Landshut Leichnam von getötetem Iraker (23) soll überführt werden

Der Schauplatz der schrecklichen Bluttat: Das Flüchtlingswohnheim in der Siemensstraße. Foto: rn

Es ist der schlimmste Fall, der zum Jahresende in einer städtischen Flüchtlingsunterkunft eintreten konnte: 13 Monate lang hat es nach Angaben des Leiters der Stabsstelle Flüchtlingskoordination der Stadt, Thomas Link, in den Flüchtlingsheimen, die von ihm betreut werden, nicht eine Schlägerei gegeben. Dann entwickelte sich ein Streit am ersten Weihnachtsfeiertag zwischen zwei Irakern in der Notunterkunft an der Siemensstraße zu einer Tragödie.

Ein 24-Jähriger verletzte während der Auseinandersetzung seinen 23-jährigen Landsmann mit einem Messer so schwer, dass dieser deswegen am 30. Dezember in einem Krankenhaus starb. Ärzte konnten den Mann zwar eine Zeit lang künstlich beatmen, erholen konnte sich der 23-jährige nach Angaben von Thomas Link, der ihn im Krankenhaus besuchte und Kontakt zu den Ärzten hielt, nicht mehr.

Lesen Sie hier die Erstmeldung: Messerstecherei in Flüchtlingsheim

Den anderen Bewohnern des Flüchtlingswohnheims gehe es hingegen langsam besser, sagt Link. Ärzte und das Kriseninterventionsteam vom BKA hätten wichtige Betreuungsarbeit geleistet, vor allem bei zwei Kleinkindern im Alter von zwei und vier Jahren. Die hatten die Tat zwar selbst nicht beobachtet, hätten aber verständlicherweise auf den Lärm und den Tatort sehr verstört reagiert. Zudem jagten die Uniformen der Polizisten dem älteren der beiden Kinder einen gewaltigen Schrecken ein. Wie Link von den Eltern in Erfahrung bringen konnte, bringt das Kind – wohl aus Erfahrungen aus der Heimat und der Flucht – mit uniformierten Männern etwas Schlechtes in Verbindung.

Die Pläne, die Familie in ein separates Zimmer oder in eine andere Unterkunft zu verlegen, unterstützten die Ärzte nicht. Vielmehr sollte so schnell wie möglich der Alltag in die Flüchtlingsunterkunft einkehren. Das funktioniere bisher gut. Vor allem auch deshalb, weil keine Racheakte von anderen Bewohnern zu befürchten seien: „Es herrschte, nachdem die Polizei weg war, wegen dieser Frage zunächst eine große Unsicherheit bei uns“, sagt Link. Nach intensiven Gesprächen mit den anderen Bewohnern sei davon aber nicht auszugehen.

Die beiden Iraker befanden sich nach Polizeiangaben erst seit wenigen Tagen in der Unterkunft an der Siemensstraße und wurden dezentral zugewiesen. Wie Link durch Gespräche mit den anderen Bewohnern jetzt herausgefunden hat, waren Täter und Opfer vor ihrem Streit wohl ziemlich gut befreundet. Sie hätten sich bereits in einem anderen Flüchtlingsheim kennengelernt und wären gemeinsam nach Landshut gekommen, sagt Link.

Lappalien oftmals Auslöser

Streitigkeiten wie zwischen den beiden Männern, die einen Tag vor der Tat bereits eine Auseinandersetzung hatten, gebe es in den Unterkünften, die Link betreut, öfters. „In solchen Fällen legen wir so schnell wie möglich einen Schlichtungstermin fest.“ Diese Termine finden nach Angaben Links auch nachts, an den Wochenenden und an Feiertagen statt. Den Frieden in den Unterkünften zu bewahren gehört zu Links wichtigsten Prinzipien. „Wir reden mit den Bewohnern lieber einmal zu viel, als zu wenig.“

Die meisten Streitigkeiten unter den Flüchtlingen seien dabei nicht mehr als Lappalien, kleine Auslöser, in denen sich der Fluchtstress entlädt: Bisher hätte es aber keine echten Streitpunkte gegeben. Es wurde wegen ungleicher Essensverteilung oder über den Putzdienst gestritten, sagt Link. Zwischen Parteien zu vermitteln habe stets gut geklappt. Unbelehrbare steckt Link schon einmal in seinen VW-Bus und fährt sie in eine weniger komfortable Unterkunft zum Nachdenken.

Sicherheit verdoppelt

Auch am 25. Dezember war das Schlichtungsgespräch schon vereinbart. Doch dazu kam es nicht mehr. Etwa eine Stunde vor dem Termin, gegen 14.30 Uhr, endete der Streit der Iraker in einer Messerstecherei. Der Streit zwischen den beiden, das will Link erfahren haben, habe wohl sehr persönliche Gründe gehabt. Die Tatwaffe stammte nach Links Angaben nicht aus dem Sortiment des Flüchtlingswohnheims. Die Wachleute sind ebenfalls wohlauf. Sie hatten am Tag der Messerattacke nicht nur tadellos Erste Hilfe geleistet, sondern auch ihren Dienst bis zum Ende verrichtet und sich nicht ablösen lassen. Der Sicherheitsdienst im Flüchtlingswohnheim ist dennoch verdoppelt worden.

Jetzt muss sich der Iraker wegen Totschlags vor Gericht verantworten. Bei einer Verurteilung droht ihm eine Gefängnisstrafe nicht unter fünf Jahren, im Höchstfall eine lebenslange Freiheitsstrafe. Wie Link erfahren hat, ist mit der Familie des Verstorbenen, die im Irak wohnt, mittlerweile Kontakt aufgenommen worden. Der Leichnam des Verstorbenen soll in sein Heimatland überführt werden.

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

11 Kommentare