Eine Nase Brauchtum

Auf den Spuren des Schmalzlers in Nieder- und Oberbayern

Der Schmalzler erzählt seine eigene Lebensreise - eine Chronik aus Erde, Schweiß und Rauch, die von den Feldern Südamerikas bis in die Nasenlöcher bayerischer Wettkämpfer führt.

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Die Teilnehmerin der Deutschen Schnupfmeisterschaften wartet darauf, geprüft zu werden. Ob sie am Ende die Nase vorn hat?

Die Teilnehmerin der Deutschen Schnupfmeisterschaften wartet darauf, geprüft zu werden. Ob sie am Ende die Nase vorn hat?

Das Waschbecken hinter dem Bierzelt wirkt wie ein Tatort. Zähflüssige Schmalzlerreste kleben am Edelstahl, vermischen sich dort mit Schleim und Speichel. Sechs Männer und Frauen in Lederhosen stehen prustend davor. Mit ernstem Blick spülen sie ihre Nasenlöcher aus, beugen sich über die Mülltonne, um den Rest auszuschnauben. Hier, bei der Deutschen Schnupfmeisterschaft im oberbayerischen Oberlauterbach, wird bayerisches Kulturgut zum Extremsport. Doch das war nicht immer so. Die Geschichte des Schmalzlers ist eine wilde Reise - von Tabakfeldern Südamerikas bis in die Nasen bayerischer Lederhosenträger. Ein braunes Gold, das zwischen Familientradition und nervenreizendem Exzess seinen Platz gefunden hat.

Schnupftabak-Dosen gleiten durch die Produktionshallen der Pöschl-Tabakfabrik.
Schnupftabak-Dosen gleiten durch die Produktionshallen der Pöschl-Tabakfabrik.
Schnupftabak-Dosen gleiten durch die Produktionshallen der Pöschl-Tabakfabrik.
Zähflüssige Schmalzlerreste kleben am Waschbecken.
Zähflüssige Schmalzlerreste kleben am Waschbecken.
Zähflüssige Schmalzlerreste kleben am Waschbecken.
Jeder Schnupfer nimmt eine Prise, ballt die Faust, stößt sie gegen die anderen.
Jeder Schnupfer nimmt eine Prise, ballt die Faust, stößt sie gegen die anderen.
Jeder Schnupfer nimmt eine Prise, ballt die Faust, stößt sie gegen die anderen.
Die Heiligtümer des Schnupfclubs
Die Heiligtümer des Schnupfclubs
Die Heiligtümer des Schnupfclubs

Die Geschichte des Schmalzlers beginnt weit weg von Bayern - unter der Sonne Brasiliens, auf Feldern, auf denen der Tabak gedeiht. Die Blätter werden nach der Ernte mit einer aromatischen Soße zu dicken Rollen verarbeitet, in der Erde vergraben und ein halbes Jahr lang gereift. Als sogenannte Mangotes reisen sie dann in Rinderhäute eingenäht über den Atlantik nach Geisenhausen im Landkreis Landshut. Dort entsteht in der Pöschl-Tabakfabrik seit über 120 Jahren Schmalzler - Bayerns wohl bekanntester Schnupftabak.

In der Fabrik hängt der Duft von Holz, Schokolade und Tabak in der Luft. Schwere Maschinen rattern, knacken, dröhnen. In einer Halle hacken sie Tabakblätter zu feinen Krümeln, in den nächsten portionieren Greifarme den Schmalzler in Dosen, die wie glänzende Schlangen über Förderbänder durch den Raum gleiten. Metallische Klack-Geräusche überlagern das tiefe Brummen der Motoren.

Schmalzler - gerieben auf betagten Wunderwerken

Auf einer Mühle werden die Rohtabake für den Schmalzler zerkleinert und mit einer gärenden Soße vermischt, bevor sie zweimal fermentieren. Es dauert Monate, bis der Tabak sein süßliches Aroma entfaltet. Anschließend wird er getrocknet und auf Reibstühlen - betagten Wunderwerken aus vergangenen Jahrhunderten - fein gerieben und mit Mangotes vermischt.

Zum Schluss wird er angefettet, damit man ihn schnupfen kann. Früher, sagt Geschäftsführerin Katharina Pöschl, wurde dafür Schmalz verwendet. Darum heißt der Schmalzler Schmalzler.

Einst, erinnert sie sich, gehörte das braune Pulver zum Alltag. Es steckte in jeder Lederhosentasche, war Begleiter zu jedem Anlass. Das leise Schnauben und Schniefen, die braunen Flecken im Schnurrbart gehörten dazu - im Wirtshaus, beim Geschäftsabschluss, selbst in der Kirche. „Die Pfarrer vorne haben während der Predigt geschnupft. Sie hatten sogar kleine Kammerl, in denen ihr Schnupftabak gelagert war”, sagt Pöschl.

