Umzug in Seniorenheime Einrichtungen berichten von Sorgen wegen Corona-Lage

Seniorenheime sind in vielerlei Hinsicht "Hotspots" der Corona-Krise: Nicht nur kommt es hier immer wieder zu schweren Ausbrüchen, auch der Alltag dort hat sich massiv verändert. Das führt dazu, dass viele Menschen sich einen Umzug zwei mal überlegen müssen. (Symbolbild) Foto: Jonas Güttler/dpa

Senioren- und Pflegeheime machen immer wieder als "Corona-Hotspots" von sich reden, es gab und gibt dort zahlreiche verheerende Covid-19-Ausbrüche mit vielen Toten. Auch wenn die Betreiber alles tun, um die Risiken so gering wie möglich zu halten, entscheiden sich viele Menschen in Bayern aktuell nur in höchster Not für einen Umzug in eine solche Einrichtung, wie Verantwortliche berichten.

Laut aktueller Zahlen des BKK-Landesverbands Bayern ist die Anzahl der Bewohner in stationären Pflegeeinrichtungen bundesweit von 858.284 Ende 2019 auf 859.005 im Juni 2020 leicht gestiegen. Die Techniker Krankenkasse gibt an, dass 2019 3.194 dort versicherte Pflegebedürftige in stationären Einrichtungen waren, wobei auch hier ein Anstieg von rund zwei Prozent auf 3.265 im Jahr 2020 zu verzeichnen war. Rein von den Zahlen her sieht es also danach aus, als ob trotz angespannter Corona-Situation nicht weniger, sondern sogar mehr ältere Menschen in Seniorenheime umziehen würden. 

Doch das könnte ein Trugschluss sein, glaubt Alexander Schraml, Vorstandsmitglied der Kommunalen Altenhilfe Bayern. "Dieser Anstieg ist sicher primär durch die demografische Entwicklung erklärbar", sagt er. Sprich: Immer mehr Menschen werden schlicht immer älter. "Möglicherweise nehmen Angehörige aber auch wegen der zusätzlichen familiären Belastung durch Corona, insbesondere im Hinblick auf Homeschooling, verstärkt die Hilfe von Pflegeheimen in Anspruch", so Schraml weiter. Hinzu komme, dass sich Pflegebedürftige angesichts der strengen Hygiene-Vorgaben in Pflegeheimen möglicherweise "in Sicherheit begeben" wollten, da der ständig wechselnde Kontakt bei ambulanten Pflegediensten oder in Tagespflegen als noch gefährlicher eingestuft werde. 

Jens Ofiera vom Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe e.V. (VDAB) vermutet, dass der genannte Anstieg ohne Corona wohl noch deutlicher wäre. "Man sollte hier nicht unbedingt darauf schließen, dass es explizit trotz Corona einen höheren Bedarf gibt", sagt er – für viele Angehörige von Senioren sei dieser Schritt im Gegenteil gerade wegen Corona notwendig. Viele Familien hätten keine Wahl, sie müssten ihre älteren Angehörigen schlicht in ein Heim geben, weil sie durch Homeoffice und Kinderbetreuung zu Hause keine Kapazitäten mehr für die Pflege hätten. „Oma oder Opa zu Hause behalten geht oft einfach nicht mehr." 

"Die Menschen sorgen sich wegen der Corona-Gefahr"

Dass solche Entscheidungen trotz der Corona-Lage getroffen werden, bedeutet aber natürlich nicht, dass es keine Bedenken gäbe. "Es gibt definitiv Vorbehalte", sagt Jens Ofiera. "Die Menschen sorgen sich wegen der Corona-Gefahr in den Heimen." Man könne darauf nur mit Transparenz und Offenheit reagieren und Hygienekonzepte genau erklären, um die Bedenken so gut wie möglich zu zerstreuen. "Trotzdem gab es aber Fälle, wo sich Menschen nach einem Beratungsgespräch konkret wegen des Corona-Risikos dagegen entschieden haben, einen Angehörigen in einem Senioren- oder Pflegeheim unterzubringen", fügt er an.

