Straubing Hochwasserschutz: Der wunde Punkt des Stadtgebiets

Jahrelang wurde der Hochwasserschutz am Schanzlweg verzögert. Foto: fun

Jeden Tag bis zum Jahresende veröffentlicht die Lokalredaktion des Straubinger Tagblatts einen ihrer Lieblingstexte aus 2018. Den Anfang macht ein Artikel vom 27. Januar über Hochwasserschutz am Schanzlweg.

Diese Tage haben mich fünf Jahre meines Lebens gekostet“, sagt Manfred Brunner über die bedrohlichste Zeit seines Lebens. Er meint damit die Tage im Juni 2013, als der Donaupegel bei 7,95 Meter lag und das Wasser fast drei Meter hoch in seinem Garten stand. Sein Haus wurde mit einem hohen Wall aus Sandsäcken, Big Bags und Spezialschläuchen gesichert. In den Nächten war an Schlaf kaum zu denken. Brunner hatte Angst um seine Existenz. Ohne die Hilfskräfte, die Tag und Nacht schufteten, wäre sein Haus nicht zu halten gewesen, ist er überzeugt.

Manfred Brunner wohnt am Schanzlweg. Und sein Grundstück liegt am tiefsten Punkt direkt am Allachbach. Der ist normalerweise ein kleines Bächlein, doch bei Hochwasser in der Donau staut er sich auf und tritt über die Ufer. Nur mit immensem personellen und technischen Aufwand war es 2013 gelungen, eine Überflutung des gesamten Straßenzugs und des Wohngebiets auf der anderen Straßenseite zu verhindern.

Auch in dieser Woche behielt Brunner den Bach im Auge. Und im Internet verglich er mehrmals am Tag die Pegelstände der Donau. Das macht er immer, sobald Hochwasser angekündigt ist. Brunner will vorbereitet sein, wenn das Wasser kommt. 60 Sandsäcke hat er im Keller liegen, außerdem schaffte er sich nach 2013 zwei große Pumpen an. „Bis jetzt“, sagt Brunner, „habe ich sie Gott sei Dank nicht gebraucht.“

Doch das Wasser kann sein Grundstück jederzeit wieder fluten. So wie beim Pfingsthochwasser 1999 oder beim Hochwasser während des Volksfestes 2002. Auch in diesem Januar reichte es schon bis zu einem betonierten Absatz im Garten, es stand etwa 20 Zentimeter hoch. Es könnten aber auch wieder fast drei Meter werden, so wie im Juni 2013. Denn am Schanzlweg gibt es keinen ausreichenden Hochwasserschutz.

Spätestens ab sechs Meter wird beobachtet

Das Gebiet ist das einzige in der Stadt, das noch nicht auf einen hundertjährlichen Hochwasserschutz ausgebaut ist – „ein wunder Punkt im Stadtgebiet“, sagt Cristina Pop, die Leiterin des Tiefbauamts. Sobald Hochwasser angekündigt ist, ist man auch dort alarmiert: „Wir haben immer ein Auge auf den Schanzlweg.“ Bei einem Donaupegel von 6,30 Meter steht das Wasser auf Höhe der Straße. Spätestens ab sechs Meter werde die Lage „aufmerksam beobachtet“, sagt Cristina Pop, dann würden auch „Vorkehrungen getroffen“ gegen eine drohende Überschwemmung. Am Donnerstag zeigte der höchste Pegelstand in dieser Woche 5,60 Meter. Auch Cristina Pop bedauert, dass sich die Situation für die Bürger bislang nicht verbessert hat.

„Geld ist da, jetzt fangen wir an“, so oder ähnlich heißt es jedes Jahr, sagt Manfred Brunner. Die Bäume in seinem Garten waren schon angezeichnet, sie sollten gefällt werden. Die Ersatzbäume hatte Brunner bereits ausgesucht, ebenso einen neuen Zaun. Bei den Grundstücksverhandlungen war man sich auch einig. Es fehlte eigentlich nur noch ein Notar-Termin. Doch Jahr um Jahr ist vergangen und nichts ist passiert.

