AZ-Interview

Takis Würger über "Stella": "Antwort können nur die Leser geben"


Der Journalist und Schriftsteller Takis Würger.

Der Journalist und Schriftsteller Takis Würger.

Von Jeanne Jacobs / Onlineredaktion

Der Roman "Stella" über eine jüdische Gestapo-Kollaborateurin hat eine wilde Debatte ausgelöst. Auch Autor Takis Würger selbst ist im Visier der Kritik.

Vor acht Tagen ist der Roman "Stella" erschienen. Er erzählt von einer Liebesbeziehung, die ein junger Schweizer 1942 in Berlin zu Stella Goldschlag eingeht. Immer mehr bekommt er mit, dass seine Geliebte als Jüdin andere Juden verrät, um ihrer eigenen Deportation zu entkommen und ihre Eltern zu schützen. Schon am Erscheinungstag des Buches gab es schneidende Verrisse mit Angriffen auf den Autor und den Hanser Verlag unter anderem in der "SZ", "FAZ" und dann auch in der "Zeit".

Im Juni 1957 steht Stella Goldschlag (43), die jetzt Küberl-Isaaksohn heißt, in Berlin-Moabit vor Gericht (rechts ihr Strafverteidiger Dr. Patsohan) und muss wegen ihrer bereits 10-jährigen abgebüßten Zuchthausstrafe in der DDR nicht noch einmal in Haft.

Im Juni 1957 steht Stella Goldschlag (43), die jetzt Küberl-Isaaksohn heißt, in Berlin-Moabit vor Gericht (rechts ihr Strafverteidiger Dr. Patsohan) und muss wegen ihrer bereits 10-jährigen abgebüßten Zuchthausstrafe in der DDR nicht noch einmal in Haft.

AZ: Herr Würger, wie fühlt man sich im Eissturm der Kritik?
TAKIS WÜRGER:
Ein Schriftsteller schreibt für die Öffentlichkeit, da muss man das aushalten, denke ich. Aber natürlich wünsche ich mir auch, dass mein Roman den Leserinnen und Lesern gefällt. Ein starker Angriff auf das Buch trifft mich schon.

Aber nützt denn so ein Feuilleton-Sturm nicht dem Buch?
Die Antwort darauf können nur die Leser im Buchladen geben, wenn sie darüber entscheiden, ob sie wissen möchten, was es mit diesem Roman auf sich hat. Ich kann verstehen, dass eine Liebesgeschichte 1942 in Berlin, in der Zeit der Shoah, besonders genau betrachtet wird. Aber, ich glaube, auch Schriftsteller der dritten Generation nach der Shoah dürfen sich dieses Themas annehmen - vor allem, wenn Umfragen sagen, dass nur 59 Prozent der Schüler ab 14 wissen, dass Auschwitz-Birkenau ein Vernichtungslager war.

Hätten Sie vor 10 Tagen gedacht, wie Sie heute im Visier sind?
Nein. Lange Zeit war ich mit diesem Buch allein - ich habe über zwei Jahre recherchiert und daran gearbeitet. Dann bekommt es der Lektor und man ist schon zu zweit. Dann beginnt der restliche Verlag seine Arbeit und dann - mit der Veröffentlichung - gehört ein Buch den Kritikern und vor allem den Lesern. Wenn diese Leser das Buch debattieren, ist das gut.

Sie sind ja schon auf Lesereise?
Von den Lesern bekomme ich viel Zuspruch. Und es tut gut, wenn Buchhändlerinnen und Buchhändler, die ja das Vertrauen ihrer Kunden haben müssen, sagen: "Wir haben ,Stella' mit Gewinn gelesen und wir empfehlen es weiter." In hunderten von Mails stellen sich Leser und Buchhändler anrührend hinter mich. Ich habe bisher, seit der Veröffentlichung, eine einzige E-Mail bekommen, aus der ich Hass lesen konnte. Ich habe in meiner Antwort gefragt, ob der Verfasser 'Stella' gelesen hat. Bisher kam keine Antwort. Und es gibt, neben den Verrissen, zum Glück viele Kritiker, die mein Buch gelungen finden.

