Straubing/Bayern Das komplexe Puzzle um die Zukunft des Rettungsdienstes

In der BRK-Rettungswache in Straubing beherbergt auch das Bereitschaftszimmer für die Notärzte am Standort Straubing. Foto: Stefan Karl

Wie soll die Zukunft von Rettungsdienst und Notfallrettung in Bayern aussehen? Der Zweckverband für Rettungsdienst- und Feuerwehralarmierung Straubing ist an gleich mehreren Konzepten beteiligt, die die Versorgung der Patienten für die Zukunft sicherstellen sollen. Jedoch – das geben auch die Verantwortlichen zu – ist noch weniges wirklich einsatzbereit und ausgereift. Das hat technische – und zuweilen auch sehr menschliche Gründe.

Was tun, wenn der Nachbar einen Herzstillstand hat oder der Bruder bei der Apfelernte von der Leiter fällt? Klarer Fall, Anruf genügt – und Minuten später ist Hilfe in Form von Rettungssanitätern und Notärzten vor Ort. Dieses Gefühl von Sicherheit wollen die Verantwortlichen am Zweckverband für Rettungsdienst- und Feuerwehralarmierung Straubing-Regen, am Kreisverband Bayerischen Roten Kreuz und bei der Kassenärztlichen Vereinigung der Bevölkerung geben. Gemeinsame Aufgabe: Dafür sorgen, dass im Ernstfall von der Erstversorgung bis zum Krankentransport alles nahtlos ineinandergreift.

Nach allen dem Zweckverband vorliegenden Statistiken ist die Versorgungsabdeckung in der Region im Notfall sehr gut. An den Standorten im Bereich des Zweckverbands Straubing liegt die Besetzungsquote bei rund 98 Prozent. Der Rettungszweckverband ist für Stadt und Landkreis Straubing-Bogen sowie für das Gebiet der Landkreise Deggendorf und Regen zuständig. Das steigende Durchschnitttsalter in der Bevölkerung bringt mehr Notfalleinsätze mit sich – gleichzeitig hat die Ärzteschaft auf dem Land die gleiche Sorge wie fast alle Branchen: Nachwuchsmangel und höhere Erwartungen bei den jungen Kollegen, sagt Christian Ernst, der Ärztliche Leiter Rettungsdienst im Rettungsdienstbereich Straubing: „Von den Notärzten wird außerdem mehr verlangt. Die Zugangsberechtigung zum Notarzt sind härter geworden.“ Die junge Ärzte-Generation lege außerdem mehr Wert auf die „Work-Life-Balance“. Auf Dauer braucht es neue Modelle. Erste Vorboten des Umbruchs zeigen sich daran, dass in jüngerer Zeit an einigen Notarzt-Standorten Nacht- und Feiertagsschichten nicht immer besetzt werden können.

Zusätzliche Ausbildung für die Rettungskräfte

Richten könnten es gleich mehrere Modelle, an denen gleichzeitig gearbeitet wird. Entlastung für die Ärzteschaft soll das Berufsbild des Notfallsanitäters bringen, erklärt Jürgen Zosel, Kreisgeschäftsführer des BRK Straubing-Bogen: „Früher hat das Rettungspersonal praktisch keine Ausbildung gehabt – das war ein besserer Erste-Hilfe-Kurs. Da war der Arzt der medizinische Dreh- und Angelpunkt eines jeden Einsatzes.“ Mit dem Notfallsanitäter habe sich auch die Notarzt-Ausbildung verändert, „weil man erkannt hat: Es gibt jetzt Fachpersonal im Rettungsdienst, das kann bestimmte Einsätze auch ohne Notarzt abbilden. Ärzte können daran Kompetenzen übertragen, ein Notfallsanitäter kann zum Beispiel im Auftrag Medikamente geben.“

Also der Notfallsanitäter als „Ersatzarzt“ für die weniger kritischen Fälle? Den Vergleich hält Christian Ernst für nicht ganz treffend: „Wenn er bei einem Einsatz eine akute Lebensgefahr feststellt, muss der Notfallsanitäter immer den Notarzt nachfordern. Nur wenn Lebensgefahr ausgeschlossen werden kann, darf der Sanitäter medizinische Behandlungen durchführen, etwa eine gewisse Menge an Schmerzmitteln geben.“

Den „Notfallsanitäter“ haben bereits einige Mitarbeiter des BRK Straubing-Bogen gemacht. Das Personal wäre vorhanden – es fehlt allerdings noch die Technik dahinter. „Als Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes brauche ich einen Überwachungsmöglichkeit für die Einsätze, die wird gerade programmiert“, erklärt Ärztlicher Leiter Christian Ernst. Die entsprechende Software soll voraussichtlich bis Ende des Jahres fertig sein. Die größte Hürde sei der Datenschutz.

