Leben nach Verlust
Alterseinsamkeit: Ein 82-Jähriger aus Sankt Englmar kämpft gegen die Stille an

Hannah Sochor
Ludwig Schmidt an einem seiner Lieblingsorte in Sankt Englmar. Oft geht er alleine im Wald Heidelbeeren sammeln oder spaziert an den nahe gelegenen See.
Die Hände erdig, das Hemd fleckig. Ludwig Schmidt schaut sich in seinem Garten um. 30 Grad, keine Wolke. Ein heißer Julitag. Das Unkraut wuchert, die Radieschen lechzen nach Wasser, viel zu tun. Aber Schmidt ist kein Mann, der Arbeit scheut. Im Gegenteil. Jeden Tag steht der 82-Jährige um 5.30 Uhr auf, jätet Unkraut, richtet Beete, sät Rüben. Im Sommer zwölf Stunden am Tag, im Winter, solange es das Wetter zulässt. Die Arbeit fällt ihm schwer und das sei gut so, versichert er. Denn Schmidt ist einsam. Und sein Garten oft sein einziger Halt.
Unsere Redaktion hat Schmidt von Juli bis Weihnachten begleitet. Seine Geschichte erzählt von Schicksalsschlägen, dem Lauf des Lebens und einem Mann, der sich nicht aufgibt.
Manchmal weiß Schmidt schon beim Aufstehen: Heute wird schwer. Doch meistens kommt die Einsamkeit erst nach Sonnenuntergang. Stülpt sich über ihn, unvermittelt, bis nur noch Leere da ist. Und dieses dumpfe Ziepen in der Brust. „Wie ein stummer Schrei nach Liebe“, beschreibt Schmidt. „Man möchte, dass einen einfach mal jemand drückt.“
Wenn es wieder so weit ist, plagt er sich im Garten, lenkt sich ab. Aber manchmal reicht die Arbeit nicht. Dann nimmt Schmidt Stimmungsaufheller, Psychopharmaka oder „Hirntabletten“ und „Gemütserleichterer“, wie er es nennt.
Schmidt ist kein Einzelfall. Alterseinsamkeit ist weit verbreitet. Je nach Studie ist die Rede von 15 bis 30 Prozent aller Menschen über 65 Jahren. In Bayern wären das knapp 430.000 Menschen. Eine genaue Zahl gibt es nicht, weil sich viele Betroffene schämen. Von seinem Schicksal erzählen will kaum jemand. Nicht so Schmidt. Er weiß, dass andere auch so fühlen und dass darüber sprechen, helfen kann.
Auf den Stufen zu Schmidts Haus in Sankt Englmar im Kreis Straubing-Bogen liegt Werkzeug verteilt. Rechen, Besen und Rankstäbe warten auf ihren Einsatz. Die abgestreifte Gartenkluft ruht über einem Stuhl. Im Flur lagert frisch gebackenes Brot neben einem halbvollen Suppentopf. Schmidt macht vieles selbst und vieles kommt aus seinem Garten, darauf ist er stolz. Im Wohnzimmer stehen Arbeitsschuhe zusammengepfercht auf einer Fußmatte, daneben ein Labyrinth aus Stapeln von Gartenzeitschriften. Sein Reich.
Früher hat er hier mit seiner Frau gelebt. 45 Jahre war das Paar zusammen. Die beiden lernen sich bei der Arbeit in der Kirche kennen. Sie ist Lehrerin, er Gärtner. „Wir haben viel gemeinsam gehabt“, erinnert sich Schmidt. Oft unterhalten sie sich über den Bayerischen Wald, Politik, Geschichte, Literatur. An schönen Tagen gehen sie zusammen wandern.
