Straubing „Ein großartiges Geschenk des Lebens“

Gisela Graschtat erzählt im Interview, weshalb Frieden nicht selbstverständlich ist und warum sie im Unterricht Rilke heimlich unter der Schulbank las. Foto: Lena Feldmeier

Jeden Tag bis zum Jahresende veröffentlicht die Lokalredaktion des Straubinger Tagblatts einen ihrer Lieblingstexte aus 2018. Im vierten Artikel der Serie geht es um 100 Jahre Lebenserfahrung. Was bewegt einen Menschen, der 1917 geboren wurde?

Entspannt sitzt Gisela Graschtat auf ihrem rosa Sofa. Vor ihr ein Gedichtband: „Gisela Graschtat – Unterwegs“. Seit 1917 ist die heute 101-Jährige unterwegs. Im Gespräch erzählt sie, weshalb Friede nicht selbstverständlich sein sollte, warum sie Rilke heimlich unter der Schulbank las und, warum sie den Tod nicht fürchtet, sondern ihn mit Neugier und Freude erwartet.

In Ihrem antiken Regal stehen unzählige Bücher, welches mögen Sie besonders?

Gisela Graschtat: Das kann ich nicht sagen und fragen Sie mich nicht, ob ich alle gelesen habe (lacht). Ich sehe leider kaum mehr etwas, aber am liebsten mochte ich Gedichte von Rainer Maria Rilke. Mir gefällt es, wie er etwas sagt und es darstellt.

Gab es einen Ort, an dem Sie die Gedichte gerne gelesen haben?

Ich war auf einem mathematischen Gymnasium. Mathematik, das ist etwas, naja, ich kann schon bis zehn zählen, aber es interessiert mich wenig. Während die anderen an die Tafel Zahlen geschrieben haben, habe ich unter der Bank Rilke gelesen. Später habe ich dann mit meinen Schülern Rilke-Gedichte gelesen, ich konnte viele auswendig und habe gern selbst geschrieben.

Sie waren Studiendirektorin am Anton-Bruckner-Gymnasium. Waren Sie eher streng oder drückten Sie auch ein Auge zu?

Streng, aber gerecht.

Was, finden Sie, kommt heute in der Schule zu kurz?

Es geht viel um die Entwicklung der Technik, die ich sehr bewundere, von der ich aber wenig verstehe. Dabei geht den jungen Leuten aber ein wichtiger Teil des Lebens, der musische Teil, verloren.

Auch die Literatur?

Junge Menschen sollten wieder an literarische Werke herangeführt werden. Ich habe gerne geschrieben – sogar vier Büchlein mit Erinnerungen, Gedichten und Geschichten. Wie ich dazu kam? Ich habe einfach angefangen zu schreiben.

Wer hat sie inspiriert?

Als Germanistin hat man viel mit der Literatur zu tun und liest auch viel von anderen Schriftstellern.

Schreiben Sie heute noch?

Es kommen immer wieder Gedanken an früher und die schreibe ich selbst auf. Eine ehemalige Schülerin tippt es mir dann ab.

Die Liebe zur Literatur ist also geblieben, manches verändert sich jedoch auch. Ich würde gerne nach hundert Jahren Sonderurlaub auf der Welt bekommen. Und dann möchte ich sehen, wie es hier zugeht: politisch, klimatisch und wie Menschen miteinander umgehen.

Welche Themen bewegen Sie?

Ich kann die Zeitung nicht mehr lesen, aber es ist entsetzlich, was man mitbekommt. Die Menschen schätzen nicht mehr, wie gut es ihnen geht. Wir leben hier noch auf einer „Insel der Seeligen“, wenn man sieht, wie es in anderen Ländern zugeht. Wir haben keine Ahnung, was es bedeutet, jeden Tag in Krieg zu leben, Hunger zu haben und seine Meinung nicht sagen zu dürfen.

Es geht heute auch alles sehr schnell, keiner hat mehr Zeit.

Zeit? Ja, die hat keiner mehr, das ist eben so. Ich habe viel Zeit zum Nachdenken.

Worüber denken Sie nach?

Über das Leben. Und über mich und das, was jetzt ist und noch kommt. Ich bin jetzt 101 Jahre alt und muss damit rechnen, dass ich bald sterben werde. Aber ich bin überzeugt davon, dass es weitergeht. Ich bin kein neugieriger Mensch und doch voller Erwartung. Ich bin mir sicher, ich werde niemals ausgelöscht, ich werde immer da sein. Es ist ein großartiges Geschenk des Lebens, sich seiner immer bewusst zu sein.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nein, ich erwarte ihn sogar. Das Leben war jetzt lang genug. Ich erwarte ihn mit Neugier und Freuden. Für manche unvorstellbar. Bei einem Klassentreffen haben manche beispielsweise gesagt: „Wenn es aus ist, dann ist es aus.“ Ich weiß nicht, wie man so leben kann.

