Idowa-Adventskalender (22) Sektenaussteiger: Sie haben einen Teil von mir ausgelöscht

Die Schatten eines halben Lebens in einer Sekte verfolgen Alexander Strobl noch heute. Foto: Angelika Warmuth/dpa

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Alexander Strobl wuchs in einer Welt des wahnhaften Glaubens auf. Mit 18 fing er an zu zweifeln. Mit 21 ist er für seinen Vater gestorben. Heute will er anderen helfen, wegzukommen. Von Sekten, Gedankenkontrolle und Psychoterror.

Vor mir sitzt ein Toter. Das hat sein Vater zu ihm gesagt. Alexander Strobl hatte gerade angefangen, richtig zu leben. Der 21-Jährige war bei den Zeugen Jehovas ausgestiegen und hatte sich in drei Jahren eine neue Existenz aufgebaut. Der Vater, ein Ältester, ein tief verwurzeltes Mitglied der Glaubensgemeinschaft, sah fortan einen Abtrünnigen in seinem Sohn. Einen, der nicht mehr zu retten ist. Einen lebenden Toten.

Die Auslöschung

"Selbstvertrauen, Glaube an sich selbst, das nehmen sie dir alles. So was hast du nicht, wenn du als Zeuge aufwächst", sagt der heute 42-Jährige. Was nach dem Ausstieg noch weg ist: Freunde, soziales Umfeld, der scheinbare Rückhalt der Gemeinschaft, Leute, die mit ihm sprechen.

"Die Exkommunikation ist ihre schärfste Waffe. Alle brechen jeglichen Kontakt zu dir ab. Plötzlich stehst du allein da, in der bösen fremden Welt." Die Zeugen Jehovas haben einen Teil von ihm ausgelöscht. Strobl, 18 beim Ausstieg, fällt in die Dunkelheit, versucht das Loch mit Drogen zu stopfen.

Es sind ein Mitaussteiger-Freund und dessen Familie, die Strobl durchbringen. Sie halten den zornigen Alex aus, lassen sich anschreien. Aber sie bleiben bei ihm. "Irgendwann hat es dann geschnackelt", sagt er. Der leidenschaftliche Handwerker findet einen Job am Flughafen München und lernt dort bald seine spätere Frau kennen. Strobl sagt, er hatte Glück, so früh rausgekommen zu sein. Er kenne andere, die älter ausgestiegen sind: "Völlig kaputt."

Strobl ist heute verheiratet, hat zwei Töchter, acht und neun Jahre alt, lebt in Moosburg im Landkreis Freising. Er ist ein Kumpeltyp, groß, kräftig, dicke Brille, Vollbart.

Das Soziale und sich für etwas einzusetzen ist Strobls Lebensbenzin. Er engagiert sich in der Sektenausstiegshilfe, betreibt das Moosburger Repair-Café, ist aktiv gegen Hassrede im Internet, bringt sich in der Kommunalpolitik ein, ist Flüchtlingshelfer und macht sich gegen Rechtsextremismus stark.

Und er kämpft gegen Dämonen. Die in seinem Inneren. In einer Videokonferenz mit mehreren Anti-Sektenaktivisten erzählt er lange, wie es war, als sie ihm bei den Zeugen den eigenen Willen ganz langsam brachen, wie es war, als sie sein Selbstvertrauen zerquetschten und wie es war, als sie ihm gute Freunde nahmen. Strobls Stimme wird dann wacklig, aber er erzählt weiter. Danach wird sein Bildschirm schwarz. Nach einigen Augenblicken springt die Kamera wieder an, Strobl rückt sich die Brille zurecht. Die Augen sind rot. Man scheint sie nie ganz loszuwerden, die Dämonen einer Sekte.

Strobl kommt 1978 als Kind einer Münchner Zeugen-Familie zur Welt. "Ich wuchs in Käfighaltung auf. Ich wurde so erzogen und konnte mir das nicht aussuchen." Für ihn bedeutet das eine Außenseiter-Rolle. Wenig Spaß, kaum Freunde in der Schule, keine Einladungen zu Geburtstagsfeiern. "Man fühlt sich trotzdem besser als der Rest der Menschheit, weil man überlebt ja das Ende der Welt", sagt Strobl. Dieses Gefühl der Überlegenheit haben sie ihm vermittelt in Hunderten Stunden "Bibelstudium". "Die Zeugen reden davon, die Bibel zu studieren. Aber man paukt nur deren Propaganda und kommt immer tiefer in den Sumpf rein. In diese Leere." Es gehe darum, das ganze Leben zu kontrollieren - "von vorne bis hinten". Nicht durch Gewalt, sondern mit Manipulation.