Während die anderen Straubinger Hochwasser-Schwachstellen auf der Gstütt-Insel und an der Westtangente zügig in Angriff genommen wurden, ist am Schanzlweg noch nicht einmal das Ende 2015 begonnene Planfeststellungsverfahren abgeschlossen. Dabei hatten Fachstellen und Politik schon vor fünf Jahren auch dem Schutz des Schanzlwegs höchste Priorität zugestanden. So wies beispielsweise Oberbürgermeister Markus Pannermayr bei einem Besuch von Ministerpräsident Horst Seehofer im Katastrophenschutzzentrum im Juni 2013 darauf hin, wie dringend notwendig ein dauerhafter Hochwasserschutz auch für die Anwohner des Schanzlwegs sei.

Erste Prognose: Baubeginn 2015

Eile war geboten. Das Tiefbauamt der Stadt übernahm 2014 die Planungen für das Wasserwirtschaftsamt (WWA) Deggendorf. Damit sollte nicht nur der städtische Anteil an der Finanzierung verringert, sondern auch das gesamte Projekt beschleunigt werden. Schon im August 2015 hätte der Bau beginnen sollen, Ende 2016 sollte er fertig sein. Geplant war damals eine über 600 Meter lange und teilweise bis zu drei Meter hohe Mauer nördlich des Schanzlwegs zwischen Elisabethstraße und Ostendstraße.

Wegen des instabilen Untergrundes wurde eine aufwändige Lösung mit Bohrpfählen gewählt. Gut 80 Anwesen hätten damit Sicherheit bekommen. Auf rund drei Millionen Euro wurde der Bau geschätzt, Stadt und Freistaat Bayern teilen sich die Kosten. Durch Vorplanungen, Grundstücksaufkäufe und spätere Unterhaltsmaßnahmen verringert sich aber der städtische Anteil beträchtlich. 2015 wurde dann bekannt, dass das Projekt um ein Jahr verschoben werden muss, weil sich die Überprüfung der Unterlagen verzögert hatte. Das Wasserwirtschaftsamt Deggendorf kam angesichts anderer umfangreicher Hochwasserschutzprojekte entlang der Donau schlichtweg mit der Arbeit nicht mehr nach.

Doch auch 2016 konnte der Bau nicht beginnen. Diesmal lag es an Einwendungen im Planfeststellungsverfahren, das 2015 eingeleitet worden war und bei denen „man sich nicht verständigen konnte“, sagt Wolf-Dieter Rogowsky, WWA-Bereichsleiter für den Hochwasserschutz. Deshalb mussten Teilbereiche der Planung umgeändert werden. Man rechnete jetzt mit einem Baubeginn 2017 und einem Bau-Ende 2018. Anfang 2017 wurde dann zwar wieder nicht mit dem Bau begonnen, doch immerhin mit den nötigen Rodungsarbeiten für die Mauer. Seither herrscht Funkstille am Schanzlweg.

Grundwasserstrom machte Umplanung notwendig

Der Grund sind geohydraulische Gutachten, die dazu führten, dass die Pläne für den Hochwasserschutz in einem Abschnitt geändert werden mussten, erklärt Uwe Kleber-Lerchbaumer, Abteilungsleiter im Bereich Hochwasserschutz am Wasserwirtschaftsamt Deggendorf. Wie erst nach detaillierten Untersuchungen festgestellt worden sei, hätte bei der ersten Planung ein Bereich der geplanten Hochwassermauer den Grundwasserstrom unterbrochen. Es handelt sich dabei um den Abschnitt zwischen der früheren Pizzeria am Schanzlweg und einer großen Teichanlage dahinter.

Die Konsequenzen wären dramatisch gewesen, sagt Kleber-Lerchbaumer. Vor der Mauer hätte sich das Grundwasser aufgestaut und die bestehende Bebauung gefährdet, hinter der Mauer dagegen wäre der Grundwasserspiegel abgesunken und der Weiher hätte weniger Wasser bekommen.

