht selbst Graffiti, verfolgt er, was andere Sprayer in der Stadt gemalt haben. In einem Rundgang mit unserer Mediengruppe führt er zu seinen Lieblingsgraffiti. Sie sind zwar frei zugänglich, aber illegal gesprayt. Hier geht es zur interaktiven Karte.

Max wirkt eher zurückhaltend als rebellisch, wie jemand, der bei Partys lieber im Hintergrund steht. Doch beim Sprayen will er auffallen. Er will der Stadt seinen Stempel aufdrücken, ihr seine Motive aufsprühen. Dass er dabei das Eigentum anderer beschädigt, nimmt er in Kauf. Er könne schon nachvollziehen, „warum jemand, der seit zehn Jahren da wohnt und immer auf dieselbe gelbe Wand geschaut hat, dann sauer ist“. Doch der Frage nach der Verantwortung weicht er aus: Sachen, die Leuten etwas bedeuten, besprühe er nicht, darauf achte er schon beim Auswählen, sagt er. „Aber bei Garagentoren zum Beispiel ist es mir relativ egal. Die sind schnell gereinigt. Wenn sie wollen, dass die Garage sauber ist, ist das ihr Problem.“ Für Max zählt seine Kunst – und die sei nicht nur ein Bild auf der Wand. Der Weg dorthin gehört für ihn genauso dazu. „Wie komme ich an den Spot? Wie werde ich nicht erwischt?“ Das fasziniert ihn am Graffiti.

Selbstverwirklichung, Aufmerksamkeit, Gemeinschaftserlebnis – wer sich mit Sprayern unterhält, hört diese Motive immer wieder. Manche wohnen bis zu 100 Kilometer entfernt und kommen extra zum Sprayen nach Regensburg. Die Domstadt gilt in der Szene als Graffiti-tolerant. Hinweise dafür gebe es laut der Sprayer mehrere: Manche Bilder seien nach 25 Jahren immer noch zu sehen.

Die Polizei hat ihre Sonderkommission für illegale Sprayer aufgelöst, die Stadt immer mehr Freisprühflächen ausgewiesen. Das Rathaus sieht in den Graffiti nicht nur Schmierereien. Sie akzeptieren die Kunstform - solange nur auf legale Wände gesprüht wird. Alles andere wird angezeigt. Ist Regensburg also ein Sprayerparadies? Fragt man professionelle Sprayer, winken viele ab. Regensburg gelte in der Szene als Anfängerstadt, der Platz sei rar und hochwertige Bilder sowieso. Und noch etwas stört den Schein vom Paradies: Wenige ältere Sprayer beanspruchen die legalen Flächen für sich, heißt es. Der vermeintliche Gemeinschaftsgeist scheint eher in der Theorie zu existieren: Die Szene scheint zersplittert, man sprüht in kleinen Gruppen, abgeschottet. Das Misstrauen, andere Sprayer könnten bei der Polizei petzen, ist groß.

Doch was macht dann den Reiz für die Sprayer aus? „Häufiges Motiv für Graffiti ist dieser Erlebnischarakter, dass sich die Sprayer bewusst in die Gefahr begeben, erwischt zu werden“, sagt Thomas Mielzarek vom Landeskriminalamt Berlin. Seine Ermittlungsgruppe zählt zu den Experten bei der deutschen Polizei. Sie jagen die Sprayer, die mit ihren Graffiti mehrere Tausend Euro Schaden anrichten - an Zügen, Bussen oder Hausfassaden. Ein weiteres Motiv sei der Wunsch nach Anerkennung. „Viele in der Szene haben den Anspruch, mit ihren Graffiti Ruhm zu erlangen.“

Für Max geht es in dieser Samstagnacht nicht um Ruhm; er will provozieren. Für die Garagenwand im Weinweg hat er sich die Grafik „Hier bitte Text einfügen“ überlegt. Für ihn ist es ein Witz, der den Blick der Passanten einfangen soll. Inzwischen sprüht er seit 15 Minuten. Jedes Mal, wenn er mit seinem Finger auf die Dose drückt, zischt es wie aus einem geplatzten Fahrradreifen. Eine beißende Duftwolke liegt über der Straße, auf der Wand sind nur die Umrisse „Text“ in oranger und pinker Farbe zu sehen.

Inzwischen sprüht Max seit 15 Minuten, auf der buttergelben Wand sind nur die Umrisse „Text“ in oranger und pinker Farbe zu sehen.

Inzwischen sprüht Max seit 15 Minuten, auf der buttergelben Wand sind nur die Umrisse „Text“ in oranger und pinker Farbe zu sehen.

