Sophias MUT Fair und nachhaltig bei "Mit Ecken und Kanten"

Das Motto auf dem Shirt: Jessica Könnecke ist der Kopf hinter „Mit Ecken und Kanten“. Die Idee: Produkten mit Makeln eine zweite Chance geben. Foto: Julia Stiller

„Why so perfect, honey?“ Diesen Spruch erhält jeder, der beim Online-Shop „Mit Ecken und Kanten“ einkauft. Als Karte, die im Karton steckt. Die vier Wörter beschreiben das Konzept: eine zweite Chance für nicht immer makellose, aber faire und nachhaltige Produkte. Gründerin Jessica Könnecke will die Welt unperfekter machen.

Jessica Könnecke ist auf einem Kunsthandwerkermarkt in Berlin, als sie in einer versteckten Ecke eines Standes etwas entdeckt. Eine Kiste voller „unperfekter“ Keramik. Stücke, die einen Sprung haben, oder bei denen Farbe abgeplatzt ist. Ein Stand weiter, das gleiche Bild. Nur sind dieses Mal Kleidungsstücke in der Kiste. Die ersten Prototypen einer Schneiderin.

Jessica überlegt. Und recherchiert. Haben alle Unternehmen Produkte, die den Perfektionsstempel nicht erreichen? Und was passiert damit? Im Sommer 2017 arbeitet sie in einem Start-up in Berlin, nachdem sie ihren Master in Schweden abgeschlossen hat. In ihrer Freizeit führt sie einen Blog über Nachhaltigkeit und Fair Fashion. Auch während ihres Masters hat sie in einer Studentenzeitschrift Artikel zu diesen Themen verfasst, nachdem sie der Film „The True Cost“, eine Dokumentation über die Modeindustrie und ihre Folgen, nicht mehr losgelassen hat.

Jessica stellt fest: Es gibt keine Plattform für „B-Ware“

Durch ihre Recherche bemerkt Jessica: Es gibt keine Plattform für „B-Ware“. „Daher musste ich sie selbst schaffen.“ Und so wurde Jessica mit 25 Jahren im November 2017 zur Gründerin des Unternehmens „Mit Ecken und Kanten“ (miteckenundkanten.com) mit Sitz in Nürnberg. Zwei Jahre später blickt sie auf die nervenaufreibende Zeit zurück. „Zuerst habe ich einen Online-Shop aufgebaut.“ Anfangs dient das Arbeitszimmer als Produkte-Lager, später der Keller der Mama. Das Konzept von „Mit Ecken und Kanten“ erklärt die 27-Jährige so:

1. Alle Produkte sind fair und nachhaltig produziert und können wegen eines Schönheitsfehlers, einer alten Verpackung oder Rezeptur oder eines Sortimentswechsels nicht mehr verkauft werden.

2. Die Produkte werden daher im Online-Shop oder im Laden günstiger angeboten. Im Schnitt um die 40 bis 50 Prozent.

3. „Letztlich ist es eine Win-win-Situation für alle“, sagt Jessica. „Die Unternehmen wissen, dass ihre Produkte einen Besitzer finden, die Kunden retten Sachen und bekommen faire und nachhaltige Dinge günstiger.“

„Wer ein Start-up gründet, muss vor allem bekannt werden“

„Klar hatte ich Zweifel am Anfang“, sagt Jessica. Aber sie schafft es, ihre Zweifel mit einer einfachen Taktik zu überwinden. „Ich habe mir das Worst-Case-Szenario ausgemalt und mir überlegt, wie ich dann darauf reagieren würde.“ Zur Not hätte sie nebenbei in einem der vielen Cafés in Nürnberg gearbeitet oder sich irgendwo beworben. „Ich wollte – krass ausgedrückt – keine Lebenszeit vergeuden, sondern mich direkt selbstständig machen.“ Einfach ist das nicht. „Wer ein Start-up gründet, muss vor allem bekannt werden. Das braucht Zeit und Durchhaltevermögen.“ Jessica nutzt dafür Social Media. „Ich will die Menschen hinter unserem Shop zeigen und suche Kundenkontakt.“ Doch „Mit Ecken und Kanten“ steht nicht nur für den Kundenkontakt. Sondern vor allem für ihre durchdachten Auswahlkriterien: „Die Marken müssen zu uns passen. Da sind wir bezüglich Transparenz, Herkunft der Produkte, ethischer Korrektheit und Nachhaltigkeit selektiv.“

Anfangs bekommt Jessica die Produkte auf Kommissionsbasis. Das heißt: „Die Unternehmen gaben mir einen gewissen Prozentsatz des Preises, wenn ich ihre aussortierten Produkte verkaufen konnte.“ Das erleichtert ihr die Finanzierung und nimmt der Gründerin auch die Angst. Mittlerweile sind Trinkflaschen, Brotboxen, Bambuszahnbürsten und Rasierhobel die Verkaufsschlager bei „Mit Ecken und Kanten“, sagt Gründerin Jessica. „Das freut mich, da dadurch weniger Müll produziert wird.“ Jessicas Lieblings-Produkte sind wiederverwendbare Abschminkpads. „Die nutze ich täglich.“

2018 eröffnet Jessica zusätzlich zum Online-Shop einen Laden in Nürnberg und baut ein kleines Team auf. Mittlerweile ist die Logistik eine große Aufgabe im Alltag. Das Sortiment muss aktualisiert werden. Welche Produkte sind gerade verfügbar? Welche Stückzahl ist vorhanden? Die Kunden wollen schließlich wissen, was es gibt. Das sind vor allem „Menschen, die sich für Nachhaltigkeit interessieren.“ Darunter viele Frauen. „Nachhaltigkeit ist weiblich“, sagt die Gründerin. „Aber wir haben auch Männer, die bei uns einkaufen.“ Daher versuche das Team, das Sortiment in diese Richtung zu erweitern.

„Alles was schon im Kreislauf ist, sollte man weiterverwenden“

„Aber auch Leute, die nach und nach auf umweltfreundliche Produkte umsteigen wollen, sind bei uns richtig.“ Trotzdem sei die nachhaltigste Weise zu konsumieren nach wie vor Second-Hand. „Gerade im Modebereich. Alles, was schon im Kreislauf ist, sollte man weiterverwenden, um keine weiteren Ressourcen zu verbrauchen.“ Jessica sieht „Mit Ecken und Kanten“ als Ergänzung im nachhaltigen Lebensstil.

Sie hat einen besonderen Wunsch: „Nicht perfekt zu sein, ist mir sehr wichtig. Wenn du nachhaltiger leben willst, ändere die Dinge Schritt für Schritt, sonst gibst du vielleicht auf, weil dir die Aufgabe zu groß scheint.“ Die 27-Jährige rät Neukunden beispielsweise, erst die Zahnbürste durch eine Bambuszahnbürste zu ersetzen und zu schauen, wie sie damit klarkommen. „Wenn du von heute auf morgen alles aus deinem Badezimmer schmeißt, hast du keinen Spaß daran.“ Der unnötige Stress setze einen zu sehr unter Druck. „Ich vergesse auch mal meinen Jutebeutel oder meine Snacktüte beim Bäcker. Dann nehme ich eben eine Tüte und überlege mir, wie ich die dann weiter verwenden kann. Zum Beispiel für den Müll.“

 

Hier findest du weitere Teile von Sophias MUT.

 

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