Seine Frau musste er alleine beerdigen
Doch seine Frau leidet an einem Darmvorfall. Deshalb kann das Paar keine Kinder bekommen, und deshalb trägt sie Verbände, verliert Wasser am ganzen Körper und braucht jeden Tag ein frisches Bett. Schmidt pflegt sie acht Jahre lang. Er kocht für sie, füttert sie, kümmert sich um den Haushalt. „Diese acht Jahre waren hart“, sagt er, so nüchtern, als ginge es darum, wie viel Wasser seine Lupinen im Vorgarten brauchen. Aber immer wieder senkt er beim Sprechen den Blick und hält inne.
Eine Woche vor Weihnachten 2020 füttert Schmidt seine Frau ein letztes Mal. „Des war aber guad“, lobt sie noch die von ihm gekochte Suppe. Nach dem Essen liegt sie auf dem Sofa, er sitzt daneben am Tisch. Als er nach ein paar Minuten wieder nach ihr sieht, sei all der Schmerz, all die Anspannung, all das Leid aus ihrem Gesicht gewichen. „Mei“, habe er sich gedacht, „30 Jahre jünger sah sie auf einmal aus“. Und so friedlich. Dann fängt Schmidt an zu funktionieren. Er meldet der Gemeinde den Sterbefall, sucht den Sarg aus, organisiert die Bestattung. Wegen der Corona-Pandemie steht er alleine am Grab seiner Frau.
Fünf Jahre später weht an ihrem Todestag ein eisiger Wind auf dem Friedhof. Schmidt ist stark erkältet, hartnäckiger Husten quält ihn. Seine Frau besucht er trotzdem. „Ich glaub’ schon, dass sie im Himmel ist“, sagt Schmidt und nickt wie zur Bestätigung, den Blick auf seinen Händen.
Die Pflege seiner Frau habe ihm eine Aufgabe gegeben und seinem Leben einen Sinn. Für Schmidt beginnt nach ihrem Tod ein neues Leben. Eines, das alleine stattfindet, eines, ohne Aufgabe, eines, in das er, ohne es zu merken, hineinschlittert.
Im folgenden Frühjahr habe ihn die Einsamkeit schleichend und still übermannt. Und sie sei immer mächtiger geworden. „Je länger es her ist, umso mehr geht mir meine Frau ab“, erklärt Schmidt.

Hannah Sochor
Blick in Schmidts Wohnzimmer: Auf diesen Regalen bewahrt der 82-Jährige die Fotos seiner Liebsten auf.
Jetzt, im Winter, ist für ihn die schwerste Zeit des Jahres, denn dann kann er nicht von früh bis spät im Garten werkeln. Der Garten ruht, er wird selten gebraucht. Also liest er. Über Paulus und seine Welt von Stephen Tomkins oder den Zweiten Weltkrieg von Winston Churchill. Auch am Heiligabend, den er alleine verbringt. „Ich hab ja meine Bücher.“ Aber die Einsamkeit sickere immer wieder durch und „man kann ned allerwei nur lesen“, stellt er resigniert fest.
Im Wohnzimmer steht eine Kommode mit Bildern. Auf manchen strahlen Kinderaugen in die Kamera, auf anderen lacht Schmidt mit Freunden und Verwandten. Alle verblichen. Auf einem zweiten Regal thront ein Bild seiner Frau, die mit kurzen Haaren und Brille in die Kamera lacht. Daneben Fotos von Freunden, manche lächelnd, andere ernster. „Die sind alle tot“, murmelt Schmidt mit einem Achselzucken. Seinen letzten Schulfreund hat er 50 Jahre nicht mehr gesehen. Aber sie telefonierten regelmäßig. Im April rief Schmidt wieder bei ihm an. „Gestorben“, kam am anderen Ende von dessen Frau zurück. Jetzt ist Schmidt der Letzte aus seiner Klasse. Er stockt beim Erzählen. „Das tut schon weh.“
Der Kontakt zu den Stiefbrüdern brach ab
Mit seinen Stiefbrüdern hat Schmidt vor Jahren das letzte Mal Kontakt gehabt. Damals sind die Geschwister an den Planungen für die Jubiläumsfeier ihres Heimatortes beteiligt. Und geraten dabei aneinander. Die Brüder, die sich so viel Mühe mit dem Festprogramm gegeben haben, und Schmidt, dem die historischen Fakten fehlen und der es deswegen „primitiv“ findet. Seitdem ist Funkstille. Dabei sei Schmidt bei seiner Kritik nicht mal grob gewesen. „Wir sind zu verschieden“, folgert er, das habe irgendwann kommen müssen. Aber das wird schon wieder, meint er.