Hat das mit dem Glauben zu tun?

Ja, denn ich halte ihn eben für sehr wichtig. Weil ich überzeugt bin, dass dieses Leben ein Geschenk für immer ist. Aber was ein anderer mit seinem Leben macht, das ist seine Sache. Man muss es dem Einzelnen überlassen.

Was würden Sie trotzdem jedem mit auf den Weg geben?

Menschen sollten sich mehr Zeit, nehmen für das, was im Leben wichtig ist. Nicht nur für das Auto sparen oder den Urlaub in Indien oder China. Zeit für das eigentliche Leben und die alltäglichen Dinge.

Was war Ihr schönster Moment in ihrem langen Leben?

Es gab viele schöne Momente. Es gibt auch viele Erinnerungen, die mich bewegen.

Und die Sie gerne behalten.

Nicht alle Momente, die mich bewegten, waren schön. Mein Vater starb, als ich neun Jahre alt war. Das und die Flucht vor den Russen aus meiner Heimat Ostpreußen waren eine schwere Zeit. Ich hatte außerdem noch einen Bruder, der als junger Arzt an Blutvergiftung starb – gleich zu Beginn des Krieges. Die Menschen, die ich auf der Flucht verloren habe, bleiben unvergessen und machen nachdenklicher.

Zwei Jahre später kamen sie dann aus beruflichen Gründen nach Straubing. Was hat Ihnen damals besonders gefallen?

Als ich am Bahnhof stand, sah ich von weitem den Stadtturm. Ich liebe ihn bis heute. Später ist es mir und meiner Mutter gelungen, eine kleine Stadtwohnung zu bekommen, in der wir 50 Jahre lebten.

Was haben Sie gerne in der Stadt unternommen?

Vormittags bin ich in die Kirche gegangen und danach in ein Straßencafé am Stadtplatz. Dort habe ich eine Tasse Kaffee getrunken und die Leute im Vorbeigehen beobachtet – und auch Hunde. Die hab ich gerne gestreichelt. Ich hätte so sehr gerne einen Hund gehabt.

Nach dem Tod Ihrer Mutter zogen Sie dann ins Heim.

Ja, doch nicht lange. Als das Heim umzog, hätte ich nichts von meinen Sachen mitnehmen dürfen. Aber viele Dinge hat meine Mutter mir noch gekauft wie diesen Chippendale-Tisch. Ich hätte mich nicht trennen können. Es hängen Erinnerungen dran und macht alles wohnlicher. Deshalb bin ich jetzt hier in diesem Heim.

Das Bild auf dem Regal gehört dazu, es zeigt Ihre Familie. Was haben Sie an Ihren Eltern geliebt?

Dass sie eben meine Eltern waren (lächelt). Meine Mutter war unglaublich tüchtig. Wie sie es fertig brachte, nach dem Tod meines Vaters meinen Bruder und mich bis zum Studium zu bringen, das werde ich ihr nie vergessen. Mein Vater hatte viel Fantasie, das habe ich von ihm geerbt, und den Humor.

Ihre Eltern hätten wohl nicht gedacht, dass ihre Tochter über hundert wird.

Nein, in meiner Familie ist niemand so alt geworden. Früher, wenn jemand 80 Jahre alt wurde, war das einmalig.

Ist der hundertste Geburtstag ein anderer als die vorherigen?

Eine andere Zahl halt. Es geht wieder von vorne los (lacht). Da ändert sich nicht viel.

Was ist Ihr Geheimnis, wie wird man 101 Jahre alt?

Ich weiß es nicht. Ich habe ein gleichmäßiges, ruhiges und auch von Arbeit erfülltes Leben geführt. Und bin wahrscheinlich auch ein sehr gesunder Mensch. Da ist es einfach passiert (lacht).

Neben den Erinnerungsfotos hängen hier in Ihrem Zimmer auch viele Gemälde, sind die von Ihnen?

Nein, nein, nein. Ich kann keinen Strich malen. Ich habe mehr Bindung zum Schreiben und zur klassischen Musik.

Wen mögen Sie: Mozart, Vivaldi oder Bach?

Mozart hat mir weniger gelegen und auch Vivaldi nicht – eher Bach, Reger oder Bruckner. Das Besondere an der Musik ist: Sie kann glücklich oder traurig machen. Es ist wie eine andere Sprache. Man kann es nicht beschreiben, sondern muss es fühlen. Deshalb habe ich auch gerne Klavier gespielt.

Jetzt geht das nicht mehr?

Ich hatte sechs Hörstürze. Ohne Hörgerät bin ich fast taub. Musik höre ich deshalb gar nicht mehr, die Töne sind durcheinander und unerträglich.

Welches Stück würden Sie gerne noch einmal hören?

Die Johannespassion von Bach wegen der Choräle. Einfach die Musik noch einmal erleben. Musik bereichert das Leben.

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