Tele-Notarzt abhängig vom Netzausbau

Gleichzeitig wurde auf dem Gebiet des Zweckverbands der sogenannte Tele-Notarzt erstmals getestet. Schon jetzt steht als Ergebnis des Testlaufs fest: Der Tele-Notarzt soll bayernweit eingeführt werden. Der Notarzt kommt bei diesen Einsätzen nicht mehr persönlich, sondern erhält online Patientendaten, kann sich per Videoübertragung ein Bild der Lage machen und dann Anweisungen für das Rettungspersonal vor Ort geben.

Vor allem vom Netzausbau werde es wohl in weiten Teilen Bayerns abhängen, wie schnell der Tele-Notarzt flächendeckend zum Einsatz kommt, sagt Gerhard Kleeberger, der Leiter der Integrierten Leitstelle Straubing: „Der Test hat gezeigt, dass wir noch weiße Flecken haben auf der Landkarte. Wir mussten schon hin und wieder auf das normale Telefonnetz zurückgreifen.“ Dennoch ist Kleeberger zuversichtlich, dass das Modell langfristig funktionieren wird: „Wir bekommen da noch neuere Technik. Die Fahrzeuge werden immer mehr an die Datennetze angebunden. 5G ist ein Thema. Auch da soll ja Niederbayern eine Pilotregion werden.“ Laut Christian Ernst ist Bayern: „In Österreich können Sie wo auch immer in den Alpen sein und da haben Sie ein Netz. Wenn man das vergleicht, dann können wir uns da schon noch eine Scheibe abschneiden.“

Notarzt „in 30 Prozent der Fälle wirklich gebraucht“

Wichtiger als digitale Patientenbetreuung und neue Kompetenzen für die Sanitäter sei aber die Eigenverantwortung in der Bevölkerung, sind sich die Vertreter aller drei beteiligten Organisationen einig: „Dass die Bürger auf sich selber schauen, auf den Nachbarn schauen. Das vermissen wir zunehmend“, erklärte Gerhard Kleeberger. „Wir gehen auch in die Schulen, um bereits in der sechsten, siebten Klasse den Leuten Dinge wie Herz-Lungen-Wiederbelebung nahe zu bringen.“

Oft hänge es nicht vom Notarzt, sondern vom Ersthelfer ab, ob und wie gut ein Patient eine gesundheitliche Notsituation übersteht, sagt auch Christian Ernst: „Wenn der Notarzt nicht innerhalb drei Minuten am Einsatzort ist, können manche Patienten nicht mehr ohne Schaden gerettet werden. So ein engmaschiges Notarzt-System hatten wir aber nie und werden wir auch nie haben.“

Wichtig sei es in Zukunft, die Notärzte genau dorthin zu bringen, wo sie wirklich gebraucht werden. „Das sind etwa 30 Prozent der Einsätze“, rechnet Christian Ernst vor. Bedeuten weniger Einsätze für die Notärzte nicht aber auch weniger Bezahlung und damit weniger Ärzte, die für den Bereitschaft zur Verfügung stehen? „Aus meiner Sicht sollte das Geld im System bleiben. Wenn das Geld, das jetzt zur Verfügung steht, entsprechend auf die Notärzte umgelegt wird, dann schafft das auch die richtigen Anreize.“

Die Vergütung allerdings ist Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung – die diese Tarife wiederum mit den Krankenkassen aushandeln muss. Ob die Neuaufstellung im Rettungswesen ein Erfolg wird und langfristig zu mehr Patientensicherheit führt, hängt also von vielen Faktoren ab.

„Das wird jetzt etwas knirschen“, fasst BRK-Kreisgeschäftsführer Jürgen Zosel zusammen, „aber wenn dieser Umbruch abgeschlossen ist, wird auch das ganze System wieder etwas ruhiger laufen.“

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