Die Tradition hatte allerdings auch ihre dunklen Seiten: Es gab rabiate Varianten, bei denen Glaspartikel dem Schmalzler beigemischt wurden, um den Tabak schneller in den Körperkreislauf zu bringen, erzählt Prof. Dr. Thomas Kühnel, stellvertretender Direktor am Universitätsklinikum Regensburg.

Er kennt die Schattenseiten des Kulturguts. Beim Schnupfen wird das Nikotin sehr schnell und vor allem vollständig über die stark durchbluteten Schleimhäute aufgenommen, sagt er. „Im Gehirn entfaltet es seine Wirkung als Nervengift”, erklärt der Arzt. Es steigert Wachheit und Konzentration, kann aber gleichzeitig für Entspannung sorgen und Ängste lösen. Führende Institutionen stufen das hohe Suchtrisiko von Schnupftabak ähnlich dem von Zigaretten ein und warnen, dass die Schwere der Abhängigkeit sogar mit der von Heroin und Kokain vergleichbar ist.

Zudem enthält Schnupftabak krebserregende Stoffe - mindestens 28. Untersuchungen zeigen: Wer regelmäßig Schnupftabak konsumiert, könnte genauso gut 20 Zigaretten pro Tag rauchen. „Schnupfen ist keine harmlose Angewohnheit“, warnt Kühnel.

Und trotzdem lebt die Leidenschaft weiter. An einem verregneten Montagnachmittag sitzen vier Burschen Mitte 20 in ihrem Vereinsheim - einem kleinen Gartenhaus am Ortsrand von Hinterskirchen. Ein beschauliches Dorf, zu dem eine kleine, verschlungene Straße führt, die gemächlich vom Hauptverkehr abzweigt. Sie windet sich zwischen sanften Hügeln und weiten, gepflegten Feldern hindurch, bis sie den stillen Kern des Ortes erreicht.

Dort, in ihrer klapprigen Holzhütte, treffen sich die Burschen seit 2022 - und ratschen, lachen, schnupfen. Sie alle tragen Lederhosen und strahlen eine Gemütlichkeit aus, die man eigentlich eher von Mitte-Sechzigern mit buschigen Augenbrauen und „bassd scho“-Körperhaltung erwartet.

Nico Eglhuber und seine drei Spezln halten damit die Tradition ihrer Uropas am Leben. Diese gründeten 1954 den Schnupfclub, „und irgendwann in den 70ern haben sie aufgehört“ - die Familien wurden wichtiger. Nun lebt der Verein in Jungschnupfern weiter.

70 Jahre alter Schmalzler ist ein Schmankerl

Ohnehin ist die Tradition ihr Herzstück. „Wenn man nicht weiß, woher man kommt, weiß man auch nicht, wohin man gehen soll“, sagt Paul Pollner.

Stolz zeigt er auf den Vereinsaltar, eine Baumscheibe, auf der sich die nikotinhaltigen Schätze aneinanderreihen: bunte Keramikflaschen, seltene Plastikdosen und eine eigens angefertigte Schnupfmaschine. Hier liegt auch ein Stück, das Generationen verbindet: ein 70 Jahre altes Erbstück aus dem Fundus ihrer Urgroßväter. Der alte Schmalzler wird in einer Keramikflasche aufbewahrt und mit einem Holzpfropfen verschlossen. „Dieser Tabak ist wie ein guter Wein“, sagt Pollner und wiegt die Flasche mit Vorsicht in den Händen. Er und seine Freunde schnupfen die Rarität nur zu besonderen Anlässen: „Zum Beispiel, wenn jemand von uns heiratet“, sagt Nico Eglhuber.

An den übrigen Tagen bleibt’s bei den gewohnten Sorten - manchmal darf es sogar moderner Snuff sein. Selbst am Montagnachmittag sitzen sie am Tisch und schnupfen. Jeder nimmt eine Prise, ballt die Faust, stößt sie gegen die anderen. Kurz wirbelt feiner Staub durch die Lichtstrahlen, die durch die kleinen Fenster fallen. Statt „Prost” hallt ein kurzes „Pris” durch das Gartenhaus. „Unsere Uropas wären stolz auf uns”, sagt Eglhuber. An diesem Ort entsteht ein Moment der Zeitlosigkeit. Die Welt draußen eilt hektisch vorbei, doch hier feiern junge Männer eine Tradition, die älter ist, als sie selbst.