Das Weltuntergangsbild

Das Weltbild der Zeugen Jehovas ist ein Weltuntergangsbild. Ihr Glaube besagt: Die Endzeit ist angebrochen, sie allein dürfen überleben. Die Bibel ist für sie das irrtumslose Wort Gottes und deshalb mit allen Wissenschaften vereinbar. Dabei benutzen sie eine eigene Übersetzung, die "Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift". Die beinhaltet laut Strobl eine ganz eigene Sprache. Außerdem sind in dieser Version einige Bibelstellen im Sinn geändert. "Damit alles ins eigene Bild passt."

Zeugen Jehovas kennt man als unscheinbare Menschen, die mit Aufstellern in Städten stehen und kostenlose Bibelkurse sowie ihre Broschüren "Der Wachturm" und "Erwachet!" verteilen. Die Klamotten ohne Farbe, die Gesichter ohne Freude. Bluttransfusionen lehnen sie ab, genauso wie weltliche Feiertage und Feste. Politik ist verboten. Und man kennt sie von unangekündigten Besuchen vor der Tür. "Hallo, wir würden mit Ihnen gerne über Gott sprechen."

In Bayern haben die Zeugen Jehovas 2006 den Status als Körperschaft erlangt. Damit gewährt ihnen der Staat als Religionsgemeinschaft besondere Rechte wie etwa Steuern von Mitgliedern einzutreiben oder eigene Kinder- oder Pflegeheime zu betreiben. Rund 31.600 Mitglieder und 185 Königreichssaalgebäude zählen die Zeugen Jehovas nach eigenen Angaben in Bayern. In ganz Ostbayern gibt es Dutzende ihrer Kirchen und Versammlungen: Etwa in Landshut, Straubing, Dingolfing, Deggendorf, Passau, Egglkofen, Grafenau, Regensburg, Furth im Wald, Cham, Regenstauf.

Rechtlich hat Bayern mit diesem Schritt die Frage beantwortet, ob es sich um eine gefährliche Sekte oder eine privilegierte Glaubensgemeinschaft handelt. Die Zeugen selbst schreiben auf diese Frage: "Jehovas Zeugen sind alles andere als eine gefährliche Sekte. Im Gegenteil: Durch unsere Religion haben nicht nur wir selbst eine höhere Lebensqualität - durch sie leisten wir auch einen wertvollen Beitrag zum Gemeinwohl. Unsere Bibelarbeit hat schon vielen geholfen, von Süchten loszukommen wie zum Beispiel dem Alkohol- und Drogenmissbrauch."

Das System

Nach Lebensqualität klingt es nicht, wenn Annett Hartung über den Zeugen-Alltag spricht. Sie ist ebenfalls 42 und vor einigen Jahren ausgestiegen. Heute ist sie die Vorsitzende des deutschlandweit aktiven Netzwerks Sektenausstieg. Morgens las Hartung schon den ersten Bibeltext. Danach ging es hinaus: Verkündigungsdienst von Haus zu Haus, versuchen, die Wohnungsinhaber vom wahren Glauben zu überzeugen. "Das nennen die wirklich so: Wohnungsinhaber. Sie werden total entmenschlicht, weil das aus Sicht der Zeugen Wesen zweiter Klasse sind", sagt Hartung.

Neben dem Verkündigungsdienst standen mehrmals die Woche Versammlungen auf dem Terminplan. Predigtdienstschule, Gottesdienste, Zusammenkünfte, Buchstudium und Hausbibelstudien. Dieses straffe Programm ist zwar keine ausgesprochene Verpflichtung. Aber über allem schwebe die These "ein wahrer Christ würde es tun", erklärt Strobl. Und natürlich wollen Hartung, Strobl und Tausende Zeugen Jehovas echte Christen sein.

Was gute Christen noch tun: Sie geben der Wachtturm-Gesellschaft, der Dachorganisation der Zeugen Jehovas, Geld. Ohne Zwang, aber ein guter Christ würde es eben tun. Also spenden die Mitglieder, viele ändern sogar ihr Testament zugunsten der Glaubensgemeinschaft.

Doch egal, wie sehr Hartung sich beim Bibelstudium bemühte und wie viel Geld sie gab, weit konnte sie es bei den Zeugen Jehovas nicht bringen. Sie ist eine Frau. Die Hierarchie einer örtlichen Gemeinschaft ist klar geregelt. Ganz oben stehen die Ältesten, vergleichbar mit Priestern. Darunter kommen Aufseher, Dienstamtsgehilfen, vergleichbar mit Dekanen, Sonderpioniere, also Zeugen, die mehr als 100 Stunden pro Monat predigen, Pioniere, Hilfspioniere und Verkünder. Und dann kommen Frauen. Sie bekommen höchstens Hilfsaufgaben zugeteilt, sagt Strobl.

