Kommentar

Gäubodenvolksfest: Ausnahmezustand im Zug von Regensburg nach Straubing


Für die Fahrgäste und die Verkehrsgesellschaft werden Zugfahrten während des Gäubodenvolksfestes oft zur Zerreißprobe.

Für die Fahrgäste und die Verkehrsgesellschaft werden Zugfahrten während des Gäubodenvolksfestes oft zur Zerreißprobe.

Wie Fahrgäste und Verkehrsgesellschaft die Fahrt zum Gäubodenvolksfest zur Zerreißprobe machen.

"Eine Zugfahrt, die ist lustig, eine Zugfahrt, die ist schön..." So lautet in leicht abgeänderter Form der Beginn eines Volkslieds. Zum Gäubodenvolksfest in Straubing wird die Fahrt mit dem Zug allerdings zur Zerreißprobe und es hat sich ausgesungen: Der Ausnahmezustand beginnt schon weit vor den Toren der Gäubodenstadt am Hauptbahnhof in Regensburg. Die Fahrgäste vergessen jegliche Form von Anstand, Bierflaschen fliegen durch den Wagon und das Personal verwandelt den Zug kurzerhand in ein viel zu enges Festivalgelände. Nach Sicherheit und Manieren sucht man vergeblich.

Aber von vorne: Zur fünften Jahreszeit setzt die Verkehrsgesellschaft agilis zusätzliche Züge ein. "Volksfestliebhaber können die Öffnungszeiten voll auskosten und spätabends mit dem agilis-Zug schnell und sicher die Heimfahrt antreten. Bis nach Mitternacht verkehren die Züge zwischen Regensburg und Plattling mindestens im Stundentakt", heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Das ist ein logischer Schritt, wenn man bedenkt, von woher überall Menschen zum Festplatz am Hagen kommen. Doch an der Umsetzung der Zugfahrten scheitert alles. Gerade für Fahrgäste auf der Durchreise, die nicht zum Gäubodenvolksfest fahren, nimmt der Spaß ein schnelles Ende.

Wer in Regensburg zusteigt, kann sich auf etwa 30 Minuten Chaos einstellen, denn so lange dauert die Fahrt von Regensburg nach Straubing. Angefangen in Regensburg wird es bereits verdächtig eng. Menschen in Tracht, Volksfestgänger in "Normal" und andere Reisende stehen bereits hier Seite an Seite und reiben während der Fahrt ihre Körper aneinander. Die besonders aufgetakelten Volksfestgänger bringen eine Parfümwolke mit in den Zug, die in den Augen brennt, und sich mit der ohnehin schon stickigen Luft vermischt. Aber immerhin ist es nur Parfüm, später am Abend riecht es sicher nicht mehr so "gut".

Erste Probleme zeigen sich noch bevor der Zug losfährt: Es gibt kaum Möglichkeiten, sich festzuhalten, die Partymeute feiert mit offenen Getränken vor, diese schwappen schon beim ersten Anfahren kräftig über. Immerhin können die Fahrgäste nicht umfallen - zu wenig Platz.

Aussteigen wird zur Qual

Von Station zu Station wird der Zug immer voller. Mittlerweile sind sogar die Gänge zu den Zugtüren, die in den grau-grünen agilis-Zügen ohnehin unmenschlich eng sind, so vollgestellt, dass Fahrgäste, die noch vor Straubing aussteigen wollen, nur mit lautem Schreien durchkommen. Vor allem wer einen Koffer dabei hat, sollte sich schon zwei Stationen vor seinem Ziel durch die Menschenmenge quetschen, muss sich aber auf dumme Sprüche und Beleidigungen einstellen, denn die Partymeute, die eine Bierflasche nach der anderen leert, hat ihre Höflichkeit am Fahrkartenautomat vergessen.

Apropos Bierflaschen: Die finden sich bei der 30-minütigen Fahrt überall: Sie rollen durch den Zug, stehen in allen Ecken und Enden und liegen zwischen den Stangen der Gepäckträger. Vor allem der letzte Lagerort ist gefährlich: Denn mit jedem Zwischenstop rutscht die Flasche weiter und weiter, bis sie irgendwann durchrutscht und dem Fahrgast darunter auf den Kopf fällt.

Bei all dem Chaos sucht man vergeblich nach dem sonst so freundlichen agilis-Personal, nach Sicherheitsleuten oder Mitarbeitern, die sich um die Bierflaschen kümmern. Aber kann man ihnen das verdenken? Sie können sich wahrscheinlich selbst keinen Millimeter durch den vollen Zug bewegen und müssten sich wohl nur mit den angetrunkenen Fahrgästen auseinandersetzen. Allerdings endet dieses Verständnis für die Mitarbeiter schlagartig, als sich zwei Personen im agilis-T-Shirt durch die Meute drängen. Sie teilen Turnbeutel mit agilis-Vögelchen darauf aus - ein bisschen wie auf einem Festival - und feuern damit die Partymeute an. Das Gedränge ist noch größer, das Chaos noch chaotischer.

Klar: Das Gäubodenvolksfest bedeutet Ausnahmezustand. Aber eine bessere Organisation würde nicht schaden. Wieso die Turnbeutel nicht einfach in Straubing austeilen, wenn die Partymeute ohnehin aussteigt, um zum Festplatz zu pilgern? Dennoch kann man der Verkehrsgesellschaft nicht die volle Schuld zuweisen, machen ihr doch die angetrunkenen Volksfestgänger das Leben schwer. Also auch ein Appell an alle Volksfestgänger, die mit dem Zug anreisen: Nehmt Rücksicht aufeinander und vergesst eure Manieren nicht am Fahrkartenautomat. Denn dann können die Zuggäste wieder zufrieden singen: "Eine Zugfahrt, die ist lustig, eine Zugfahrt, die ist schön..."