Angesichts dieser Folgen wäre die Genehmigungsfähigkeit der gesamten Maßnahme gefährdet gewesen, betont Kleber-Lerchbaumer. Um die Wasserströme zu lenken, hätte man eine „aufwändige Binnenentwässerung“ bauen müssen. Ein Schöpfwerk oder Hebewerk nennt er als Beispiele – teuere Investitionen und aufwändig im Unterhalt. Aus diesem Grund hat man sich für die einfachere Lösung entschieden, nämlich die Mauer zu versetzen. Sie rückt jetzt hinter die Weiher in die Nähe des Allachbachs. Damit konnten gleich mehrere positive Effekte erzielt werden: Der Grundwasserspiegel bleibt unverändert, der Zufluss zum Weiher ebenso, und eine aufwändige und teure Binnenentwässerung ist nicht notwendig. Es gibt noch zwei weitere Vorteile, die seien zwar nicht ausschlaggebend gewesen bei der Entscheidung, sagt Kleber-Lerchbaumer, dennoch positiv: Die Hochwassermauer verläuft nicht mehr quer durch Grundstücke von Schanzlweg-Anwohnern, sondern am Rand, und auch ein Durchgangstor in dieser Wand („das ist immer eine Schwachstelle im Hochwasserschutz“) kann damit vermieden werden.

Durch das gewichtigere geohydraulische Gutachten mussten die Vorplanungen des Tiefbauamts in einigen Punkten korrigiert werden. Das hatte noch andere Vorgaben zugrundegelegt, nach denen der Hochwasserschutz zu planen ist: Es soll so wenig wie möglich wertvoller Retentionsraum verlorengehen, und es sollen nur Gebäude, aber keine landwirtschaftlichen Flächen geschützt werden.

Die neuen Planungen sehen aber nicht nur vor, dass die Mauer aus der Mitte der Grundstücke an ihren Rand verlegt wird. Sie wird auch im letzten Abschnitt Richtung Krankenhaus von einem 120 Meter langen Damm ersetzt, der zunächst zwei Meter hoch ist und in seinem Verlauf immer niedriger wird, bis er im ansteigenden Gelände ausläuft. In diesem Bereich plant ein Investor einen größeren Neubau mit Tiefgarage und rund 100 Ein- oder Zwei-Zimmer-Appartements für Studenten. Auch dieser Komplex ist dann gegen ein hundertjährliches Hochwasser geschützt.

Pläne liegen seit Freitag erneut aus

Nach den Planungsänderungen kommt nun wieder Bewegung in die Sache. Seit dem gestrigen Freitag liegen die Unterlagen für den Hochwasserschutz Schanzlweg erneut im städtischen Umweltamt aus. Vier Wochen haben Bürger und Organisationen Zeit, Einwände vorzubringen. Auch die Fachstellen werden an dem Verfahren beteiligt und geben Stellungnahmen ab. Und auch ein Erörterungstermin ist wieder geplant, in dem die Stellungnahmen abgearbeitet werden. Erst dann kann der Planfeststellungsbeschluss erlassen und mit dem Bau begonnen werden. Als neue Zeitmarke nennt das Wasserwirtschaftsamt Deggendorf „das erste Halbjahr 2018“.

„Wir sind gerade bei den Ausschreibungen“, sagt WWA-Abteilungsleiter Kleber-Lerchbaumer zum weiteren Ablauf. Bei der jetzigen öffentlichen Auslegung erwartet er keine gravierenden Einwendungen mehr, so dass voraussichtlich auch keine erneuten Änderungen der Pläne mehr notwendig sind.

Ein paar „Unwägbarkeiten“ gebe es aber noch, schränkt er ein und zählt auf: das Genehmigungsverfahren, die Finanzierung und schließlich Verzögerungen beim Bau selbst. Die Stadt habe durch ihre Vorleistungen bei der Planung das Verfahren beschleunigt, das werde vom Wasserwirtschaftsamt honoriert: „Wir tun alles, was machbar ist, um das in die Spur zu bringen.“ Er sei „guter Hoffnung“, sagt Kleber-Lerchbaumer, dass noch diesen Herbst der Bau tatsächlich beginnen könne und dass er 2019 fertig werde.

Bis dahin wird Manfred Brunner bei jedem Hochwasser den Allachbach beobachten, er wird täglich mehrmals im Internet die Pegelstände der Donau abrufen. Und er wird hoffen, dass er seine 60 Sandsäcke und die beiden Pumpen nicht braucht

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