Jede Aufgabe für ihre Mitglieder benoten die Ältesten. Gute Bewertungen sind laut Strobl praktisch ausgeschlossen. Man fühle sich immer schlecht, schuldig und in der Pflicht, noch viel mehr an sich zu arbeiten, mehr zu beten. "Sie halten Menschen 24 Stunden in Beschäftigung, immer das Richtige zu tun. Die kommen gar nicht auf die Idee, etwas anderes zu denken", sagt Hartung.

Erwischt man sich doch einmal bei einem kritischen Gedanken, fühlt man sich selbst ertappt, besonders treue Zeugen zeigen sich laut Strobl dafür selbst bei einem Ältesten an. "Bei Anderen greift dann sofort die Verhaltensstopptechnik", sagt Hartung. "Die fangen an zu beten, machen ein Mantra oder fangen einfach an zu rennen. Das ist Bewusstseinskontrolle." Ein guter Zeuge vertraue sich selbst nicht mehr.

Und er meldet Fehlverhalten von anderen. Strobls bester Freund, ebenfalls ein Zeuge Jehovas, erzählt ihm damals, dass er eine Woche vor der Hochzeit Sex mit seiner späteren Frau hatte - eine schwere Sünde. "Ich weiß noch gut, wie ich tagelang unter Druck stand und mich schlecht fühlte, ob ich das jetzt nicht eigentlich melden muss."

Die Rückkehr

Er meldet seinen Freund nicht. Aber er fängt an zu zweifeln. "Die Lehre der Zeugen ist eine menschengemachte Lehre, also hat sie Fehler und Lücken", sagt er. Die fallen ihm fortan immer häufiger auf.

Das System Zeugen Jehovas stürzt für ihn endgültig ein, als eine befreundete Familie für übermäßigen Glauben abgestraft wird. "Die waren so tiefgläubig und haben den Herrn Jesus über alles geliebt. Solche, denen man das auf den ersten Blick ansieht", sagt der 42-Jährige. Deshalb haben sie weit über das Geforderte hinaus in der Bibel studiert und in altaramäischen Schriften über Jesus gelernt.

Aber: Eigene Studien sind bei den Zeugen verboten. Man könnte Fehler in der Zeugenlehre bemerken. "Die wurden dann rausgedrängt, der Vater - auch ein Ältester - wurde abgesägt." Die Führung der Gemeinschaft wirft die Familie kurz darauf aus der Glaubensgemeinschaft, exkommuniziert sie. Strobls Freunde fühlen sich ungerecht behandelt, revoltierten, wollten bleiben. Der junge Strobl setzt sich als Noch-Mitglied für die Familie ein. "Dann griff das Champignon-Prinzip. Wer aufsteht, landet bei den Zeugen ganz schnell auf der schwarzen Liste, wird abgeschnitten." Die Zeugen Jehovas exkommunizieren Strobl als Querulanten und Abtrünnigen. Für fast alle Leute, die er für Freunde gehalten hatte, ist Strobl ab diesem Zeitpunkt wie für seinen Vater ein lebender Toter.

Gut 20 Jahre später: Strobls Vater ist gestorben. Zur Mutter und zur Schwester besteht loser Kontakt. Die Zeugen Jehovas beschäftigen Strobl noch immer. Auf Facebook betreibt er die Plattform "Du bist nicht allein". Dieses Projekt sei in Absprache mit Kirchenvertretern und Psychologen entstanden, erzählt Strobl. Er sieht es als niederschwelliges Angebot für Sektenmitglieder oder deren Bekannte. Etwa zehn Anfragen bekommt Strobl im Jahr. Aus München, Eggenfelden und Rosenheim kamen die letzten. Es geht nicht immer ums Rauskommen, eine Jugendliche wollte kürzlich etwa wissen, wie sie mit einem Klassenkameraden, ein Zeuge Jehovas, umgehen soll.

Daneben organisiert Strobl regelmäßige Aussteiger-Stammtische und engagiert sich im Netzwerk Sektenausstieg. Der Kumpeltyp bietet dann ein lockeres Gespräch bei einem Weißbier an. Wenn das Zuhören nicht reicht, stellt Strobl den Kontakt zu Psychologen und zur Ausstiegshilfe her.

Eines betont Strobl in Gesprächen über die Zeugen Jehovas immer wieder. Die Mitglieder tun ihm leid. Sie sind für ihn Getriebene, Opfer des Systems, die aus scheinbar lauteren Beweggründen handeln. "Der Zeuge, der bei dir an der Tür klingelt, ist ein armes Würstl, der kann gar nix dafür." Ein armes Würstl, das durch den Sektenwolf gedreht wurde. Strobl würde ihm wohl die Tür aufmachen.

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