Früher ist Schmidt mit einer Gruppe aus Sankt Englmar öfter zum Kurbach runter, aber „jetzt wollen die auch nicht mehr“, bedauert er. „In Englmar will keiner den Fuß heben.“ Anschluss zu finden, fällt ihm hier schwer, meint Schmidt. Die meisten Leute im Ort hätten ganz andere Interessen als er, die würden sich so viele Gedanken über Materielles machen. Er dagegen würde lieber über Politik diskutieren oder das Konzil von Nicäa. Aber das eine würde Menschen vergrämen und das andere niemanden interessieren.
Alle zwei bis drei Wochen kommt der Neffe von Schmidts Frau zu Besuch. Vor zwei Wochen sind die beiden nach Prag gefahren. „Schee war’s“, aber auch anstrengend. Vielleicht fahren die beiden nächstes Jahr wieder gemeinsam weg. Schmidt weiß es noch nicht genau, aber er freut sich. Ab und zu lädt er seine Nachbarin ein oder bringt jemandem einen Salatkopf vorbei. Und vier enge Freundinnen hat der 82-Jährige noch. Maria aus Sankt Englmar, Anna aus Blaibach, Christa aus München und Andrea aus der Lausitz. Er kennt sie alle seit mehreren Jahrzehnten, sie alle sind wie er verwitwet. Man schreibt sich Briefe, ruft sich an, muntert sich auf. Aber egal, wie oft er ihre Adresse auf ein Briefkuvert schreibt, egal, wie oft ihre Nummern auf dem Display erscheinen, „es bleibt immer so ein Hohlraum“.
Er habe oft das Gefühl, dass das Leben noch mehr bedeuten könnte, erklärt er mit einem Schulterzucken. „Aber mei, es hilft nix.“ Schmidt blickt nach draußen. Die Bäume kahl, der Boden frostig. Aber im Frühjahr wird er wieder Beete aufdecken, Gemüse säen, Unkraut jäten, viel zu tun. Schmidt lächelt. „Gut so.“
Der Einsamkeit entgegenwirken
Bernd Weigel ist Chefarzt der Abteilung für Alterspsychiatrie und -psychologie am Bezirksklinikum Mainkofen. Er rät, Einsamkeit schon möglichst früh vorzubeugen, indem man ein aktives Leben mit vielen Kontakten führt - wie „eine Basis, auf die man im Alter zurückgreifen kann.“ Denn je weniger Bekannte man hat, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass man einmal einsam wird. Sich mit Arbeit abzulenken, sei zunächst eine gute Strategie, erklärt Weigel. Aber Arbeit könne auf Dauer keine menschliche Nähe ersetzen.
Psychopharmaka seien ebenfalls keine langfristige Lösung, stellt Weigel klar. Einsame Menschen würden zwar häufig an Depressionen leiden, die medikamentös behandelt werden müssen. Nachhaltig helfe gegen Einsamkeit aber vor allem, dass man über die eigene Situation spricht und sich überlegt, wie man wieder Kontakt zu anderen Menschen bekommt. Weil Betroffene oft nicht von sich aus über das Thema sprechen wollen, empfiehlt der Chefarzt, offen auf Senioren zuzugehen. „Zum Beispiel kann man ältere Menschen regelmäßig anrufen und mit ihnen über ihre Alltagsnöte sprechen. Schon fühlen sie sich wahrgenommen – und weniger einsam.“ Erkennen können Angehörige Einsamkeit an einer Verschlechterung der Stimmung oder einem stetigen Rückzug.
















