Österreich Magie und Gletscherspalten im ewigen Eis

Und plötzlich verschwindet der Gletscherbach im senkrechten Nirgendwo. Foto: Nikolaus Sieber

Die spannendsten Reisen beginnen dort, wo Gewöhnliches und Bekanntes enden. Eine Mixtur aus Sonnenaufgangs-Frühstück auf fast dreieinhalbtausend Meter Höhe, Gletscherüberquerung mit Spalten-Hopping und Mittagseinkehr in der Alpenvereinshütte, gekoppelt mit einem schnellen Talabstieg per Mountainbike, findet man seit diesem Sommer im Pitztal. So nennt sich ein Seitental des Inns, über dessen Talabschluss der höchste Gipfel Tirols, die Wildspitze, thront.

"Immer auf der vereisten Gletscherfläche bleiben und die unsicheren Schneefelder umgehen, denn die können plötzlich einsacken", trichtert Bergführer Michael Walser der Gruppe schon beim Betreten des Eises ein. Man wisse nicht, wie dick die Schneedecke sei - und sollte sie über einer Gletscherspalte liegen - ob sie als Schneebrücke überhaupt trage. Für das Umgehen der frei sichtbaren Spalten ist der vorausmarschierende Bergführer von der Bergführervereinigung Pitztal zuständig.

Mit der Berg-U-Bahn, dem Gletscherexpress, fährt die Gruppe bis auf eine Höhe von 2.840 Meter. Von hier wird über wegloses Moränengelände und dem Mittelbergferner zum Mittelbergjoch gewandert. Nach kurzem Abstieg steht man schon auf der riesigen Eisfläche des Taschachferners. Obwohl die Oberfläche griffig ist, werden die mitgeführten Steigeisen auf die Wanderschuhe geschnürt und - da die Gruppe ihm noch unbekannt ist - entscheidet Walser, den ersten Streckenabschnitt als Seilschaft zu gehen.

Spalten-Hopping und Abseil-Abenteuer

Die wilde Schönheit im rauen hochalpinen Gebirgsgelände mit der ausgedehnten Gletscherzunge steigert die Eisfaszination enorm. Schon kleine Spalten lösen staunende Begeisterung aus. Oft kommt ein Gurgeln oder Rauschen aus der Tiefe. Viele kleine Rillen im Eis führen Schmelzwasser zu einem Gletscherbach, der an der Oberfläche bergab fließt und irgendwann bei einer Gletschermühle im Schlund des Eis-Ungetüms verschwindet. "Aufpassen, nicht zu nah an die Kante treten!", warnt Walser. In der Folge tauchen immer größer werdende Spalten auf. Sein versiertes Auge überblickt recht schnell deren Umrisse und sucht schrittbreite Übergänge. Mal nach links, mal nach rechts, was den Parcours schlangenförmig aussehen lässt, aber die Gefahrenstellen werden so sorgfältig umgangen. Eine Gletscherbegehung sollte man nie allein und möglichst mit einem erfahrenen Bergführer unternehmen.

Weiter unten werden Gletscherbrüche erreicht, unheimlich und furchterregend geben sich die großen Spalten. Trotzdem sicher genug, um für freiwillige Spaltenritte ein Abhängen zu wagen. Der Bergführer trifft die Vorkehrungen, verankert das Seil im Eis und lässt am anderen Seilende den "Mut-Probanden" über die Spaltenkante springen - pardon hinabgleiten. Dieser erste Schritt ist es dann auch, der die höchste Überwindung erfordert. Der Schritt, der in die Senkrechte der Eiswand ansetzt. Ein Abseilen in die Spalte simuliert nicht nur die Rettung aus solch einer, sondern erzeugt auch das Kitzel-Feeling, aus einer lebensbedrohlichen Situation überhaupt gerettet zu werden. Ein aufregendes Abenteuer, mit Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis.

3.000er-Frühstück bei Sonnenaufgang

Und wie war das Höhenrausch-Frühstück? Das hat gut geschmeckt und ist mittlerweile auch schon ziemlich vergessen, da ein Höhepunkt den anderen ablöst. Freitags fahren die Bahnen schon zum Sonnenaufgang. Vom Gletscherexpress gleich in die Wildspitzbahn umsteigen und hoch geht es auf den Hinteren Brunnenkogel zum höchstgelegenen Kaffeehaus Österreichs. Zusammen mit der Bergstation hat die moderne Architektur dem "Café 3.440" eine außergewöhnliche Form verliehen.

Faszinierend ist die Aussicht auf nicht weniger als fünfzig Dreitausender. Und natürlich tief runter auf die Gletscher, wo - winzig wie Flöhe auszumachen - gerade eine Seilschaft zur Wildspitze unterwegs ist. Hier, im Antlitz des höchsten Gipfels Tirols, kann auch eine Yoga-Stunde gebucht werden. Die Matten dafür sind speziell - der frische Geruch verrät es - aus Zirbenholz angefertigt.

Die Speckknödelsuppe lockt aufs Taschachhaus

Unterhalb der Gletscherzunge liegt dann schon der nächste Einkehrstützpunkt. Ausruhen und Mittagsessen im Taschachhaus mitten im alpinen Gelände und mit bester Sicht auf die Gletscherzunge.

Danach wird abgestiegen. Dem Taschachbach entlang zumindest bis zur Materialseilbahn der Alpenvereinshütte. Dort stehen Mountainbikes zum Ausleihen bereit. So werden die letzten sieben Kilometer bis zum Startpunkt in Mandarfen bequemer zurückgelegt - und das neue "Hike/Eis/Bike-Angebot" im Pitztal wird zum alternativen "Alpen-Triathlon".

Den einladenden Stopp bei der Taschachalm verlegt man besser auf einen anderen Tag und besichtigt vormittags noch das Treiben bei der Bergkäseerzeugung. Danach wandert man hoch zum Rifflsee, wo schnell der Tag verstreicht. Eine Seeumrundung um Tirols höchstgelegener Bergsee unternehmen oder noch besser, gleich eine Floßfahrt auf demselben - solch Unternehmungen braucht es, um den Zauber des Farbenspiels im See mit den Widerspiegelungen des schroffen Seekogels und seinen benachbarten vergletscherten Bergriesen mitzuerleben. Ein bequemes und entspanntes Kontrastprogramm.

Die Stärkung holen sich die Urlauber auf der nahen Sunna Alm ab, das ansässige Restaurant lockt mit großer Sonnenterrasse. Das hochmoderne Passivhaus gliedert direkt an die Bergstation der Rifflseebahn an. Die Seilbahn wird als mühelose Abstiegsalternative zum sehr steil abfallenden Wanderpfad durchs Hirschtal meistens herangezogen. Zuerst: Floß ahoi! Danach: Bahn bergab!

 

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