Dann flackern zwei Lichtkegel am Ende der Straße, ein Taxi fährt auf Max zu. Doch sein Blick haftet an der Wand. Er sprüht noch einige Sekunden, dann schnappt er sich seinen Jutebeutel mit Spraydosen. Wie ferngesteuert verschwindet er hinter einem Kellerabgang ums Eck. Mit einem Funkgerät ist er mit seinem Kumpel in Kontakt. Der steht auf der anderen Straßenseite Schmiere, beobachtet die Häuser und den Weinweg. Mehrmals schickt er Max in dieser Nacht in sein Versteck, immer wieder werden sie von Autos und Radlern gestört. Allesamt mögliche Tippgeber für die Polizei. Doch die beiden wirken gelassen. „An einem Samstag kann man schon mit solchen Unterbrechungen rechnen, das ist alles im Rahmen“, sagt Max, sein Kumpel nickt.

„Sind die Scheinwerfer LEDs, ist es zu 90 Prozent die Polizei“

Ihre Aufgaben sind klar verteilt: Max sprayt, sein Kumpel beobachtet. Besonders die Hausfenster und Autoscheinwerfer seien wichtig. „Sind sie LEDs, ist es zu 90 Prozent die Polizei“, sagt der Kumpel. Über dem Gesicht trägt er eine Sturmhaube. Die Maske ist nicht ihre einzige Vorsichtsmaßnahme: Fahrräder und Rucksäcke liegen rund 50 Meter weg in einem Gebüsch. Die Spraydosen sind mit Desinfektionsmittel eingerieben, Max trägt schwarze Gummihandschuhe.

Ein Bierträger aus Pappe hält die Dosen beisammen.

Ein Bierträger aus Pappe hält die Dosen beisammen.

Wie wichtig gute Vorbereitung ist, erlebt Max als Jugendlicher. Er packt damals mit seinem Freund gerade die Sprühdosen zusammen, als ein Streifenwagen vorbeifährt. Die Jungs rennen sofort über einen nahe gelegenen Sportplatz. Doch die Flucht ist zwecklos: Am Ausgang wartet bereits die Polizei, mehrere Autos rasen mit Blaulicht zum Tatort. In Handschellen und in verschiedenen Autos kommen die beiden auf die Polizeiwache.

Kriminalhauptkommissar Mielzarek verwundert dieses Vorgehen nicht. „Melden Anwohner ein Dosenklackern, fährt die Polizei auf jeden Fall hin.“ Ziel sei es, die Sprayer auf frischer Tat zu ertappen. Laut Mielzarek „meist der erfolgversprechendste Weg“, um Sprayer aufzuspüren. Gelingt das nicht, wird ermittelt. Ausgangspunkt ist, wie bei anderen Straftaten auch, der Tatort. Die Ermittler sichern Spuren, vernehmen Zeugen, sammeln Beweismittel. Was, wenn sie zurückgelassene Spraydosen oder ein Skizzenbuch finden? Lassen sich Sprayer anhand anderer Graffiti überführen? Mielzarek nickt. „Das kommt aber sehr auf den Einzelfall an und entscheidet sich letztlich bei der Gerichtsverhandlung“, sagt er.

Sprayer sind laut Polizei zu 80 Prozent jung und Männlich

In Regensburg erfasste die Polizei im vergangenen Jahr knapp 300 illegale Graffiti im gesamten Stadtgebiet, Schwerpunkt sei die Altstadt. Ob Sportbezug wie SSV-Jahn-Schriftzüge oder politische Schriften, es gibt keine Tendenz. Bei den Tätern dagegen schon, sie seien zu 80 Prozent jung und männlich. Viele von ihnen landen nach den Ermittlungen vor Jugendrichter Christian Ehrl. Am Regensburger Amtsgericht verhandelt er auch Graffitistraftaten. Werden sie gefasst, droht Wiederholungstätern bis zu mehreren Wochen Jugendarrest. Die Höhe der Strafe hängt davon ab, wo das Graffiti hingesprüht wurde. „Ein Graffiti an einem Brückenpfeiler zum Beispiel wird meistens weniger bestraft als eines an einem Privathaus.“

Ein Eintrag ins Führungszeugnis sei bei einmaligen Graffitidelikten zwar selten, ihre Zukunft können sich die Jugendlichen damit trotzdem verbauen. Werden sie von den Betroffenen etwa auf Schadensersatz verklagt. Die Summen liegen schnell bei mehreren Tausend Euro pro Graffiti, Schadensersatzanspruch haben die Geschädigten bis zu 30 Jahre nach der Tat. „Der Geschädigte könnte also theoretisch darauf warten, dass der Schuldige eine Ausbildung fertigmacht und danach das ganze Geld einfordern, das der Jugendliche zuvor nicht zahlen konnte“, sagt Ehrl.