Etwa 60 Kilometer weiter lässt sich dieses heimelige Gefühl nur schwer erahnen. Im Zelt in Oberlauterbach feuert eine wilde Herde die Wettschnupfer lautstark an. Das Publikum kreischt und klatscht, die Luft vibriert vom Schnauben. Auf der Bühne rollen die Profis und Amateure die Dosen, wiegen das Pulver zwischen den Fingern, ziehen es in fließenden Bewegungen hoch. Während der Schmalzler in Hinterskirchen heimlich und ehrfürchtig bewahrt wird, rast er hier durchs Bierzelt: mit Show, Lärm und Ekstase. Pulver wirbelt, Schweiß glänzt auf den Stirnen der Teilnehmer, Augen blitzen vor Konzentration. Hier zeigt sich der Schmalzler von seiner wilden Seite.

„Schnupfer fertig machen, Dose öffnen - Achtung, fertig, los!“ Sechs Rücken biegen sich über die Holzdosen, Köpfe tief, Nasenflügel angespannt. Frauen und Männer, alt und jung, geübte Hände oder zitternde Finger, klappen die Deckel auf. Fünf Gramm bröseliger Schmalzler liegen bereit, warten darauf, gehoben, geschaufelt, in die Nasenlöcher geführt zu werden. Zeigefinger tauchen ein, schieben, stopfen. Tabak wandert in den linken Nasenflügel, vorbei an Bröseln, die innen kleben. Hochziehen - aber mit Gefühl: Sanft, präzise, gerade so, dass der Tabak haftet, ohne herauszufallen. Die Dosen der Teilnehmer leeren sich, die Nasenflügel färben sich braun, und der Pulverdunst liegt schwer in der Luft.

Wichtige Regel: Wer niest, fliegt raus

„45!“, ruft der Moderator. Nur noch 15 Sekunden, die Teilnehmer beschleunigen, Finger fliegen und kratzen noch einmal die allerletzten Reste aus den Dosen.

„Sauber, Basti-i-i!“ ruft eine Zuschauerin. „Fra-a-anz, du packst des!“ feuert ein Mann einen bärtigen Schnupfer an. Im Bierzelt mischt sich der Duft von feinem Tabak mit dem Stimmengewirr junger Teilnehmer Mitte 20 und erfahrener Veteranen, die das Kulturgut seit Jahrzehnten hochhalten.

Bunte Trikots blitzen durch das Bierzelt: Grün vom Hamburger Verein „Wer schnupft am schönsten“, Dunkelblau vom Team aus Nandlstadt, Weiß vom SV Oberlauterbach. Das Publikum jubelt, der Moderator ruft: „Aus!“ Zwölf Hände schießen in die Luft, sechs angespannte Rücken richten sich auf. Die braun gefärbten Nasen sind nun das Zentrum der Prüfung. Der Kampf gegen das Kribbeln beginnt: Wer niest, fliegt raus.

Die Schiedsrichter stapfen auf die Bühne: Ernste Gesichter, Notizblöcke in der Hand. Zwischen den Biertischen hält das Getümmel kurz den Atem an, während jeder Schwung, jedes sauber geschnupfte Körnchen unter kritischem Blick landet - jede Nase zählt.

Dann wird gerechnet, gewogen, abgezogen - Punkt für Punkt, Gramm für Gramm. In diesem Bierzelt messen sich 150 Teilnehmer am Schmalzler. Wer die höchste Punktzahl abräumt, so wenig wie möglich der bröseligen Masse übrig lässt und am saubersten schnupft, hat am Ende die Nase vorn und darf den Sieg feiern.

Zurück in Hinterskirchen scheint sich die Welt etwas langsamer zu drehen. Auch hier zählt jedes leise Röcheln, jede bedachte Nase. Doch nicht, weil ein Schiedsrichter die Regeln diktiert, sondern weil der Schnupftabak selbst etwas tief Sinnliches in sich birgt. Die Burschen sehen sich eben als die stillen Genießer. Sie lassen sich noch einmal eine Prise des braunen Goldes auf den Handrücken rieseln. Einatmen, ausatmen. Und dann kommt da dieses durchdringende Nasenkribbeln, das wohl ihre Urgroßväter bereits gespürt haben.

Dieser Artikel mit Podcast entstand als Teil des Volontärsprojekts 2025 der Mediengruppe Attenkofer. Das Volo-Projekt ist Teil der zweijährigen Ausbildung zum Redakteur. Losgelöst vom Redaktionsalltag beschäftigen sich die Volontäre unter Anleitung von erfahrenen Redakteuren mit einem Schwerpunkt-Thema. In früheren Projekten waren etwa eine Website rund um das Volontariat und ein eigener Instagram-Kanal der Volos das Ergebnis des Volo-Projekts.

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