Alexander Schraml kann das nur bestätigen. "Die Todesfälle in Pflegeheimen und zahlreiche Ausbruchsgeschehen haben sicher einige Pflegebedürftige abgeschreckt", stellt er fest. Für die Einrichtungen bedeutet die Corona-Situation eine Gratwanderung zwischen Infektionsschutz und Menschlichkeit: "Mit detaillierten Besuchskonzepten, die dem Gesundheitsamt vorgelegt werden, wird einerseits der soziale Kontakt zu den Angehörigen ermöglicht, andererseits aber auch der besonderen Gefahrenlage Rechnung getragen", erklärt Schraml. Zudem werde bei Neuaufnahmen in Heimen aktuell besonders auf die Sinnhaftigkeit von Impfungen für ältere Menschen hingewiesen. 

"Das persönliche Gespräch hilft viel"

Wie die Lage in der Region ist, weiß Marko Pammer vom BRK-Kreisverband Straubing-Bogen. "Die Zahl der Anfragen bewegte sich in unseren drei Seniorenheimen auf ähnlichem Niveau wie in den Vorjahren", sagt er. "Corona sorgt ja nicht dafür, dass für Familien das Thema Pflege aus dem Fokus verschwindet." Die tatsächliche Zahl der Neuaufnahmen in Heimen sei allerdings etwas geringer als in den Vorjahren, da man neuen Bewohnern einen "angemessenen zeitlichen Rahmen" bieten wolle, sich auf die außergewöhnliche Situation einzustellen. Sorgen bei den Angehörigen erlebt der Kreisverband eher selten – auch, weil intensiv mit ihnen gesprochen wird. "Wir konnten im persönlichen Gespräch schon viele Bedenken klären", sagt Pammer. Gerade das Thema staatlich vorgegebener Besuchseinschränkungen habe oft für Unmut gesorgt. "Allerdings haben wir festgestellt, dass das persönliche Gespräch da viel hilft."

Thomas Unverdorben von der Bürgerspitalstiftung Straubing bestätigt diese Einschätzung. "Die Anfragen wegen Heimplätzen im Seniorenheim St. Nikola und im Bürgerheim sind während der Corona-Pandemie unverändert geblieben", sagt er. Natürlich sorgten sich die Bewohner und ihre Angehörigen wegen der Covid-Gefahr, eine größere Belastung für beide seien aber die strengen Schutz- und Hygienekonzepte. "Der Zutritt in die Einrichtungen ist nur mit negativem Antigen-Schnelltest erlaubt und pro Bewohner darf nur ein Besucher pro Tag für maximal 30 Minuten rein", erklärt Unverdorben. Eine weitere Hürde: Besuche können nur mit Abstand in einem speziell ausgewiesenen Besuchsbereich stattfinden. Der Stiftungsleiter hört oft die Frage "wann denn wieder ein uneingeschränkter Besuch stattfinden kann, oder ob die Bewohner auch gut versorgt werden." Zudem sei die Enttäuschung oft groß, wenn an einem Tag kein Besuchstermin mehr frei sei. 

"Immer ein offenes Ohr"

Auch Unverdorben betont die Bedeutung der Kommunikation. "Unsere Mitarbeiter haben immer ein offenes Ohr für die Angehörigen", betont er. "Wir klären über das Vorgehen in den Einrichtungen auf und versuchen, die Sorgen der Familien so gut es geht aus dem Weg zu räumen." Ferner gebe es schon länger die Möglichkeit, mit Bewohnern via Skype zu sprechen. "Dieses Angebot wird auch regelmäßig in Anspruch genommen", sagt der Stiftungsleiter. "Zum Beispiel telefoniert eine Bewohnerin des Seniorenheims St. Nikola so regelmäßig mit ihrer Tochter, die in Amerika wohnt."

Im Landkreis Straubing-Bogen waren Ende 2019 laut Landratsamt 559 Menschen in Senioren- und Pflegeheimen untergebracht, Ende 2020 waren es nur noch 512. Dieser regionale Rückgang hat allerdings nicht nur mit Bedenken zu tun, wie Sprecher Tobias Welck erklärt: "Das liegt eher daran, dass 2020 knapp 70 Bewohner im Zusammenhang mit Covid-19 verstorben sind", sagt er. Manche Einrichtungen hätten zudem eine Art Aufnahmestopp eingeführt – aus Personalmangel. 

Weitere Artikel

 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading