Mit sofortiger Wirkung Linke-Chefin Hennig-Wellsow tritt zurück

Susanne Hennig-Wellsow stellt ihr Amt als Co-Parteivorsitzende zur Verfügung. Foto: Fabian Sommer/dpa

Die Linke hat nach dem Debakel bei der Bundestagswahl nicht mehr aus ihrem Tief herausgefunden. Jetzt wirft eine der Parteichefinnen hin: Susanne-Hennig Wellsow erklärt ihren Rücktritt.

Nach nur einem Jahr und zwei Monaten an der Spitze der Linken tritt deren Co-Chefin, Susanne Hennig-Wellsow, zurück. "Ich stelle heute mein Amt als Parteivorsitzende der Linken mit sofortiger Wirkung zur Verfügung", schrieb sie auf ihrer Internetseite.

In ihrer Erklärung begründete die 44-Jährige den Schritt unter anderem mit nicht erfüllten Erwartungen bei der Erneuerung der Partei. "Wir haben zu wenig von dem geliefert, was wir versprochen haben. Ein wirklicher Neuanfang ist ausgeblieben. Eine Entschuldigung ist fällig, eine Entschuldigung bei unseren Wählerinnen und Wählern, deren Hoffnungen und Erwartungen wir enttäuscht haben."

Erneuerung sei nötig, "und diese Erneuerung braucht neue Gesichter, um glaubwürdig zu sein", schrieb Hennig-Wellsow. Die Linke habe es verdient, von Menschen geführt zu werden, die Anhängern und Mitgliedern wieder Mut machten.

Gut ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl war sie auf einem Parteitag gemeinsam mit Janine Wissler an die Spitze der Linken gewählt worden. Die Partei war bei der Wahl dann deutlich von 9,2 auf 4,9 Prozent abgerutscht und nur wegen dreier Direktmandate überhaupt wieder ins Parlament eingezogen. Anschließend kam es zu heftigen innerparteilichen Diskussionen über die Ursachen und den richtigen Kurs. Unter Druck kam dabei auch die Parteispitze mit Hennig-Wellsow, die im Wahlkampf persönlich offensiv für ein Regierungsbündnis mit SPD und Grünen auf Bundesebene geworben hatte, was nicht überall in der Partei ankam. Wissler äußerte sich am Mittwoch zunächst nicht zum Rücktritt ihrer Co-Chefin.

Private Gründe und Sexismus

Hennig-Wellsow führte für ihre Entscheidung auch private Gründe an. Sie habe einen achtjährigen Sohn, der sie brauche. "Aber auch die Linke braucht in dieser Situation eine Vorsitzende, die mit allem, was sie hat, für die Partei da ist." Zudem erwähnte sie den Umgang mit Sexismus in den eigenen Reihen. Dieser habe eklatante Defizite der Partei offen gelegt. Am vergangenen Freitag waren über einen Bericht des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" mutmaßliche Fälle sexualisierter Gewalt in der hessischen Linkspartei öffentlich geworden. Am Mittwochabend wollte der Bundesvorstand der Linken darüber beraten.

Die Jugendorganisation Linksjugend Solid sieht in den bekanntgewordenen Vorwürfen sexueller Übergriffe innerhalb der Linkspartei ein bundesweites Problem. Seit Freitag habe die mit der Linken verbundene Organisation mit "mehr als 30 weiteren Betroffenen" gesprochen, sagte Solid-Bundessprecherin Sarah Dubiel am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Es kämen "immer wieder neue Meldungen dazu", sagte Dubiel.

Hennig-Wellsow bleibt im Bundestag

Hennig-Wellsow und Wissler hatten am 27. Februar 2021 das langjährige Führungsduo Katja Kipping und Bernd Riexinger abgelöst, die auf eine weitere Amtszeit als Parteivorsitzende verzichtet hatten. Bevor Hennig-Wellsow im September in den Bundestag gewählt wurde, war sie 17 Jahre lang Abgeordnete im Thüringer Landtag, seit 2014 auch als Fraktionsvorsitzende. In diesem Amt erlangte Hennig-Wellsow bundesweite Bekanntheit, als sie im Februar 2020 dem damals mit AfD-Stimmen zum Ministerpräsidenten gewählten FDP-Politiker Thomas Kemmerich einen Blumenstrauß vor die Füße warf.

Parteimitglied will sie weiterhin bleiben und auch ihr Bundestagsmandat weiter wahrnehmen, erklärte Hennig-Wellsow. Wie die Besetzung an der Parteispitze künftig aussehen könnte, blieb am Mittwoch unklar. Für den 24. bis 26. Juni ist schon lange ein Parteitag in Erfurt geplant. Bundesgeschäftsführer Jörg Schindler schrieb am Mittwoch bei Twitter, er werde vorschlagen, dass dort der Parteivorstand neu gewählt werde.

Gysi: Respekt für Entscheidung

Nach Ansicht des ehemaligen Linken-Fraktionschefs Gregor Gysi war Hennig-Wellsow "in ihrer Funktion nicht glücklich". Das sagte Gysi dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Er nehme ihre Entscheidung mit Respekt zur Kenntnis. Der heutige außenpolitische Sprecher der Fraktion fügte hinzu, Hennig-Wellsow "ist auch nicht glücklich gemacht worden".

Auf dem Twitter-Account der Linken hieß es am Mittwoch zum Rücktritt Hennig-Wellsows: "Wir bedauern diese Entscheidung sehr. Der Parteivorstand wird heute Abend und am Wochenende über die weiteren Schritte beraten."

Der Bundesgeschäftsführer der Partei, Jörg Schindler, schrieb, er werde vorschlagen, dass auf dem schon lange geplanten Parteitag im Juni der Parteivorstand neu gewählt werde.

Dieser Artikel ist Teil eines automatisierten Angebots der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Er wird von der idowa-Redaktion nicht bearbeitet oder geprüft.

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