Seine Eltern wissen von dem illegalen Hobby - trotzdem macht er weiter

Max wurde für sein damaliges Graffiti zu Sozialstunden verurteilt. Verändert hat das seine Einstellung zum Sprayen nicht. „Es war mir von Anfang an klar, dass so was passieren kann. Ich kannte auch die Konsequenzen.“ Seit dem Gerichtsverfahren wissen auch seine Eltern von seinem illegalen Hobby. „Ganz am Anfang“ wollten sie ihn überzeugen, dass es falsch ist, fremdes Eigentum zu besprühen. Mittlerweile stünden sie „relativ offen dazu“. Warum genau, kann er nicht sagen. „Ich habe noch nicht ausführlich mit ihnen darüber geredet. Aber ich kann mir vorstellen, dass sie schon ein paarmal Graffiti gesehen haben, die sie schön finden.“

Hinter dem Fenster bei dem möglichen Zeugen im Weinweg brennt noch immer Licht. Max sprüht mit ruhigen Händen, sein Blick haftet an der Farbe. Mit kurzen Sprühstößen malt er rote Kreise in die Buchstaben. Er geht drei Schritte zurück und betrachtet sein Werk. Dann schaut er nach links. Erschrocken reißt er seine Augen auf. „Chef, da hinten kommen Leute“, zischt er ins Headset. Mehrere Hundert Meter entfernt nähern sich zwei Gestalten. Sie gehen auf Max zu. Haben sie ihn entdeckt? Max packt seine Dosen und wirft sie in einen Beutel. Ohne zu schauen, rennt er über die Straße, schnappt sich sein Rad und flüchtet in die Nacht; sein Kumpel hinterher. Kurz darauf gehen die beiden Passanten, vor denen Max flüchtet, an der buttergelben Garage vorbei. Doch das Graffiti direkt daneben scheint ihnen nicht aufzufallen. Sie hätten der Polizei den entscheidenden Hinweis geben können. Doch nicht in dieser Nacht. Nach rund 20 Minuten sind die beiden nirgends mehr im Weinweg zu sehen - und, wichtiger: keine Polizei. Jetzt traut sich Max wieder mit seinem Kumpel aus dem Versteck. Mittlerweile ist es nach drei Uhr. „Wir glauben nicht, dass das das große Ding war. Wenn die Cops Graffiti hören, rasen sie in zehn Minuten her“, sagt sein Kumpel.

„Hier bitte Text einfügen“ - dieses Motiv hat Max auf die Garagenwand im Weinweg gesprüht. Es soll die Blicke der Passanten einfangen.

„Hier bitte Text einfügen“ - dieses Motiv hat Max auf die Garagenwand im Weinweg gesprüht. Es soll die Blicke der Passanten einfangen.

Darum setzen sich andere Sprayer für ein Graffiti ein Zeitlimit von maximal acht Minuten. Sie glauben, dass das die Zeit ist, die die Polizei von der Alarmierung bis zum Tatort braucht. Die Beamten bestätigen diese angebliche Anfahrtszeit nicht. „Wenn wir den Hinweis auf ein illegales Graffiti kriegen, fährt der nächste freie Streifenwagen schnellstmöglich hin“, sagt ein Sprecher der Polizeiinspektion Regensburg-Süd.

Max steht inzwischen seit einer Stunde an dem Bild, eine halbe hatte er eingeplant. Kein Vergleich zu der Zeit, die sein Bild die Eigentümer beschäftigt. Die Tiefgarage am Weinweg gehört einer Eigentümergemeinschaft. Verwaltet wird sie von Helge Groth. Seine Firma Regensburg Immobilien betreut rund 60 Eigentümergemeinschaften. Für ihn sind Graffitis ein Dauerärgernis, vor allem in der Altstadt. „Graffiti sind Sachbeschädigung und werden von uns bei der Polizei angezeigt.“ Was konkret mit dem Graffiti von Max passiert, entscheidet nicht Groth, sondern die Eigentümergemeinschaft. Dass das Graffiti bleibt, schließt er aber nicht aus. „Nicht, dass wir die Fassade streichen, und dann ist das nächste Graffiti drauf.“

Max würden sie dadurch jedenfalls nicht verjagen. „Mich schreckt das nicht ab, da wieder was hinzumachen.“ Seine Bilder sind auf Brücken, Unterführungen, Altglascontainern - und nun auf der buttergelben Garagenwand. Es ist halb vier, der Weinweg schläft. Max verschwindet, seine Farbe bleibt.

Dieser Artikel mit Podcast entstand als Teil des Volontärsprojekts 2025 der Mediengruppe Attenkofer. Das Volo-Projekt ist Teil der zweijährigen Ausbildung zum Redakteur. Losgelöst vom Redaktionsalltag beschäftigen sich die Volontäre unter Anleitung von erfahrenen Redakteuren mit einem Schwerpunkt-Thema. In früheren Projekten waren etwa eine Website rund um das Volontariat und ein eigener Instagram-Kanal der Volos das Ergebnis des Volo-Projekts.

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