Aber wenn von "Ärgernis", "Beleidigung", "Vergehen", von "...hat nichts zu erzählen" die Rede ist, klingt das nach einer gezielten Vernichtung.
Das ist ein Begriff, den ich im Zusammenhang mit der Shoah nicht verwenden würde. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass jemand sich vorgenommen hat, mich zu vernichten, nicht wegen einer fiktiven Liebesgeschichte.

Vielleicht liegt das ja an einer etwas zu lässigen Art: In der Werbebroschüre steht, dass Sie am Bordstein sitzend mit einem Kumpel über das Musical "Cabaret" gesprochen haben und da auf Stella Goldschlag gekommen seien. "Am nächsten Tag habe ich die Arbeit begonnen." Oder auf die Frage, warum das Buch nur 220 Seiten hat, sagen Sie sinngemäß "weil es so besser in der Hand liegt" als ein Wälzer.
Ich kann nichts Verwerfliches daran erkennen, auf einem Bordstein über deutsche Geschichte zu sprechen oder ein handliches Buch schreiben zu wollen.

Würden Sie den Roman nach der Debatte anders schreiben?
Nein. Ich war mir bewusst, dass eine Liebesgeschichte in der Zeit der Shoah besonderer Umsicht bedarf. Für mich war es weder leicht noch flapsig, wie ich das aufgeschrieben habe.

Der Fall des Reportage-Fälschers Relotius sorgt gerade für große Wut. Bekommen Sie als "Spiegel"-Reporter nun indirekt auch davon etwas ab?
Der Fall hat die ganze Medienlandschaft erschüttert. Mit mir und meinem Roman hat das nichts zu tun: Auf Stella steht "Roman" drauf und nicht "Sachbuch"!

Wäre es nicht leichter gewesen, eine fiktive Figur zu nehmen anstelle von Stella Goldschlag.
Die Stella in meinem Roman ist eine fiktive Figur. Das Buch ist kein Sachbuch, sondern ein Roman, ein Liebesroman in extremen Zeiten, zu der mich die historische Figur inspiriert hat.

Merkwürdig am Kritikersturm ist, dass Sie gar nicht durch krasse Thesen irritieren: Sie entlasten ja Stella Goldschlag auch nicht, noch brechen Sie einen Stab über sie.
Ich versuche, Fragen zu stellen, aber ich beantworte sie nicht. Mein Roman hat bei mir selbst zu Fragen geführt, die ich nicht beantworten kann. Mein Buch war der Versuch, sich diesen Fragen von Verbrechen, Wegschauen, Schuld, Mitläufertum anzunähern.

Dazu passt, dass die Hauptfigur, der junge Schweizer Friedrich, neugierig naiv nach Berlin kommt und sich in Stella verliebt.
Auch ich war verunsichert, wie ich diese Frau einordnen sollte. Aber ich bin hoffentlich nicht naiv, nur weil ich mir einen naiven Erzähler gewählt habe. Dieser Friedrich ist 19 Jahre, hat zu Hause keine Liebe erfahren, geht nach Berlin, verliebt sich in eine starke Stella. Es ist naiv, aber hoffentlich nachvollziehbar, dass dieser junge Mann erst einmal alles tut, um diese Frau festzuhalten.

Wie kommt es denn bei Ihrem lakonischen Stil zum Vorwurf: "Kitsch!"?
Wenn ich das richtig verstehe, spricht man von Kitsch, wenn jemand versucht, wahre Gefühle durch einen vereinfachten, kurzen Weg zu verfälschen. Im Alltag ist wohl eher gemeint, dass etwas triefig oder zu schön dargestellt wird. Aber Friedrich, mein Erzähler, dieser junge Schweizer ist verliebt. Zum ersten Mal in seinem Leben. Und deshalb stellt er absichtlich nicht die entlarvenden Fragen - wie "wo bist du heute Nacht gewesen?, was hast du da und da gemacht? Aber das heißt ja nicht, dass ich als Autor naiv auf das NS-Regime und die Verbrechen in dieser Zeit blicke.

Takis Würger liest aus "Stella" (Hanser Verlag) am 19. Februar, 20 Uhr, Literaturhaus, 12 Euro, Tel. 54 81 81 81